AUS DEM STERN 30/2001 Quälen für Olympia

Erst ist ein leises Wimmern zu hören, und in die Augen der fünfzig Kinder kriecht Angst: Jeder kann der Nächste sein. Ihr Trainer befiehlt: »Sing, los, sing!«

Erst ist ein leises Wimmern zu hören, und in die Augen der fünfzig Kinder kriecht Angst: Jeder kann der Nächste sein. Dann gellt ein Schmerzensschrei hoch bis unter das Wellblechdach der alten Turnhalle von Xiantao, einer Retortenstadt nahe des Yangtse-Flusses in Zentralchina. Ein Junge liegt auf dem Rücken, nackt bis auf ein weißes Unterhöschen mit Mickymaus-Aufdruck. Trainer Yang drückt das linke Bein des Sechsjährigen auf den Boden, hebt das rechte senkrecht in die Luft und presst es langsam am rechten Ohr vorbei, bis Knie und Fußspitze die Matte berühren - ein umgekehrter Spagat, zehn ewige Sekunden lang, als hielten leblose Gummistränge und nicht empfindliche Sehnen den Kinderkörper zusammen.

»Sieger sein. Gold holen.«

Der Junge wirkt wie in einer langen Linie auf den Boden geklebt, nur sein Brustkorb bäumt sich unter den Schmerzen. Dann erstirbt der Schrei des kleinen Turners in einem weinerlichen Jammern. Yang, ein drahtiger, ehemaliger Militär-Coach, befiehlt: »Sing, los, sing!« Brüchig und von Tränen erstickt quellen die Worte aus dem Kindermund: »Männer aus Eisen weinen nicht. Wir wollen Helden sein. Sieger sein. Gold holen.«

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»Einmal schlagen, dreimal trösten ...«

Der Mann, der den Durchhaltetext gedichtet hat, holt tief Luft und seufzt: »Manchmal zerreißt es uns selbst das Herz. Aber ohne diese Qual sind keine Spitzenleistungen möglich.« Direktor Yan Yongping hat gütige Augen, färbt seine grauen Haare schwarz wie Chinas Präsident Jiang Zemin und züchtet Olympiasieger. »Einmal schlagen, dreimal trösten und loben«, lautet sein Credo. Um seine Schüler zu motivieren, erzählt er ihnen von den mehr als 800 Weltrekorden, die Chinas Sportler aufgestellt haben, und von den eigenen Erfolgen. Seit den Spielen von Barcelona 1992 stand jedes Mal mindestens einer seiner Schützlinge auf dem Treppchen. Jetzt trainiert Yan die Olympiasieger von 2008. »Sie sollen vor den Augen ihres eigenen Volkes die Goldmedaille umgehängt bekommen. Das ist mein Lebenstraum«, sagt er.

Jubel in Peking

Direktor Yan darf hoffen, seit am vergangenen Freitag die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Peking die Sommerspiele von 2008 zusprachen. Bei den Verlierern in Paris, Toronto, Osaka und Istanbul herrschte Katzenjammer. Menschenrechtsorganisationen stöhnten auf. Angesichts von mehr als 2000 Hinrichtungen seit Jahresbeginn und der Verfolgung von Regimegegnern und Anhängern der Falun Gong Sekte vergleicht der Dissident Wei Jingheng die chinesische Führung mit dem Hitler-Regime. Die Spiele in Peking auszutragen sei gleichzusetzen mit der Aufwertung der Nazis durch die Berliner Spiele von 1936.

Gute Geschäfte?

Im Pekinger Kneipenviertel aber fielen sich die Menschen jubelnd in die Arme. Teenager malten mit Lippenstift rote Fahnen auf ihre Wangen und bespritzten die sonst so gefürchteten Polzisten mit Sekt und Bier. In einer Mischung aus »Wir sind wieder wer«-Nationalstolz und fröhlicher »Die Welt liebt China doch«-Erleichterung zogen Hunderttausende auf den Platz des Himmlischen Friedens und legten den Verkehr bis in die frühen Morgenstunden lahm. Internationale Großkonzerne hoffen auf gute Geschäfte, das IOC und Politiker im Westen setzen auf eine weitere Öffnung des Landes, das mit seinen 1,3 Milliarden Menschen längst zu einer Sport-Großmacht aufgestiegen ist. In Sydney wurde China 2000 drittbeste Nation, übertrumpft nur von den USA und Russland.

»Ärmliches Hühnernest«

»Der Goldene Phönix schlüpft eben aus einem ärmlichen Hühnernest«, sagt Startrainer Yan. Die Sprünge im Fensterglas seiner Turnhalle mäandern wie der Mekong in seinem Delta. In einigen Rahmen fehlt das Glas: Die metergroßen Löcher verdecken Yans Leute mit Plastik gegen die sintflutartigen Sommerregen. Dafür drückt die 40-Grad-Hitze umso unbarmherziger in die Halle. Vier der acht Ventilatoren sind schon lange kaputt. Aus den zerschlissenen Matten bröselt der Schaumstoff auf den Betonboden. Das Leder am Pferd hat Risse, und die Kletterstangen an der Wand sind aus Eisen, das Direktor Yan vor zwanzig Jahren einer Werft am Yangtse abgeschwätzt und selbst zusammengeschweißt hat. »Es geht schnell aufwärts hier«, behauptet er. »Vor 15 Jahren trainierten wir noch auf Stroh.« Auf einer Tafel, die der Starcoach mit schwarzer Farbe an die Wand gemalt hat, steht die Tageslosung: Ein gutes Fundament legen, Talente fördern, Gold greifen. Der einzige Luxus ist ein großer Leuchtkasten an der Stirnseite der Halle. Er zeigt die vier Olympiasieger, die Direktor Yan trainiert hat.

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Material suchen

Einen von ihnen, Zheng Lihui, der in Sydney Gold im Mannschaftsturnen gewann, entdeckte Yan vor 18 Jahren an einem schwülen Junitag auf einer Zypresse, in der Dorfkinder herumkletterten. Der Trainer war auf einer seiner regelmäßigen Touren durch Kindergärten und Schulen - »xuan cai«, Material suchen. Tausende Trainer forschen wie er nach Talenten, systematisch wie in keinem anderen Land, seit die DDR unterging und Russland sparen muss. China hingegen verzehnfachte sein Sport-Budget, nachdem es 1988 bei den Spielen von Seoul nur fünf Goldmedaillen gewann. Heute gibt es 232 Provinzleistungszentren und auf Kreisebene 2720 Sportsonderschulen.

»Bitternis essen«

»Der kleine Zheng war flink wie ein Affe«, erinnert sich Direktor Yan. Auf dem Gepäckträger seines Rades fuhr er den Jungen abends 20 Kilometer weit zur Turnhalle. Der Trainer testete seine Sprungkraft, begutachtete seinen Körper: klein, muskulös und biegsam wie eine Feder im Wind. Die Arme und Beine gerade. Dann bestellte er die Eltern ein, überzeugte die zögernde Mutter, eine Bäuerin. »Kinder vom Land sind es gewohnt, Bitternis zu essen«, sagt Yan. »Sie können sich besser quälen als die verwöhnten Stadtkinder.« Und ihre Eltern hoffen auf Wohlstand und Ruhm.

Zu Recht. Als die Li-Brüder, auch beides Turner aus Yans Talentschmiede, 1992 Gold und Silber holten, jubelten ihnen am Stadion von Xiantao mehr als 80000 Menschen zu. Es gab Prämien der Zentral- und Provinzregierung; die Stadt spendierte eine 300-Quadratmeter-Villa. Zur Einweihung war die ganze Sportschule eingeladen, Schüler und Eltern. »Wir mussten fortan nichts mehr sagen. Die Eltern hatten verstanden und spornten ihre Kinder noch entschiedener an«, sagt Direktor Yan.

Kapitalismus hält Einzug

Längst hat der Kapitalismus Einzug in den chinesischen Spitzensport gehalten. Vom Westen lernen, heißt Geldverdienen lernen. Die Li-Brüder fahren heute japanische Import-Limousinen, lassen unter ihrem Label Sportschuhe nähen und Trainingsanzüge schneidern. Sie gebieten über 280 Filialen im ganzen Land. Fu Mingxia, die vierfache Turmspring-Olympiasiegerin, schloss jüngst einen Werbevertrag in Millionenhöhe mit Sprite ab. Die in ganz China beliebte Sport-Diva, die meist in Hongkong lebt, hat das Gesicht einer Laufstegschönheit.

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Qual für¿s Vaterland

Dagegen sieht Mo Xiaohuo, die in Dongguan gerade Eisen stemmt, eher plump aus. Das Nest trägt wegen der vielen Medaillen den Ehrentitel »Heimat des Gewichthebens«. Das Mädchen ist 13 Jahre alt, 1,55 Meter groß und 79 Kilo schwer. Es hat Elefantenbeine und einen Nacken wie die Wasserbüffel draußen vor der Stadt. Seine Trainer betonen, dass »China dem Doping entsagt hat«. Und Mo sei ein Naturtalent. Wenn sie gefragt wird, ob sie Spaß daran hat, eine der stärksten Frauen der Welt zu sein, haucht sie nur: »Ich tu?s für mein Vaterland.«

Gestohlene Kindheit

Das gilt wohl auch in der Shichahai-Sportschule, einer Vorzeigeanstalt im Zentrum Pekings, wo die Turner zwischen vier und neun sind, aber die Körper von 25-jährigen Herkulessen und müde Augen wie Kriegsveteranen haben. Der Leistungssport stiehlt ihnen ihre Kindheit. Morgens Unterricht, mittags Training, malochen wie Erwachsene. Weil er beim Abschwung vom Pferd schon wieder patzte, tritt der Trainer einem der Jungen vor die Brust. In Deutschland käme der Kinderschutzbund, in China sind Schläge und Tritte immer noch Teil des Trainings.

Pokale dutzendweise

Im Ehrenzimmer glänzen Pokale dutzendweise, Fotos zeigen die argentinische Fußballlegende Diego Maradona und das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach beim Besuch der Schule. In der Trainingshalle für Kungfu, das 2008 olympische Disziplin werden soll, hängen Briefe, die Kinder geschrieben haben, um Pekings Bewerbung als Austragungsort der übernächsten Spiele zu unterstützen. »Soldaten, die nicht General werden wollen, sind keine guten Soldaten. Sportler, die nicht Champion sein wollen, sind schlechte Sportler«, steht da. Ein anderer Brief erklärt: »Vor 150 Jahren brachen die Engländer mit Opium und Kanonen unsere Tür auf. Eine Truppe aus sieben Ländern plünderte unsere Schätze. Die Japaner mordeten, bis die Erde ganz Chinas mit Blut getränkt war, der Gelbe Fluss vor Schmerz schrie und die Bäume weinten.«

40 Milliarden Investitionen

Jeder Olympiasieg hilft, die gedemütigte Nation weiter aufzurichten. Die Sommerspiele von 2008 sind für die Chinesen nach dem Ende dieses Jahres zu erwartenden Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) ein weiterer Schritt, auf internationaler Ebene wieder gleichberechtigt mitmischen zu dürfen - nach Jahrhunderten des Niedergangs und der Isolation. In einem nationalen Kraftakt will China deshalb mehr als 40 Milliarden Mark in die Sommerspiele investieren; aus Peking, einer der schmutzigsten Städte der Welt, soll »eine Gartenstadt« werden, deren supermoderne Olympia-Anlagen zwei 500 Meter hohe Büro- und Wohntürme krönen. 452 der wegen ihres infernalischen Gestanks berüchtigten öffentlichen Toiletten erhalten ein Vier-Sterne-System. Ein Musterexemplar mit Marmor und Solardach steht schon am Eingang des Arbeiterstadions.

Englischkurse für Taxifahrer

Anfang des Jahres erhielten Taxifahrer zwei Cassetten mit einem Englischkurs. Sie lernen Sätze wie: »Die Sonne scheint« - das von Wasserknappheit geplagte Peking hat tatsächlich 300 Sonnentage, allerdings ist die gelbe Scheibe wegen Staub, Abgasen und Wüstensand nur selten klar zu sehen. Auch der Satz, »dass Peking schöner sein wird, wenn es Olympia bekommt«, ist problematisch. Die klassischen Hofhäuser mit ihren geschwungenen Ziegeldächern müssen nun noch schneller der Modernisierung weichen: breiteren Straßen, gesichtslosen Hochhäusern. Die Fortgeschrittenen unter den Fahrern pauken: »Chinesen haben während der Tang-Dynastie die Kunst des Farblackierens nach Japan gebracht.« Das Gegenteil ist richtig, wie Archäologen gerade herausfanden. Aber Klappern gehört zum Bewerbungsgeschäft. Das haben die Chinesen vom Westen gelernt. Die Begleitmusik allerdings ist sozialistisch: Aufmärsche, eine staatlich gelenkte Pressekampagne, die Mobilisierung der Massen.

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Symbolträchtige Aktionen

Als im Februar eine IOC-Delegation die Stadt inspizierte, waren 800000 Beamte, Studenten und Parteikader im Einsatz. Sie malten Bordsteine weiß und Häuserfassaden ockerrot, und bis heute vergeht kein Tag ohne symbolträchtige Aktionen: 2008 Taichi-Sportler ließen sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens fotografieren, 2008 Paare gaben sich bei einer Massenhochzeit das Jawort, Studenten pflanzten Bäume für Olympia - natürlich 2008. Taoisten erklärten ihre Tempel zu olympischen Gebetshallen, und auch der Erzbischof von Peking betete für die Bewerbung.

Doppelt hart arbeiten

Im Hof der Turnerschmiede von Xiantao war der Tag der Entscheidung zunächst einer wie jeder andere. In der Mittagspause fingen die Jungs Zikaden, spreizten ihre Flügel und rissen den Tieren die Beine aus, ehe sie selbst wieder gedehnt und gestreckt wurden, bis Schweiß und Tränen flossen. Der Abend aber wurde zum Fest für sie. Sie versammelten sich im Schlafsaal der Jungen, wo der einzige Fernseher steht, und verfolgten die Live-Übertragung aus Moskau. Um 22.09 Uhr verkündete IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch Pekings Sieg. Trainer und Turner rannten auf die Straße und warfen begeistert Feuerwerkskörper. Dann schlichen die jungen Turner in die Betten, und Direktor Yan erklärte: »Ab morgen werden wir doppelt hart arbeiten, um 2008 vor den Augen unseres Volkes zu bestehen.«

Von Matthias Schepp und Michael Wolf (Fotos)


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