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Stuttgart: Das Comeback der Maria Scharapowa: Entschlossener als je zuvor

In Stuttgart steht die Russin beim ersten Turnier nach ihrer Dopingsperre gleich im Viertelfinale und beweist eindrucksvoll, dass die Konkurrenz sich auf eine Frau auf einer Mission einrichten muss.

Von Mathias Schneider, Stuttgart

Maria Scharapowa in Stuttgart: Siege gegen die verlorene Zeit

Maria Scharapowa in Stuttgart: Siege gegen die verlorene Zeit

Maria Scharapowa sagt über sich, sie habe in ihrer tennisfreien Zeit eine neue Wertschätzung für all die Aspekte des Lebens gewonnen, die in einer großen Karriere schon einmal zu kurz kommen. Wochenenden mit Freunden, Sport – einfach so, ohne Ziel und Dringlichkeit. Bücher lesen, reisen, ein Leben voller Müßiggang sei durchaus eine schwer zu widerstehende Versuchung. Sie habe jetzt Gewissheit, dass ihr Leben nach dem Tennis erquicklich weiter verlaufen werde.  

Nach dem Tennis, wohlgemerkt.

Gerade zwei Tage ist der zweite Teil ihrer Karriere nun alt und doch ist es nicht zu früh für eine erste Bilanz. Gegen die tapfere Roberta Vinci und Scharapowas Landsfrau Ekatarina Makarowa hat die nun auch schon 30 Jahre alte Russin in jeweils zwei Sätzen gewonnen. Ein guter Start ist das für eine Frau, die 15 Monate wegen einer Dopingsperre kein Turniertennis spielen durfte. Und das Werkzeug funktioniert noch, so viel war schnell klar. Die Schläge: akkurat und von ungeheurer Wucht. Der Aufschlag: eine Waffe, die sie wie die Spitze eines Speers neu geschliffen hat. Der Körper: sichtbar gestählt, auch wenn Scharapowa sich im letzten Drittel ihrer Karriere nicht mehr das Attribut wieselflink erarbeiten wird. Dazu ein leicht modifizierter Matchplan: noch offensiver. Mehr Volleys. Auch mal ein Stopp. Man durfte so viel Akribie in der Vorbereitung erwarten, sie hat nie etwas dem Zufall überlassen.


Aber mit welcher Geisteshaltung würde sie aus der Pause zurückkehren?

Mit der Entschlossenheit einer Frau, die es noch einmal allen beweisen will, so viel steht schon jetzt fest. Sich selbst eingeschlossen. Scharapowa ist in Stuttgart zu ihrem letzten großen Kampf aufgebrochen. Und kämpfen will etwas heißen bei einer Frau, die mit sieben Jahren allein mit dem Vater nach Amerika aufbrach, ein schmächtiges Mädchen, geschnitten von den Älteren in der Akademie des Nick Bollettierie. Sie fürchtet die Konfrontation seither nicht mehr, das macht sie so unheimlich für die Konkurrenz, die den Wettkampf noch immer allzu oft als notwendiges Übel erachtet.

Die verlorene Zeit nachholen

Scharapowa liebt dagegen den Kitzel des sich Messens. Sie spielt dann am stärksten, wenn das Match auf des Messers Schneide steht. Vielleicht ist das ihre größte Stärke. Bisweilen könnte man glauben, die Gegnerinnen fürchteten ihre Unerbittlichkeit und Konsequenz auf dem Feld mehr als Vorhand und Rückhand. Makarowa wie Vinci erweckten zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, als könnten sie es wirklich mit der Person Scharapowa aufnehmen. Wenig deutet darauf hin, dass die Qualifikantin Anett Kontaveit sie auf dem Weg ins Halbfinale wird stoppen können.

Verbissen, bisweilen fast fiebrig, ringt Scharapowa um jeden Punkt, mit einer Aggressivität, als wolle sie mit jedem Schlag die verlorene Zeit wieder gut machen. Beim Wechsel tänzeln die Füße auf ihrer Bank, als können sie es nicht erwarten, sich wieder ins Gefecht zu stürzten. Sie hat viel nachzuholen, man sieht das, und sie hat auch viel aufzuholen. Einschüchternd wirkt sie deshalb in ihrer Kompromisslosigkeit, auch deshalb wird die Kritik an Scharapowas Dopingvergangenheit aus entlegenen Ecken des Planeten von Kolleginnen wie Eugenie Bouchard ("Sie ist eine Betrügerin") vorgetragen. Aus Ecken, in die der Bannstrahl von Scharapowas Vorhand dieser Tage nicht hinreicht.

Maria Scharapowa: Doping wird ihre Karriere überschatten - aber sie hat eine neue Hoffnung

Scharapowa weiß, dass dieser Dopingfall ihre Karriere wohl für immer überschatten wird, doch bestimmen soll er sie nicht. Es muss sie anstrengen, gegen die lautlosen Vorbehalte anzuspielen. Man kann ihr in Pressekonferenzen förmlich zusehen, wie sie sich entspannt, wenn die Fragen einmal nicht zum Dopingfall gestellt werden. Sie werden sie in den nächsten Wochen begleiten. Ob sie am Ende in Paris beim dortigen Grand-Slam wird starten können, ist noch offen. Es fehlen noch Punkte, die Zeit, sie einzuspielen, ist zu kurz. Eine Wildcard muss wohl wieder her.

Viel deutet darauf hin, dass sie in einem Jahr nicht mehr nötig sein wird. Maria Scharapowa hat sich noch einmal aufgemacht. Sie ist nicht zur Charmeoffensive zurückgekommen, sie will gewinnen, nur das. Sie habe viel an ihrer allgemeinen Fitness in der erzwungenen Auszeit gearbeitet, hat sie am Donnerstagabend verraten. "Ich habe ein ganz neues Verständnis entwickelt, was mein Körper zu leisten im Stande ist", hat sie noch mit sanfter Stimme verkündet. Es muss mancher wie eine Drohung geklungen haben, als sie schloss: "Hoffentlich wird diese Haltung meine Karriere zusätzlich verlängern."

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