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Heiner Brand: Der Schnauzer

Weltmeister 1978, seit Jahren als Bundestrainer erfolgreich beim Aufbau deutscher Talente: Heiner Brand ist die Lichtgestalt des deutschen Handballs.

Bundestrainer Heiner Brand setzte wirklich alles aufs Spiel, als seine Mannschaft Anfang letzten Jahres sensationell das WM-Finale gegen Kroatien erreicht hatte. Sollte das Team das Spiel gewinnen und tatsächlich zum zweiten Mal nach 1978 Weltmeister werden, - hatte er damals im Interview angekündigt - war er bereit, sich von dem zu trennen, was seit Menschengedenken sein Markenzeichen war: dem buschigen Schnauzbart.

Fast der "Beckenbauer des Handballs"

Er wäre dann der "Beckenbauer" des Handballs geworden, unsterblich sozusagen. In seinem Sport wäre er der einzige deutsche Sportler gewesen, der sowohl als Spieler und als Trainer die wertvollste Trophäe errungen hätte. Konjunktiv, Konjunktiv. Das Spiel ging bekanntlich verloren und der Bart blieb dran. Aber an seinem einzigartigen Status, den Brand in der Handballwelt besitzt, hat sich nichts geändert.

Der Anpacker

Die Lobeshymnen auf den gebürtigen Gummersbacher, der die Nationalelf 1996 vom einem anderen Held von 1978, Arno Ehret, übernahm, sind kaum zu zählen. Ihm vor allem wird zugeschrieben, den Handball nach seinem Tiefpunkt, der verfehlten Qualifikation für die WM 1997, mit Disziplin und Hartnäckigkeit wieder an die Weltspitze herangebracht zu haben. Seine Qualitäten auf dem Feld hat er als Trainer auch aufs Team übertragen können.

"Als Handballer war er ein solider Arbeiter, und das ist er auch als Trainer. Er ist ein positiv Handballverrückter, ein gewissenhafter Arbeiter", urteilte Horst Bredemeier, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) nach der WM. Für ihn ist Brand, den die "Berliner Zeitung" einmal als "Anpacker" titulierte, schlicht unersetzlich: "Heiner Brand hat als Spieler und Trainer zusammen dem deutschen Handball am meisten gegeben. Im Handball ist er so etwas wie unsterblich."

Kein Mann des Showbusiness

Das Pathos wird ihm nicht gefallen. In der Welt des Glamours hat er sich nie zu Hause gefühlt. Von der Öffentlichkeit in Ruhe gelassen, hat ihm sein Weltmeister-Nimbus bei den Verantwortlichen geholfen, langfristig eine Mannschaft aufzubauen, ihr "ein Gesicht zu geben"(Bredemeier). Von Anfang seiner Tätigkeit als Bundestrainer hatte der gelernte Diplom-Kaufmann auf die gleichen Spieler gesetzt. Klaus-Peter Petersen, Henning Fritz, Stefan Kretzschmar und Christian Schwarzer gewannen unter Brands Regie schon 1998 in Italien EM-Bronze. Die Mannschaft habe sich seitdem ständig weiterentwickelt. "Wir haben auch junge Spieler integriert", sagte Brand stolz nach der WM. Und viele seiner damligen SPieler sollen es auch in Slowenien richten.

Sein Betriebsgeheimnis ist seine Nähe zu den Spielern, ohne den notwendigen Respekt als Autoritätsperson zu verlieren. Der berühmteste "Schnauzer" Deutschlands schnauzt nämlich nicht. Aber er "ist hart in der Sache und hat klare Vorgaben, und die Spieler setzen das durch" (Bredemeier).

Vor der EM ist jetzt die Nervenstärke Brand gefordert. Neben dem drohenden Ausfall seines Superstars Kretzschmar, mit dem er nach diversen Scharmützeln in der Vergangenheit Frieden geschlossen hat, ging auch das Vorbereitungstournier in Tschechow gründlich daneben. Nur ein Sieg in vier Spielen dämpfte die Erwartungen der Öffentlichkeit doch merklich. "Das ist eine schwierige Phase, aber keine Situation, die man dramatisieren muss, gibt sich Brand gelassen. Er erinnerte daran, dass seine Mannschaft vor zwei Jahren beim Turnier in Island ebenfalls enttäuschte und bei der anschließenden EM Zweiter wurde.

Sein Kampfgeist scheint ungebrochen. Aber er weiß, dass ein "großer Trainer großen Erfolg in großen Spielen haben" muss. Das hat ihm Vlado Stenzel am Anfang auf den Weg gegeben. Er muss es wissen. Der WM-Trainer von 1978.

Christoph Marx

Wissenscommunity