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Deutsche Radteams: Mit Nadelstichen zum Erfolg

Nach internen Machtkämpfen zeigt die Formkurve bei den deutschen Rennställen nach oben. T-Mobile und Gerolsteiner wollen Lance Armstrong bei der Tour de France strategisch zermürben.

Die einen träumen vom Gesamtsieg, die anderen von einem Platz auf dem Podium. Mehr denn je gilt das Hauptaugenmerk der deutschen Radsport-Teams T-Mobile und Gerolsteiner dem Gesamtklassement der Tour de France - die Sprinter haben deutlich an Stellenwert verloren. Vor allem der Rennstall aus Bonn bläst zum Angriff auf den sechsmaligen Rundfahrt-Sieger Lance Armstrong. Selbst der erfolgreichste deutsche Radprofi Erik Zabel fiel den Plänen der Teamleitung zum Opfer. "Die setzen hundertprozentig auf Gelb. Da ist kein Platz für Zugeständnisse", kommentierte Jens Voigt vom dänischen Rennstall CSC den mutigen Schritt, auf den populären Star aus Unna nach einem zehnjährigen Dauerticket bei der Tour zu verzichten.

Von Spitzenplätzen bei der Tour schienen beide deutschen Teams noch vor Monaten weit entfernt. Die positive Doping-Probe bei Danilo Hondo während der Murcia-Rundfahrt Anfang März versetzte die Gerolsteiner nach Jahren steter Aufwärtsentwicklung in einen kollektiven Schockzustand. Und auch bei der magentafarbenen Konkurrenz lief nicht alles nach Plan: Die von Klöden angestoßene Diskussion um die Tour-Nominierung von Zabel offenbarte teaminterne Machtkämpfe. Ausbleibende Erfolge rundeten in beiden Lagern das Bild vom verpatzten Saisonstart ab.

Ullrich und Winokurow sind die Hoffnungsträger

Doch rechtzeitig vor dem Höhepunkt des Jahres zeigen Formkurve und Stimmungsbarometer wieder nach oben. Mit dem Sieg von Alexander Winokurow bei Lüttich-Bastogne-Lüttich verstummte die Kritik an dem schlechtesten Saisonstart der T-Mobile-/Telekom-Fahrer seit 1992. Mittlerweile kommt niemand mehr auf die Idee, die Vorbereitung des Teams in Frage zu stellen: Die Siegfahrt von Winokurow hinauf zum Mont Ventoux bei der Dauphiné-Rundfahrt und der Erfolg von Ullrich beim Zeitfahren der Tour de Suisse machten deutlich, dass der Formaufbau stimmt.

Nicht nur im T-Mobile-Team geht es voran: Der famose Parforceritt von Fabian Wegmann beim Grand Prix Schwarzwald und der dritte Rang von Levi Leipheimer bei der 57. Dauphiné Libéré verhalfen dem Team Gerolsteiner über den Doping-Schock hinweg.

Hüben wie drüben wichen die Zweifel der Zuversicht. Wäre da nicht Problemfall Andreas Klöden, stünde bei T-Mobile alles zum Besten: Zu schwach ist die Form des Vorjahreszweiten, als dass ihn Armstrong als ernsthaften Widersacher wirklich ernst nehmen könnte. Das Vorhaben, den Amerikaner mit einem Dreigestirn zu zermürben, ist damit passé. Stattdessen soll es die Doppelspitze Ullrich/Winokurow richten.

Die Nadelstich-Strategie

Wie das funktionieren kann, deutete Winokurow bereits bei der Dauphiné-Rundfahrt an: Armstrong konnte dem angriffslustigen Haudegen, der im vorigen Jahr verletzungsbedingt auf einen Tour- Start verzichten musste, am Mont Ventoux nicht folgen. "Er ist genau der Richtige, um Armstrong in knifflige Situationen zu bringen", glaubt Team-Manager Walter Godefroot.

Gelingen dem Kasachen bei der Tour ähnliche Nadelstiche und stellt er Eigeninteressen hinten an, könnte das Ullrich zum Vorteil gereichen. Schließlich sieht die Regieanweisung der Team-Leitung vor, dass der Tour-Sieger von 1997 als Kapitän an den Start geht. Dem Gerede von einer Doppelspitze kann Mario Kummer deshalb wenig abgewinnen. Dennoch dürfte der Sportliche Leiter einen Plan B im Hinterkopf haben. Zeigt Ullrich in einer frühen Tour-Phase ähnliche Schwächen wie bei der letztjährigen Pyrenäen-Etappe nach La Mongie, könnte die Alleinherrschaft des liebsten Radsportlers der Deutschen noch während der Rundfahrt zu Ende gehen.

Gerolsteiner setzt aufs Gesamtklassement

Für ähnliche Spekulationen sorgt die Kapitänsfrage im Team Gerolsteiner. Sowohl der Amerikaner Leipheimer, immerhin Neunter der Tour 2004, als auch der Vorjahres-Siebte Georg Totschnig melden Führungsansprüche an. "Beide sind in guter Form, und ich rechne damit, dass sie eine Chance haben, unter die ersten Fünf oder vielleicht sogar auf das Podium zu kommen", sagte der Sportliche Leiter Christian Henn.

Vermeintliche Hierarchie-Probleme nimmt Manager Hans-Michael Holczer gern in Kauf. "Es ist an der Zeit, nicht nur auf die Anzahl der Durchfahrer, sondern auf Ergebnisse zu schauen", sagte der Team- Manager. Neben Leipheimer und Totschnig könnte Wegmann für positive Schlagzeilen sorgen. Der 25-Jährige genießt bei seiner zweiten Tour- Teilnahme Narrenfreiheit. Zumindest zwischen den Zeilen lässt der erste Deutsche im Bergtrikot des Giro seine Hoffnung auf einen Etappensieg erkennen: "Das Bergtrikot bei der Tour ist keine Option für mich. Aber vielleicht bin ich ein Mal in einer Ausreißergruppe dabei."

Heinz Büse/DPA / DPA

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