HOME

LEICHTATHLETIK: Der Überläufer

Er hat Trainer, Klub und Manager gewechselt. Er ist glatter geworden und verbindlicher. Doch bei der Leichtathletik-WM will Olympiasieger Nils Schumann zeigen, dass er sportlich ganz der Alte geblieben ist.

Noch heute bereut Nils Schumann, dass er diesen einen Satz gesagt hat. Damals, vor elf Monaten. Der junge Erfurter hatte in Sydney völlig überraschend olympisches Gold im 800-Meter-Lauf gewonnen. Hinter der Ziellinie sank er auf die Knie, riss die Augen weit auf, reckte die Arme nach oben und brüllte seine Freude hinaus. »Jetzt saufe ich eine Woche durch«, grölte er zur besten Sen-dezeit in das Mikrofon eines deutschen Fernsehsenders. Heute sagt er: »Das hätte ich nicht tun sollen.«

Denn als »bekennender Biertrinker« wurde er erst belächelt, dann aber in jeder Talkshow, in jedem Interview mit dem Thema Alkohol konfrontiert. Lästig, findet er, denn: »Mal abends ein paar Bier in einer Kneipe trinken ist nicht mehr drin, sonst heißt es gleich, der Schumann säuft.«

Eine von vielen Lektionen, die der 23-jährige Motorradfreak mit der großen Tätowierung am linken Oberarm (»Ohne Bedeutung, sieht einfach nur gut aus«) nach seinem Triumph lernen musste. Eine zweite: Ruhm ist vergänglich. »In der DDR, in der ich die ersten elf Jahre meines Lebens aufgewachsen bin, wäre ich ein Volksheld«, sagt Schumann. Heute - und gegen die Matadore des Fußballs und der Formel 1 - hat's auch ein Olympiasieger schwer im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit.

Immerhin: Der junge Thüringer gilt als einziger Star der schwächelnden deutschen Leichtathletik. Einer der wenigen, die international mithalten können. Die Liste seiner Titel ist für einen noch jungen Mittelstreckler beeindruckend lang: Olympiasieger, Europameister, Weltcupsieger und Halleneuropameister. Ein absoluter Siegläufer, der sich auf den Punkt motivieren kann und auch mal einen Konkurrenten von der Bahn rempelt, wenn es beim Zieleinlauf eng wird.

Lediglich der Weltmeistertitel fehlt ihm noch, und um den will er am kommenden Dienstag im kanadischen Edmonton mitkämpfen. »Mein Ziel ist eine Medaille«, sagt Schumann selbstbewusst. Auch wenn er wegen einer langwierigen Muskelverletzung in diesem Jahr lediglich ein Rennen bestritten hat - Sorgen macht er sich kaum. Denn der Verlauf dieser Saison gleicht dem des Olympiajahres. Damals allerdings verzichtete er - weil er aus der Form war - bewusst auf Rennen. Und düpierte in Sydney dann die Konkurrenz.

»Eingesackt und rumgereicht«

Auf den Trubel nach seinem Olympiasieg war Schumann nicht vorbereitet. »Meine Fantasie war, dass man endlos glücklich ist und endlos feiert«, sagt er. Aber es kam ganz anders. Sofort nach der Siegerehrung wurde Schumann »eingesackt und rumgereicht«. Von einem Interview zum nächsten. Als er dann mitten in der Nacht ins olympische Dorf zurückkam, war dort niemand mehr zum Feiern. Nicht einmal seine damalige Freundin, die Hochspringerin Amewu Mensah. Die hatte am nächsten Tag Wettkampf und musste früh schlafen gehen. »Ich habe mir das alles ein bisschen rosiger vorgestellt - schließlich hatte ich bei Olympia gewonnen.«

Damals nahm sich Schumann vor: »Der Sieg wird mein Leben beeinflussen, auch wenn ich hoffe, dass ich selbst so bleibe, wie ich bin.« Heute weiß er, dass das nicht funktionierte. Er hat sich verändert. Nur noch selten lacht er offen und befreit. Gibt Schumann Interviews, wirkt er angespannt, zwirbelt mit den Fingern an seinem Bart herum. Seine stahlblauen Augen sind bei den Antworten nach unten gerichtet, und die Sätze quetscht er oft unfreundlich zwischen den Zähnen hervor. »Ich kann nicht mehr so frei reden, schließlich wird jeder Satz zitiert und dreimal umgedreht«, klagt er.

Seine jugendliche Unbekümmertheit hat Schumann verloren. Er weiß genau, was der Markt von ihm erwartet. Wenn er abends in der Fußgängerpassage von Erfurt unterwegs ist, fallen ihm manchmal ältere Damen um den Hals und herzen ihn. »Dann fühle ich mich wie ein Kusspüppchen.« Das mag er überhaupt nicht. »Ich hätte gerne mehr Respekt.« Aber statt die Wahrheit zu sagen, gibt er Autogramme und versucht, sich so die rüstigen Verehrerinnen vom Hals zu halten.

Geschmeidiger ist auch sein Umgang mit schwierigen Fans geworden. Etwa mit solchen, die sich betrunken in der Disco mit ihm verbrüdern wollen. »Früher hätte ich gesagt: Verpiss dich.« Heute glaubt er, so was nicht mehr riskieren zu dürfen. Schließlich, findet Schumann, sei er »eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens«. Und deshalb »versuche ich jetzt solche Sachen diplomatischer zu lösen«.

Diplomatie ist nicht seine Stärke

Dabei war Diplomatie nicht immer seine Stärke. Die Goldmedaille hatte Schumann noch in Sydney seinem langjährigen Trainer Dieter Hermann gewidmet. »Weil er neben meinem Vater den größten Anteil daran hatte.« Zwei Monate später trennten sich die beiden im Streit. Schumann hatte gegen den Willen seines Trainers den Verein gewechselt. Vom kleinen SV Creaton Grossengottern zur finanzstarken LG Nike Berlin. Angeblich für eine sechsstellige Summe.

Die Erfurter verziehen ihrem Vorzeigesportler den Trainer- und Vereinswechsel nur schwer. Auf der Straße wurde er als Verräter bepöbelt. Das hat Schumann überstanden. Heute trägt er das Trikot seines neuen Vereins, trainiert aber immer noch

fast täglich auf der Laufbahn des Olympiastützpunktes in Erfurt und wohnt allein in einer Dachgeschosswohnung in der Nähe des Steigerwaldstadions. »Ich fühle mich hier wohl, und die Bedingungen sind sehr gut.« Und seitdem er mit einer guten Laufzeit in die Sommersaison gestartet war, haben die Erfurter ihn endgültig wieder in die Herzen geschlossen. Wer Erfolg hat, wird geliebt.

Das stimmt auch den Sportler milde. »Ich bereue, dass es zur Trennung von Hermann gekommen ist«, sagt Schumann heute. Sie kommen sich wieder näher. Hermann steht inzwischen schon mal am Rand der Tartanbahn, wenn sein ehemaliger Schützling mit Vater Peter trainiert, dem neuen Betreuer. Und schreit wie zu alten Zeiten Anweisungen hinüber: »Nimm die Hände hoch, wenn du läufst.« Vater Schumann wird Ende des Jahres wieder als Lehrer in den Schuldienst zurückkehren. Er hatte sich extra beurlauben lassen, um seinen Sohn trainieren zu können. Deshalb werden es Schumann und Hermann in der nächsten Saison noch einmal miteinander versuchen. »Wir haben im vergangenen Jahr unser Verhältnis zueinander neu geordnet«, sagt der Athlet.

Einer der bestverdienenden Leichtathleten Europas

Gut geordnet sieht er auch seine Finanzen. Schumann sei mittlerweile einer der bestverdienenden Leichtathleten Europas, heißt es in der Branche. Von seinem alten Manager hatte sich Schumann getrennt, weil der die erhofften Sponsorenverträge nicht ranschaffte. Nachfolger Klaus Kärcher, der schon die Sportgymnastin Magdalena Brzeska zur Werbekönigin machte, hat dagegen erfolgreiche Arbeit geleistet.

Wählerisch durfte Schumann dabei allerdings nicht sein. Für Glasverpackungen wirbt er mit dem Slogan: »Mir hat ein guter Freund schon vor Jahren verraten, dass Männer, die nur aus Glas trinken, länger und öfter können. Na ja, einen wissenschaftlichen Beweis gibt es dafür nicht, ich bin höchstens eine These ...«

Hauptsache, die Kasse stimmt. »Ich kriege ein gutes Gehalt von den Jungs, da bin ich glücklich.« Es gab auch kaum vergleichbare Angebote. Leichtathleten werden von Sponsoren nicht überrannt. »Es hätte mir natürlich mehr Spaß gemacht, für einen Sportwagen Werbung zu machen«, sagt Schumann schulterzuckend.

Branchengesetze begriffen

Er hat die Gesetze seiner Branche begriffen. Und er weiß sehr genau, dass die Zeit fürs Geldverdienen knapp bemessen ist. Dass in Edmonton womöglich ein neuer, junger Star gekürt wird, der ihn ganz schnell in den Schatten drängen könnte.

Manchmal sitzt er in seiner Wohnung auf dem schwarzen, abgewetzten Sofa und holt seine Goldmedaille hervor. Das edle Stück, das er wochenlang in der Hosentasche mit sich herumtrug, liegt immer griffbereit im Regal. »Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, sie in ein Bankschließfach zu geben.« Dann hält er sie in der Hand, schaut sie an und poliert sie. Oft lässt er dazu das Videoband seines olympischen Rennens laufen. Der Reporter schreit darauf: »Komm, Nils! Das schaffst du, Junge!« Und drei Sekunden später: »Schumann. Der Goldmann.« Schumann sagt: »Das gibt mir Kraft.«

Alexandra Kraft und Michael Trippel (Fotos)

Wissenscommunity