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Boxen: Ottke schaffte Box-Sensation

Sven Ottke ist der bessere Henry Maske: Als erster gebürtiger Deutsche besitzt er jetzt mit zwei Titeln die Weltmeisterschaft beider konkurrierenden Weltverbände.

Sven Ottke ist der bessere Henry Maske. Was der Begründer des deutschen Box-Booms 1996 gegen Virgil Hill nicht schaffte, gelang Samstagnacht dem 35-jährigen Berliner. IBF-Weltmeister Ottke holte sich von Byron Mitchell (USA) den Titel des konkurrierenden Weltverbandes WBA und gewann den so genannten Vereinigungskampf knapp, aber verdient. Der Doppel-Weltmeister, der in der Schlussrunde zu viel riskierte und angeknockt war, kündigte an: "Ich bin noch nicht fertig. Es kommen noch weitere schöne Kämpfe von mir."

Punktesieg für Ottke

Die Punktrichter werteten den dramatischen Kampf in der mit 10.500 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllten Berliner Max-Schmeling-Halle 115:113, 116:114 für Ottke und 116:112 für Mitchell. Hätten der Spanier Manuel Maritxalar oder der Australier Derik Milham nur eine der 12 Runden im Super-Mittelgewicht anders gepunktet, wäre ein ebenfalls vertretbares Unentschieden herausgekommen. In der Spitze sahen 9,79 Millionen Fernseh-Zuschauer bei der ARD den Kampf, im Schnitt waren es 7,95 Millionen. Bei der Niederlage von Wladimir Klitschko eine Woche zuvor hatten im Durchschnitt 9,17 Millionen Interessierte vor den TV-Geräten gesessen.

Fast Punktevorteil verschenkt

Zu spät, erst in der letzten Runde, setzte der schlagstarke Mitchell (29) in einem mit hohem Tempo geführten Kampf alles auf eine Karte. Ottke drohte, seinen Punktevorteil zu verschenken. Hinterher ärgerte er sich über «diese Doofheit». Nach harten rechten Treffern zum Kopf «wackelte» der Lokalmatador im Finale seines 18. WM-Kampfes bedenklich. Wie er sich dann jedoch mit Klammern und Flüchten über die Zeit rettete, war clever, routiniert, eben «cagy» (ausgebufft), wie Mitchell lobte.

Mitchell war Klasse-Gegner

«Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, weil wir natürlich wussten, dass Mitchell zwei seiner sechs Weltmeisterschafts-Kämpfe durch K.o. in der letzten Runde gewonnen hatte», bekannte Ottke-Manager Wilfried Sauerland, der weitsichtig auf Maximal-Größe des Boxrings (6,20 Meter im Quadrat) bestanden hatte. Das Ottke-Rezept hätte Wladimir Klitschko gegen Corrie Sanders von Nutzen sein können.

Im Gesicht deutlich gezeichnet

Sogar Carl King, Mitchell-Manager und Sohn des berühmt- berüchtigten Don King, «akzeptierte die Entscheidung der Referees». Trotzdem stimmte er seinem Schützling zu, der monierte, die effektiveren, weil härteren Treffer gesetzt zu haben. Ottke war nach dem Kampf im Gesicht wesentlich stärker gezeichnet («Diese Blessuren finde ich zum Kotzen») als der Amerikaner. Allerdings hatte sich der ungeschlagene Champion in seinem 30. Profikampf die gravierendste Verletzung in der 8. Runde durch einen nicht geahndeten Kopfstoß Mitchells eingehandelt. Seine linke Augenbraue hatte sich geöffnet.

Ottke "entwaffnet" seine Gegner

Ottkes Trainer Uli Wegner charakterisierte den mittlerweile seit sechs Jahren erfolgreichen Ottke-Stil, an dem sich bisher sämtliche Koryphäen des amerikanischen Faustkampfes die Zähne ausgebissen haben, am besten: «Svennie entwaffnet seine Gegner.» So schnell und geschickt ist keiner. Maskes ehemaliger Coach Manfred Wolke hatte von Mitchell allerdings «mehr erwartet. Er hat zu wenig gemacht.»

Pflichtverteidigung im Juni

Der erste gebürtige deutsche Doppel-Weltmeister - Dariusz Michalczewski, der inzwischen wieder für sein altes Heimatland Polen boxt, hatte das Kunststück vorgemacht - dachte zunächst einmal nur an den Urlaub mit der Familie in Spanien. Im Juni muss er sich vermutlich einer Pflicht-Verteidigung stellen. Sowohl bei der IBF als auch bei der WBA wird Antwun Echols (USA) als Weltranglisten-Erster und damit zukünftiger Ottke-Gegner geführt.

Rechenspiele

Sein Management, das vertragsgemäß von den drei folgenden Ottke-Kämpfen jeweils eine «sechsstellige Summe» (Sauerland) an King abführen muss, hätte aber noch andere Möglichkeiten: Sollte Ottkes Team-Kollege Markus Beyer am 5. April in Leipzig gegen den Kanadier Eric Lucas nicht WBC-Weltmeister werden, könnten Ottke der nächste Vereinigungs-Kampf und vermutlich wieder mindestens eine Million Euro (brutto) winken.

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