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Boxen: Boxing Day - Top-Ten der verpatzten Karrierenden

Evander Holyfield will gegen die Klitschkos boxen. Mit einer Top-Ten der verpassten Chance,, die Karriere in Würde zu beenden, wollen wir diese Idee kommentieren.

Evander Holyfield verkündete unlängst: "Ich will als Schwergewichts-Weltmeister aller Verbände zurücktreten, diese Chance will ich packen", so der 49-Jährige im Interview der französischen Sportzeitung L'Équipe. "Ich würde beide schlagen", so der US-Amerikaner weiter. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Klitschko-Manager Bernd Bönte wiegelte gleich ab. "Das wird nie passieren. Das würde dem Boxsport nicht guttun. Evander ist sicherlich eine lebende Legende. Aber beim Kampf mit einem Klitschko kann Schlimmes für seine Gesundheit passieren. Deshalb ist das nicht zu verantworten", meinte Bönte. Tatsächlich wäre ein Kampf von Holyfield weder für den Boxsport, noch für den Box-Veteranen selbst dienlich. Doch auch vor Holyfield gab es Boxer zuhauf, die den richtigen Zeitpunkt für ihr Karriereende verpassten, oder unsägliche Comeback-Versuche im zumeist hohen Box-Alter wagten.

Die Top-Ten der verpassten Chancen auf ein rühmliches Karrierende

1. Muhammad Ali (56-5-0), Schwergewicht

Am 15. September 1978 schlug Muhammad Ali im Kampf um den WBA-Weltmeistertitel Leon Spinks. Damit hatte er den Rekord von Floyd Patterson gebrochen und wurde zum dritten und letzten Mal Weltmeister im Schwergewicht. Nach dem Kampf erklärte der 36-jährige Ali, bei dem sich schon zu diesem Zeitpunkt erste Anzeichen der Parkinsonerkrankung zeigten, seinen Rücktritt. Zwei Jahre später trat er dennoch erneut in den Ring und lieferte damit das bemitleidenswerteste Comeback der Box- vielleicht sogar der Sportgeschichte. Ali trat gegen seinen früheren Sparringspartner Larry Holmes an, der mittlerweile WBC-Champion war. Ali mühte sich, konnte kaum einen Treffer landen und hatte Glück, dass Larry Holmes sich gegen sein Idol offensichtlich zurückhielt.

Sein Trainer Angelo Dundee fragte ihn nach der neunten Runde: „Willst du noch weiterkämpfen?“ Alis Manager, Herbert Muhammad, schickte einen Boten in die Ringecke, Ali solle aufgeben. Nach der elften Runde kam Ali nicht mehr aus seiner Ecke. Damit nicht genug, versuchte er es ein Jahr später gegen Trevor Berbick noch ein letztes Mal. Am Ende verlor er den Kampf über zehn Runden klar nach Punkten und erklärte stolz: „Ich bin nicht KO gegangen. Es gibt keine Bilder, wie ich am Boden liege oder durch die Seile falle, keine gebrochenen Zähne, kein Blut. Für einen alten Mann mit 40 bin ich gut herausgekommen.“

2. Mike Tyson (50-6-0), Schwergewicht

Mike Tyson saß auf dem Hosenboden. Er hatte seine Beine von sich gestreckt und lehnte mit dem Rücken an den Seilen, während seine Augen den Ring nach Hilfe absuchten. Er war 39 Jahre alt und es war sein letzter Boxkampf. Diese Szene fand am 11. Juli 2005 in der sechsten Runde gegen Kevin McBride statt. Die Boxfans wurden damals Zeuge, wie ein Stern verglühte. Tyson saß einfach am Boden und hatte nicht mehr genug Kraft, um wieder aufzustehen. Er hatte alles verloren, was ihn zu dem gemacht hatte, was er einst war: The baddest man on the planet!

Nachdem Tyson seinen Titel im Schwergewicht 1996 an Evander Holyfield verloren hatte, trat er trotzdem noch zehn Mal in den Ring. Von diesen zehn Kämpfen konnte er nur die Hälfte gewinnen. Seine letzte Chance auf einen erneuten Titelgewinn bekam er 2002 gegen Lennox Lewis. Tyson war bereits 35 Jahre alt und wurde von Lewis dominiert, schließlich in der achten Runde KO geschlagen. Dennoch machte er – auch aus finanziellen Gründen – weiter, bis zur Niederlage gegen Kevin McBride. "Ich habe nicht mehr den Willen und das Herz, um weiter zu boxen“, sagte Tyson nach dem Kampf treffend und eine fantastische Karriere nahm ihr unrühmliches Ende.

3. Roy Jones Jr. (54-8-0), Cruisergewicht

Roy Jones Jr. hielt 2002 die Titel der Verbände WBF, WBC, IBF, WBA, IBO und IBA im Halbschwergewicht. Er hatte Bernard Hopkins, James Toney, Virgil Hill, Felix Trinidad und viele mehr geschlagen. Doch ein Ende, fand er nicht. Er ist der einzige Boxer in unserer Top-Ten, der noch aktiv ist. Der 42-jährige boxt derzeit im Cruisergewicht und verlor seine letzten drei Kämpfe gegen Hopkins, Danny Green und Denis Lebedev. Einst lebte er von seiner Schnelligkeit und den guten Reaktionen, doch davon ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Nach dem Erstrunden-TKO gegen Danny Green sagte dieser: “Es hat mir fast weh getan, jemanden zu schlagen, zu dem ich innerhalb und außerhalb des Rings immer aufgesehen habe.“ Aber auch nach dieser Niederlage macht Jones weiter. „Keine der aufeinanderfolgenden beschämenden Niederlagen waren genug, um den früheren Pound-for-Pound-Champion vom weitermachen abzuhalten“, resümierte ESPN-Kolumnist Dan Rafael zuletzt. Im Dezember soll es eine weitere Episode des Stückes „How the mighty have fallen“ geben. Wir würden gerne darauf verzichten.

4. Sugar Ray Robinson (173-19-6), Mittelgewicht

Sugar Ray Robinson war der erste Boxer, der auch außerhalb des Rings ein Superstar war. Seine Karriere von 1940 bis 1965 war atemberaubend. Das Ring Magazine wählte ihn zum besten Boxer der 1950er und schließlich zum besten Mittelgewichtler aller Zeiten. Noch eine Auszeichnung höher verlieh die Associated Press, die ihn sogar zum besten Boxer des 20. Jahrhunderts kürte. Er gilt als stärkster Pound-for-Pound-Boxer aller Zeiten. Mit 38 Jahren wurde er dann 1958 gegen Carmen Basilo zum letzten Mal Weltmeister. Robinson zerstörte die bis dahin stolze Bilanz des vermeintlich besten Boxers aller Zeiten.

Nach diesem letzten Titelgewinn folgten 50 weitere Kämpfe, in denen Robinson 13 Niederlagen und vier Unentschieden sammelte. Finanzielle Gründe trieben ihn immer wieder in den Ring. „Geld ist zum ausgeben da", hatte Robinson einst gesagt und danach gehandelt. Im November 1965 setzte es dann die letzte demütigende Niederlage gegen den 17 Jahre jüngeren Joey Archer. Sugar Ray war einer von nur zwei Boxern, die Archer in seiner überschaubaren Karriere zu Boden zwingen konnte.

5. Larry Holmes (69-6-0), Schwergewicht

Bei einem flüchtigen Blick auf den Kampfrekord von Larry Holmes erschließt sich nicht sofort, warum er auf dieser Liste auftaucht. Der "Easton Assassin“ konnte seine letzten vier Profi-Kämpfe allesamt gewinnen und musste in seinen letzten 17 Kämpfen nur ganze zwei Niederlagen hinnehmen. Allerdings war sein letzter Kampf eher ein "Show-Duell“ gegen den amerikanischen Anti-Helden "Butterbean“, Holmes zu diesem Zeitpunkt stattliche 52 Jahre alt und hatte insgesamt 75 Kämpfe bestritten.

Von seinem Profi-Debüt im März 1973 bis zu seinem ersten Duell mit Michael Spinks im September 1985 konnte Holmes 48 Kämpfe in Folge gewinnen, darunter 21 Weltmeisterschaften unter anderem gegen Ken Norton, Muhammad Ali und Trevor Berbick. Nachdem er auch den Rückkampf gegen Spinks verloren hatte, verkündete Holmes im Alter von 36 Jahren zum ersten Mal seinen Rücktritt. Vielleicht hätte er es dabei belassen sollen. Bei seinem Comeback 1988 wurde er von Mike Tyson ausgeknockt. In zwei weiteren Anläufen auf WM-Titel unterlag er 1992 Evander Holyfield und 1995 Oliver McCall.

6. Max Schmeling (56-10-4), Schwergewicht

Der deutsche Jahrhundertsportler erlebte seinen ersten Karriere-Höhepunkt im Juni 1930, als er im Alter von gerade mal 24 Jahren durch einen Disqualifikations-Sieg über Jack Sharkey in New York zum ersten und bislang einzigen deutschen Schwergewichts-Weltmeister wurde. Den Titel verlor er zwar zwei Jahre später wieder an Sharkey, krönte seine glanzvolle Laufbahn 1936 dann aber mit einem sensationellen K.o.-Sieg über den als nahezu unschlagbar geltenden Joe Louis.

1939 konnte er sich gegen Adolf Heuser noch den Europameister-Titel sichern, ehe der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die meisten Experten sind sich einig, dass "Maxe“ die Handschuhe nach Kriegsende nicht noch mal vom Nagel hätte holen sollen. Im stolzen Alter von 42 bzw. 43 Jahren konnte er 1947 und 1948 zwar noch drei Siege gegen die unbekannten Werner Vollmer und Hans Joachim Draegestein einfahren. Doch die beiden Niederlagen gegen Walter Neusel und Richard Vogt hätte sich Schmeling ersparen können, auch wenn sie nichts daran ändern, dass er der größte deutsche Boxer aller Zeiten war und ist.

7. Julio Cesar Chavez (107-6-2), Halbweltergewicht

Chavez ist ein mexikanischer Volksheld und gewann sechs Weltmeistertitel in drei unterschiedlichen Gewichtsklassen. Er besiegt u.a. Meldrick Taylor, Roger Mayweather und Héctor "Macho" Camacho. Er war 13 Jahre lang ungeschlagen, erreichte dabei einen Rekord von 89-0-1. Allerdings gelten einige seiner Siege (z.B. gegen Meldrick Taylor, 1990 oder auch auch Pernell Whitaker, 1993) als äußerst umstritten. Unumstritten ist wohl, dass auch der große Julio Cesar Chavez den besten Zeitpunkt verpasste, seine Karrier zu beenden. Dabei hatte er es mehrmals versucht. Vor dem ersten Kampf gegen Oscar De La Hoya (1996) kündigte er bereits seinen Rücktritt an.

"Ich habe Probleme mit meinen Armen, mit meinen Knien. Nach so vielen Jahren des Trainings häufen sich die Beschwerden. Ich kann nicht mehr zeigen, was ich wirklich drauf habe. Ich werde den De La Hoya-Kampf für viel Geld machen und dann zurücktreten“, so der Chavez. Er verlor den Kampf und machte weiter. Aber auch den Rückkampf zwei Jahre später konnte er nicht gewinnen. Nach einem Sieg gegen Terry Thomas 2001 trat er zurück. Der Rücktritt vom Rücktritt erfolgte 2003, aber auch Willy Wise sollte nicht der letzte Gegner sein. Er kämpfte noch drei weitere Male, eher er sich nach einer Niederlage gegen den unbekannten Grover Wiley nach dem 107. Kampf mit 43 Jahren zum letzten Mal zur Ruhe setzte.

8. Wilfred Benitez (53-8-1), Halbmittelgewicht

Der in der Bronx geborene Puerto Ricaner Wilfredo Benitez wurde im März 1976 mit gerade mal 17 Jahren zum damals jüngsten Weltmeister aller Zeiten. Bis 1979 blieb er ungeschlagen, insgesamt konnte "El Radar“ WM-Titel in drei verschiedenen Gewichtsklassen (Halbwelter-, Welter- und Halbmittelgewicht) sammeln und dabei unter anderem den legendären Roberto Duran besiegen. Auch mit Sugar Ray Leonard und Thomas Hearns lieferte sich der Normalausleger beeindruckende Ringschlachten.

Nach einer K.o.-Niederlage gegen Carlos Maria del Valle Herrera im November 1986 hätte Benitez seine Karriere wohl besser beendet. Aber er kam 1990 noch einmal zurück und verlor zwei von vier Kämpfen gegen mittelmäßige Gegner. Mittlerweile lebt Benitez in einem Pflegeheim in Puerto Rico und leidet an Hirnschädigungen, die vermutlich auf die vielen Schläge zurückzuführen sind, die er in seinen insgesamt 62 Profi-Kämpfen hat einstecken müssen.

9. Markus Bott (28-5-0), Cruisergewicht

Im Februar 1993 konnte sich der Pforzheimer Markus Bott gegen Tyrone Booze den WBO-WM-Titel im Cruisergewicht sichern und wurde damit zum ersten Weltmeister des Hamburger Universum-Stalls von Klaus-Peter Kohl. Die Freude währte aber nicht lange, da Bott den Gürtel schon in seiner ersten Titelverteidigung gegen den Argentinier Nestor Hipolito Giovanni wieder verlor. Nach einer weiteren Niederlage im Rückkampf gegen Giovanni beendete Bott im November 1993 seine Karriere, als Ärzte eine Netzhautablösung diagnostizierten. Aufgrund finanzieller Probleme kehrte "Cassius“ Bott fünf Jahre später noch mal in den Ring zurück, ging nach vier leichten Siegen über Aufbaugegner dann aber gegen Lee Manuel Ossie KO und hing die Box-Handschuhe endgültig an den Nagel.

10. Jerry Quarry (53-9-4), Schwergewicht

"Ein Quarry gibt nicht auf“, hatte sein Vater immer wieder zu Schwergewichtler Jerry Quarry gesagt. Vielleicht hätte der 1,83 Meter große Normalausleger nicht immer auf seinen Vater hören und doch etwas früher aufgeben bzw. mit dem Boxen aufhören sollen. Der "Bellflower Belter“ gehörte zu den besten und spektakulärsten Kämpfern der späten sechziger und siebziger Jahre. In wahren Ringschlachten stand er unter anderem Floyd Patterson, Joe Frazier, Muhammad Ali und Ken Norton gegenüber.

Spätestens nach seiner K.o.-Niederlage gegen Norton im März 1975 hätte der damals erst 29-Jährige seine Karriere nach 62 Profi-Kämpfen eigentlich beenden müssen. Er kämpfte weiter, wagte 1983 und 1992 noch zwei Comebacks, obwohl schon Dementie Pugilistica bei ihm diagnostiziert worden war, eine Demenzform, die wahrscheinlich von den vielen harten Kopftreffern ausgelöst wurde, die Quarry im Laufe seiner Karriere hatte einstecken müssen. 1999 verstarb Jerry Quarry an den Folgen der Demenz, sein Bruder Mike Quarry erlag derselben Krankheit im Juni 2006.

Die späten Comeback-Versuche

Neben den Boxern, die es "einfach nicht lassen können“, gibt es auch noch diejenigen, die uns vor allem durch späte Comeback-Versuche negativ aufgefallen sind. Dem deutschen Box-Fan fällt bei der Gelegenheit natürlich als Erstes Axel Schulz ein. Der sympathische Brandenburger mit der Fackelmann-Mütze verlor im September 1999 sang- und klanglos durch TKO in der achten Runde gegen einen gewissen Wladimir Klitschko. Ganze sieben Jahre später wollte es Schulz dann aber doch noch mal wissen und kehrte – wohl auch auf Betreiben von RTL – gegen den Amerikaner Brian Minto in den Ring zurück. Der von großem medialen Getöse begleitete Comeback-Versuch wurde zum Desaster. Schulz unterlag Minto durch TKO in der sechsten Runde.

Ähnlich erging es dem legendären James J. Jeffries, seines Zeichens Schwergewichts-Weltmeister von Juni 1899 bis August 1904. Nachdem er seinen Titel sieben Mal erfolgreich verteidigt hatte und auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft zurückgetreten war, lockte ihn eine Kampfbörse von damals unvorstellbaren 100.000,- Dollar im Juli 1910 noch einmal aus dem Ruhestand. Jeffries trat als "weiße Hoffnung“ gegen Weltmeister Jack Johnson an und kassierte eine heftige Abreibung, die durch TKO in der 15. Runde endete. Angesetzt war das WM-Duell damals übrigens auf sagenhafte 45 Runden.

Michel Massing

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