Interview Christina Obergföll "Nur knallharte Sanktionen helfen"


Bei der Leichtathletik-WM zählt sie zu Deutschlands größten Gold-Hoffnungen: Speerwerferin Christina Obergföll. Im stern.de-Interview spricht sie über Weltrekorde, chinesische Doping-Vorbereitungslager und den stetigen Generalverdacht.

Der Speerwurf-Wettbewerb bei der Leichtathletik-WM in Osaka steht vor der Tür. Sie gehen als Deutsche Meisterin mit hohen Erwartungen in die Titelkämpfe. Haben sie nicht Angst, dass ihre ewige Konkurrentin Steffi Nerius ihnen den Rang als Deutschlands Nummer Eins plötzlich wieder ablaufen könnte?

Nein. Ich weiß, dass sie gut ist, und ich glaube auch, dass sie um die 66 Meter bei der WM werfen wird. Aber das ist für mich kein Grund, plötzlich die Nerven zu verlieren. Ich habe dieses Jahr in sieben Wettkämpfen konstant über 66, knapp 67 Meter geworfen, das kann Steffi Nerius nicht vorweisen. Da ist für mich die Tschechin Barbora Spotakova im Augenblick eher eine, die gefährlich werden könnte.

Den aktuellen Speerwurf-Weltrekord hält mit 71,70 Metern die kubanische Weltmeisterin Osleidys Menéndez. Sie hat in dieser Saison noch keine überragenden Weiten erzielt und ihre Teilnahme an der WM in Osaka kürzlich abgesagt.

Grundsätzlich wäre es mir lieber gewesen, sie wäre gekommen und ich hätte sie im Kampf schlagen können. Aber sie besaß dieses Jahr sowieso nicht die Form ihres Lebens, und ich hatte schon ein paar Mal betont, dass sie vermutlich auch keine 70-Meter-Form bei der WM haben würde. Durch ihre Absage ändert sich an der Situation für mich eigentlich gar nichts, die Konkurrenz bleibt die gleiche.

Ist die Bestmarke der Kubanerin überhaupt antastbar?

Über ihren Rekord wird natürlich viel gemunkelt. Durch ihre eher mäßigen Leistungen in dieser Saison ist Menéndez für mich aber viel mehr ein Beispiel für menschliche Stärken und Schwächen im Sport. Speerwerfen ist eine sehr anspruchsvolle Disziplin, vieles hängt von der Technik ab. Es kommt vor, dass eine Saison super läuft, du diese Form danach aber nicht mehr erreichen kannst. Oder umgekehrt. Da zählt nicht nur pure Kraft und Schnelligkeit.

Im stern hat der frühere Freiburger Olympiaarzt Helmut Schreiber kürzlich geäußert, dass eine Goldmedaille in der Leichtathletik ohne Doping seiner Ansicht nach nicht möglich sei. Sie reisen als eine der größten Medaillenhoffnungen Deutschlands zur Leichtathletik-WM nach Osaka. Was halten Sie von solch einer Aussage?

Nett ist das natürlich nicht. Gerade in meiner Situation ist es nicht ganz fair, dass Herr Schreiber alle Athleten über einen Kamm schert. Bei mir läuft es im Moment wirklich gut - und sofort muss ich mich dafür rechtfertigen. Den Sportlern wird von vielen Seiten bewusst ein schlechtes Gewissen gemacht, indem sie unter Generalverdacht gestellt werden.

Ist das völlig unbegründet?

Natürlich mache ich mir nichts vor und weiß, dass in der Leichtathletik einiger Unfug getrieben wird. Trotzdem darf ein Arzt wie Schreiber nicht einfach alle Athleten gleichermaßen verdächtigen und verurteilen.

Nach den Olympischen Spielen 2004 in Athen trat er freiwillig als Mannschaftsarzt zurück - genau aus diesem Grund. Er ist nach wie vor behandelnder Sportarzt und steht mit vielen Athleten in einem engen Verhältnis. Sollte man ihm nicht glauben dürfen?

Es kommt darauf an, wie und ob er seine Aussagen begründen kann. Ich bin Patientin in der orthopädischen Gemeinschaftspraxis Schreibers, werde allerdings nicht von ihm selbst behandelt. Trotzdem kenne ich ihn natürlich gut, weshalb mich seine Aussagen erstaunt haben. Das ist fast schon, als ob er sagt: die Sportler, die wir in unserer Praxis behandeln, sind auch von diesem Verdacht betroffen.

Werden Sie für sich daraus Konsequenzen ziehen?

Ich werde ihn auf jeden Fall darauf ansprechen, wenn ich das nächste Mal in der Praxis bei meinem Arzt bin. Ich denke, dass sich da eine Lösung finden wird.

Hat man denn als Spitzensportler in der Leichathletik überhaupt noch die Möglichkeit, sich über solch einen Verdacht zu erheben?

Ich persönlich bin da zu vielem bereit. Wenn der Bedarf bestünde, würde ich auch jeden Tag eine Dopingprobe abgeben. Damit hätte ich kein Problem.

Solche Eingriffe sollen ihrem Sport helfen zu einem besseren Image helfen. Behindern sie ihn auch nicht gleichzeitig?

Klar stört das und witzig ist es ganz sicherlich nicht. Keiner fände es angenehm, sich ständig abmelden zu müssen. Plötzlich soll man für die kleinsten Tätigkeiten und Dinge Rechenschaft ablegen, das ist manchmal wirklich grenzwertig. Immerhin ist man als Sportler ja ein freier Mensch. Vielleicht beeinflusst es nicht unbedingt den Sport an sich - auf jeden Fall aber die Persönlichkeit des Sportlers.

Lohnt es sich denn Ihrer Meinung nach, solche Abstriche zu machen? Sind das die Konsequenzen, mit denen die Sportler in der Zukunft einfach leben müssen?

Offensichtlich kriegen wir das Problem nicht anders in den Griff. Ich weiß aber auch nicht, ob das der richtige Weg zu einer Lösung ist.

Und welche Maßnahmen schlagen Sie aus Sicht der Sportler vor?

Möglicherweise helfen wirklich nur knallharte Sanktionen: Wird jemand erwischt, muss er eine hohe Geldstrafe zahlen. Es muss richtig wehtun und Folgen haben, sonst passiert da gar nichts. Häufig ist es aber so, dass unter Verdacht stehende Athleten zur Dopingprobe gehen und zu diesem Zeitpunkt völlig sauber sind. Es gibt ja einige Sportler aus verschiedenen Nationen, die nach einer negativen Probe später doch überführt werden konnten. Genau da liegt das Problem. Es müssen andere Wege gefunden werden, um solchen Leuten auf den Grund zu gehen und sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Heidelberger Dopingexperte Werner Franke, der ja immer wieder schwere Vorwürfe gegen Jan Ullrich erhebt, äußerte sich in einem Fernsehinterview sehr positiv zu ihnen. Überrascht sie das?

Er sagte, dass er sich über jemanden wie mich freue, der nach einem Rekord auf dem Rasen tanzt, bei dem es aber auch einfach mal nicht so läuft. Das sei menschlich. So etwas tut mir und dem Sport wahnsinnig gut. Ich habe sein Interview gesehen und wäre fast in den Fernseher gesprungen...

Schaut man nach Peking 2008, dann wird an vielen Ecken von "Vorbereitungslagern" für die chinesischen Athleten gemunkelt, in denen die Sportler systematisch für die Olympischen Spiele "präpariert" werden. Was lösen solche Gerüchte bei Ihnen aus?

Da kann ich nur für mich und meine Disziplin sprechen. Würden mir fünf Frauen in der Welt vor der Nase herumtanzen, die 75 Meter werfen, dann wäre ich wahrscheinlich schon verwundert und vielleicht auch wütend. Aber in der momentanen Situation glaube ich nicht, dass im Speerwurf der Frauen gedopt wird, weshalb ich mir über diese Gerüchte den Kopf nicht zerbreche.

Wird es in Osaka einen neuen Speerwurf-Weltrekord geben?

Von wem (lacht)? Nein, ich fahre nicht nach Osaka, um einen neuen Weltrekord zu werfen. Ich möchte dort eine Medaille gewinnen - alles andere steht in den Sternen.

Interview: Sara Peschke

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