Diskuswerfer Robert Harting Vom Dummschwätzer zum Weltmeister


Diskuswerfer Robert Harting hat bei der Leichtathletik-WM die zweite Goldmedaille für Deutschland geholt. Dabei hätte der Hüne mit der großen Klappe eigentlich gar nicht mehr zur Mannschaft gehören dürfen.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Als Diskus-Riese Robert Harting vor zwei Jahren bei der WM in Osaka überraschend Vize-Weltmeister geworden war, riss er vor lauter Glück sein Trikot in Fetzen. Insofern hatte man vor der WM in Berlin schon einiges erwarten müssen. Und so kam es dann auch: Als feststand, dass der lange in Führung liegende Pole Piotr Malachowski den Deutschen nach dessen Siegeswurf von 69,43 Meter nicht mehr würde einholen können, war es um Harting geschehen. Wie ein wild gewordener Stier rannte der 24-jährige Berliner durch sein Stadion und führte mit der Deutschland-Fahne in den Händen und selbstverständlich ohne das lästige und längst zerrissene Textiloberteil Freudentänze auf.

Der 2,01 Meter große Diskus-Hüne legte am Mittwochabend im Olympiastadion einen fantastischen Wettbewerb hin. Harting warf den Diskus mit dem letzten Versuch auf eine beeindruckende Weite von 69,43 Meter und wirkte konzentriert - und kontrolliert. Bis zum letzten Wurf lag er durchgehend auf Rang zwei, hinter dem Polen Malachowski aber noch vor Titelverteidiger und Olympiasieger Gerd Kanter aus Estland, der auch in der Endabrechung Dritter wurde. Mit einer Urgewalt schleuderte Harting den Diskus zum sechsten und letzten Mal aus dem Käfig und entriss dem Polen quasi auf der Ziellinie doch noch den Titel. "Ich bin absolut zufrieden, ich habe mein Stadion verteidigt. Ich habe es mir selber nicht so erhofft. Zum Schluss hat alles gepasst. Volles Risiko. Super-Ding", sagte der neue Weltmeister hinterher.

Zwielichtiger Trainer

In diesen Momenten des Glücks dachten nur die wenigsten an den Eklat, für den Robert Harting tags zuvor gesorgt hatte - und der seinen Gewinn der Goldmedaille bei dieser Leichathletik-WM beschädigt erscheinen lässt. Harting hatte am Dienstag mal wieder die Lust an der Schlagzeile entdeckt und mit seinem Geplapper mehr Schaden angerichtet, als mit unkontrollierter Körperkraft.

"Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann gleich noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen." Mit diesen Worten zielte der Weltmeister von Berlin auf eine Kampagne des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOHV). Dieser hatte Anfang der Woche vor dem Berliner Olympiastadion 25.000 Schutzbrillen verteilt, um symbolisch gegen die ihrer Meinung nach zu harmlose deutsche Anti-Doping-Politik zu protestieren. Die Papierbrillen, die auch am Mittwoch wieder verteilt wurden, sollen den Durchblick auf einen vom Doping belasteten Sport verwehren.

Robert Harting, das muss man wissen, um die Äußerung zu verstehen, arbeitet mit einem zwielichtigen Coach zusammen: Werner Goldmann, der nach Aktenlage als Trainer im DDR-Staatsdopingsystem schwer Gesundheitsgeschädigte hinterlassen hat. Daher darf wohl auch Hartings Antidopingmoral eher als niedrig eingeschätzt werden - zumal nach seiner "unsäglichen" (DLV-Präsident Prokop) Entgleisung in Richtung der im DOHV organisierten Dopingopfer. Die hatten Hartings Trainer in der Vergangenheit bereits arg in die Ecke getrieben.

Klasse schützt vor Rausschmiss

Harting hätte aufgrund seiner Äußerung eigentlich - trotz seiner via DLV-Pressemitteilung öffentlich gemachten Entschuldigung - aus der deutschen Leichtathletik-Mannschaft ausgeschlossen werden müssen, weil er den Grundgedanken des Sports, das Fairplay, verletzt hat. Und wie stern.de erfuhr, gab es tatsächlich Pläne, den Diskuswerfer aus dem Team zu werfen. Aber die Angst der DLV-Funktionäre vor einem freiwilligen Verlust einer sicheren Medaille war wohl zu groß. So holte Harting, der sich zwischen seinen Versuchen am Mittwochabend im Olympiastadion immer wieder wie ein Kampfsportler mit Schattenboxen warm hielt, Gold.

Nach seinem tollen Erfolg bemühte sich Harting, die Gespräche mit den Journalisten in die rein sportliche Richtung zu drehen. Aber natürlich musste er sich auch kritische Fragen zu seiner Verbal-Entgleisung vom Vortag gefallen lassen. Seine Antwort klang naiv: "Ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe. Aber was gesagt wird und was geschrieben wird, unterscheidet sich heutzutage ja leider immer mehr voneinander." Harting, der sich vor Beginn der WM auch schon mal für die Freigabe von Doping "in irgendeiner Form" ausgesprochen hatte, wollte jetzt den Berichterstattern den Schwarzen Peter zuschieben - was man unmittelbar nach dem Gewinn einer WM-Goldmedaille verstehen konnte. Doch es gelang ihm nicht. Und es wird ihm auch nicht in Zukunft gelingen. Seine Aussagen vom Dienstag können nicht missverstanden werden. "Si tacuisses, philosophus mansisses" - "Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben." Aber so bleibt ein Schatten über Robert Hartings Weltmeistertitel. Leider.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker