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Krise: Leipzig droht Olympia-GAU

Sieben Monate nach dem triumphalen Sieg Leipzigs im nationalen Ausscheidungsrennen droht der Bewerbung um die Spiele 2012 das vorzeitige Scheitern.

Sieben Monate nach dem triumphalen Sieg Leipzigs im nationalen Ausscheidungsrennen droht der Bewerbung um die Spiele 2012 das vorzeitige Scheitern. Der deutsche Sport funkt SOS, und die Bundesregierung hat signalisiert, zu einer letzten Kraftanstrengung zur Verhinderung eines Olympia-GAUs bereit zu sein. Dies sind die wesentlichen Fakten eines dramatischen Wochenendes, an dem die Bewerbung am Freitag mit dem Leipziger Olympia-Beauftragten Burkhard Jung ihre dritte Führungspersönlichkeit innerhalb kurzer Zeit wegen dubioser Geschäftspraktiken verlor und Innenminister Otto Schily dennoch verkündete: "Es wird uns gelingen, die Olympischen Spiele 2012 nach Deutschland zu holen, ungeachtet aller Hürden. Ich will alles dazu beitragen."

Der Hauptschauplatz war Leipzig, wo der Sport am Samstag bei der Sitzung der Mitgliederversammlung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) trotz aller Solidaritätsbekundungen auf Distanz zu dem von ihm am 12. April selbst gewählten Bewerber ging. Prägend war die Aussage des Präsidenten des Deutschen Sportbundes (DSB), Manfred von Richthofen: "Alle Misshelligkeiten und Schmuddeleien gehören auf den Tisch. Sonst muss die Reißleine gezogen werden." Am Abend trafen von Richthofen, NOK-Präsident Klaus Steinbach und Leipzigs angeschlagener Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee beim Frankfurter Sportpresse-Ball auf Schily - und konnten ein wenig aufatmen.

"Wir wollen nicht von vornherein der Totengräber für die Bewerbung sein"

Der geplante Olympia-Gipfel soll nun als letzte Möglichkeit der Mobilisierung und Reanimierung genutzt werden. Die nächste Aufsichtsratssitzung der Olympia GmbH am 19. November in Frankfurt ist als eine Art Neubeginn geplant. Neue personelle Kompetenz soll der Bewerbung zugeführt werden, auch um Tiefensee zu entlasten und ihn etwas aus der Schusslinie zu nehmen. Verabschiedet werden soll eine neue Struktur, die von dem Münchner Aufsichtsratsmitglied und Nothelfer Bernd Rauch erarbeitet wurde. Er spricht von einer «letzten Chance».

Die Sorge des Sports ist groß, dass Leipzig trotz seiner viel gelobten Kompakt-Kandidatur nicht einmal die Vorauswahl des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) unter neun Bewerbungen für die Spiele 2012 am 18. Mai in Lausanne erreichen könnte. Zudem besteht die Furcht, dass der Olympia-Standort Deutschland «durch eine erneute Pleite, analog zu Berlin» auf Dauer beschädigt werden könnte. Auch das drückte Richthofen aus, während sich Steinbach mit der Erklärung zurückhielt: "Wir sind nicht blauäugig. Aber wir wollen nicht von vornherein der Totengräber der Bewerbung sein." Für diese Bewerbung hat er als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Olympia GmbH Leipzig zumindest formal die Hauptverantwortung.

Katastrophale Folgen für den deutschen olympischen Sport

Alarmiert hatte vor allem die Situationsbeschreibung von Thomas Bach vor dem NOK-Präsidium. Der deutsche IOC-Vizepräsident räumte mit der Mär auf, dass seine IOC-Kollegen die Serie der Affären nicht wahrnähmen. Leipzigs Probleme mit undurchsichtigen Zahlungen und Zweckentfremdungen von Geldern beschädige das Vertrauen des IOC zu einem Bewerber in einem besonders sensiblen Bereich. Zudem werde seine Position durch ein deutliches Sinken der Zustimmung der Bevölkerung entscheidend geschwächt. Bach malte die katastrophalen Folgen für den deutschen olympischen Sport an die Wand, wenn die Bundesregierung sich von der Bewerbung lösen und ihre Ressourcen ganz auf das Projekt Fußball-WM 2006 konzentrieren würde.

Den uneinigen, im Streit befangenen deutschen Sport kritisierte Bach mit der Aussage: «Er muss Teil der Lösung des Leipziger Problems sein und nicht Teil des Problems.» In einem Gespräch mit dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe) setzte er sich deutlich von der Drohung Richthofens ab, bei der Bewerbung notfalls die Reißleine ziehen zu wollen. An der Position des Sports dürfe es keinen Zweifel geben. "Es muss einen Schulterschluss im Sport mit der Politik geben, der länger als drei Tage hält."

Bach: "Tiefensee nicht unersetzlich"

In den Kulissen wurden bereits Szenarien für einen "ehrenwerten Rückzug" der Bewerbung gehandelt und diskutiert, wann die Grenze überschritten sei. Steinbach ließ sich dazu öffentlich so vernehmen: "Wenn es sich nur um einen Schnupfen handelt", werde der Patient nicht bei der nächsten Krankheit beerdigt. Und es werde keinen Rückzug geben, "solange nicht auch Tiefensee fällt". Auch von dieser Position setzte sich Bach ab. Notfalls könne eine Bewerbung auch ohne Tiefensee auskommen, "niemand ist unersetzlich".

Mit dem unfreiwilligen Rücktritt von Jung auch aus dem Aufsichtsrat wegen der Verwicklung in dubiose Geschäftspraktiken ist der Skandal am Freitag ganz nahe an Tiefensee herangerückt. Jung gilt als enger Vertrauter des Oberbürgermeisters, der sich wie schon bei der Entlassung von Geschäftsführer Dirk Thärichen schockiert zeigt und sein Unwissen beteuert. "Ich werbe um ihr festes Vertrauen und um ihre uneingeschränkte Unterstützung", sagte Tiefensee vor dem NOK und gestand Fehler ein. Nun gehe es um eine "schonungslose Aufklärung mit entsprechenden Konsequenzen. Wir müssen schneller und offensiver arbeiten, damit eventuell weitere Unregelmäßigkeiten abgestellt und bekämpft werden können." Einen Rückzug hält der Oberbürgermeister für "undenkbar und absolut falsch".

Günter Deister, dpa

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