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Erfolg bei den French Open: Kerber erobert die Stadt der Liebe

Deutschland hat einen neuen Tennis-Star. Angelique Kerber, die schon bei den US-Open 2011 ins Halbfinale einzog, trumpft in Paris groß auf und zählt urplötzlich zu den Titelanwärterinnen.

Von Cord Sauer

Bei den French Open in Paris gab es unter den Damen schon ein Favoritensterben. Drei der fünf Topspielerinnen sind raus: Victoria Azarenka, die Weltranglisten-Erste, musste wie auch schon Agnieszka Radwanska und US-Diva Serena Williams vorzeitig und völlig überraschend die Sporttasche packen. Sie alle spielen nicht mehr um den Titel und machen jetzt den Weg frei für Maria Scharapova, Petra Kvitova und – Angelique Kerber.

Wer hätte das gedacht? Auf einmal steht ihr Name mitten im Favoritenkreis. Die an Nummer zehn gesetzte Deutsche galt nur bei den wenigsten Experten schon vor dem Turnierstart als Geheimtipp. Jetzt steht sie im Viertelfinale des weltweit renommiertesten Sandplatzturniers - ihr bislang größter Erfolg in Paris ist perfekt. Und ihr Weg geht weiter. Mit Sara Errani aus Italien wartet jetzt eine Gegnerin, die zwar Ana Ivanovic und Svetlana Kuznetsova bezwang, aber auch Schwächen hat, die Kerber im bislang einzigen Aufeinandertreffen zu Jahresbeginn kühl ausnutzte. Da schlug die gebürtige Bremerin, die jetzt in Kiel lebt, Errani klar mit 6:1, 6.2.

Wie Phönix aus der roten Tennis-Asche

Vor ziemlich genau einem Jahr war von ihrem aktuellen Erfolg noch nichts zu ahnen. Die deutsche Nachwuchshoffnung war in Paris schon in der ersten Runde gegen eine No-Name-Spielerin rausgeflogen. Die Stadt der Liebe war damals für sie die Stadt der Hiebe – es hagelte Kritik von allen Seiten. Doch nur wenige Monate danach stieg sie wie Phönix aus der (roten Tennis-) Asche auf und spielte bei den US Open das Turnier ihres Lebens. Erstmals seit 15 Jahren erreichte eine deutsche Tennisspielerin in Flushing Meadows wieder das Halbfinale, das sie gegen die spätere Turniersiegerin Samantha Stosur verlor.

Dieses Erfolgserlebnis brachte die Wende und hat auch die Erwartungen an sie auf ein neues Level gehoben. Die 24-Jährige ist reifer geworden, erwachsener. Bei den diesjährigen French Open fegte sie durch die ersten Runden wie ein Wirbelwind und bewies zuletzt gegen die Kroatin Petra Martic, dass auch an schlechten Tagen mit Sturmwarnungen zu rechnen ist. "Das war nicht mein bestes Tennis", sagte sie nach dem 6:3 und 7:5 gegen Martic, machte aber zugleich keinen Hehl aus ihrer derzeitigen Topform: "Im Moment will niemand gegen mich spielen."

Steffi Grafs verzweifelte Suche

Kerber prescht ungehemmt in die Lücke vor, die in Deutschland jahrelang so vakant war. Keine deutsche Spielerin konnte bisher den Platz einnehmen, den Tennis-Legende Steffi Graf einst hinterlassen hatte. Graf selbst kritisierte diesen Umstand zuletzt: "Es fehlt einfach eine Figur, von der die Leute sagen: Deren Spiele darf ich nicht verpassen." Nach den jüngsten Spielen ist allen Tennisfans klar: Kerber verkörpert genau diese Figur.

Und auch Steffi Graf schaut längst nicht mehr ganz so pessimistisch in die Zukunft: "Bei den deutschen Frauen ist auf jeden Fall etwas passiert." Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Julia Görges und nicht zuletzt Angie Kerber haben für eine neue deutsche Welle gesorgt, die nun Paris überrollt. Für Kerber ist die französische Hauptstadt längst wieder zur Stadt der Liebe geworden. Nach ihrem letzten Sieg verlieh sie ihrem Höhenflug auch symbolischen Ausdruck und besuchte den Eiffelturm.

"Kerber, die Pariserin"

Bei den Franzosen kommen solche Termine abseits des Centercourts gut an. Die Sportzeitung "L’Equipe" wollte die deutsche Vorzeigespielerin sogar einbürgern: "Kerber, die Pariserin", titelte das Blatt. Schafft sie jetzt tatsächlich den Halbfinaleinzug, ist sie nicht nur die erste Deutsche seit Steffi Graf 1999, sondern könnte vermutlich auch noch eine Rechnung begleichen. Im Semifinale wartet höchstwahrscheinlich die US-Open-Siegerin Samantha Stosur.

Kein Grund, für sie nervös zu werden. Kerber bemüht die beliebteste Sportlerfloskel und denkt von Spiel zu Spiel. "Inzwischen bin ich selbst eine der Top-Spielerinnen", sagt sie selbstbewusst. Nicht nur die Ergebnisse belegen das. Nach ihrem Viertelfinaleinzug nahm sie erstmals überhaupt im großen Pressekonferenzraum Platz. Dort sitzen sonst nur die Stars. Und sie gehört jetzt definitiv dazu.

Cord Sauer

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