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MUHAMMAD ALI: Die Demütigung von Riesa

Der größte Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, zu Besuch in Sachsen. Es ist ein schwerer Kampf für Ali, ein Kampf über neun Runden. Sein Gegner ist die Lächerlichkeit.

Als er die Halle betritt, ahnt er nicht, dass er noch einmal in den Ring steigen muss. Und es wird ein schwerer Kampf für Ali, ein Kampf über neun Runden, sein Gegner ist die Lächerlichkeit.

Riesa im tiefsten Sachsen, Samstag den 29. Juni, punkt 16.15 – man muss mit historischen Daten wie diesem sehr genau sein, denn noch nie ist Ali auf deutschem Boden so sehr gedemütigt worden wie an jenem Nachmittag.

Bislang hatte sich Muhammad Ali mit zwei Deutschen zu messen, Karl Mildenberger und Jürgen Blien, alle beide hatten keine Chance gegen den Champ, sie hielten sich wacker, doch der größte Boxer aller Zeiten wischte sie irgendwann weg. Mildenberger fiel 1966 nach hartem Kampf in der 12. Runde, Jürgen Blien vier Jahre später in der siebten.

Diesmal waren die Gegner aus anderem Holz

Doch seine Gegner vom vergangenen Samstag waren aus anderem Holz: Der Autobauer Volkswagen, der ostdeutsche Kaffeeröster Rondo Kaffee, die sächsische Nudelfabrik »Teigwaren Riesa« und noch sechs andere Firmen hatten ihre Stände in einer langen Reihe aufgestellt zu einer Ostprodukteausstellung. Schon dieses Wort. Ostprodukteausstellung.

Die Firmen hatten viel Geld auf den Tisch gelegt, um Ali für zwei Tage nach Sachsen zu holen, wo er die Erstaufführung des Films »Ali« mit Will Smith in der Titelrolle vorstellen sollte. Jetzt wollten sie das Geld wieder reinholen. Der Champ sollte Werbung machen für Kaffee, Nudeln, Mineralwasser.

1. Runde, der Kampf beginnt

Der Champ steht zitternd und mit ausdrucklosem Gesicht am Volkswagenstand. Neben ihm der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Georg Milbradt, der sich das Blitzlichtgewitter und den prominenten Besuch natürlich nicht entgegen lassen kann. Auch Axel Schulz ist da, der sich freut, mal wieder vor eine Kameralinse zu kommen, und dann ist da noch Howard Bingham, Alis Freund seit vierzig Jahren und gleichzeitig sein Haus- und Hoffotograf. Der Mann hat mehr als eine Million Fotos von Ali gemacht. Was er hier sieht, will er nicht dokumentieren. Bingham sieht gequält aus, er leidet. Für Ali, den er so nicht sehen will.

Wie klein Ali in diesem Moment aussieht in der riesigen Erdgasarena, eine Art Mehrzweckhalle auf der grünen Wiese. Die Herren von Volkswagen stehen stolz neben einem Phaeton, ihrem neuem Spitzenprodukt. Es wird in Dresden zusammengeschraubt. Ali ist in Riesa in einem Phaeton durch die Gegend gefahren worden, vom Hotel Mercure zur Erdgasarena und zurück.

Ali in Riesa - ohne Übersetzer

Jetzt will der Herr von Volkswagen Ali doch mal erzählen, was für ein toller Wagen dieser Phaeton ist, wie toll die tolle neue gläserne Fabrik im tollen Dresden ist. Also spricht er. Auf deutsch. Ali hat keinen Übersetzer, kein Knopf im Ohr. Den Mann vom Volkswagenstand scheint das nicht weiter zu beunruhigen. »Der Pfiff an dieser Fabrik in Dresden ist, dass der Kunde die verschiedenen Produktionsstufen beobachten kann.« Dann macht er eine Pause. Wartet auf eine Reaktion von Ali. Vielleicht auf ein Wort wie: »Great«. Oder: »Interesting«. Oder vielleicht auch nur auf eine Veränderung in Alis starrem Gesicht. Doch da kommt nichts.

Ali steht einfach nur da. Reden fällt ihm schwer, und ohnehin gelingt es ihm nur selten, seinen von der Parkinsonkrankheit besiegten Gesichtszügen eine Regung abzutrotzen.

»How do you find this car?«

Also Stille. Zehn Sekunden einfach nur Stille. Der Herr von Volkswagen zeigt ein Einsehen. Redet weiter. Diesmal auf Englisch. Er hat wohl inzwischen mitbekommen, dass das ganz sinnvoll ist. Also fragt er: »So, dear Mr. Ali, how do you find this car?« Ali steht einfach da. Sagt nichts. Die Fotografen jagen ihre Filme durch, sorgen für die einzige Geräuschkulisse. Der Volkswagenmann wartet immer noch auf eine Antwort. Dann drückt er Ali einen Edding in die Hand. Er soll die Motorhaube signieren. Der größte Boxer aller Zeiten zittert sein Autogramm hin, die Fotografen drängeln an der Absperrung.

2. Runde

Der Herr der Firma »Wurzener« , der Ali die Produkte der Ostfirma näher bringen soll, kämpft mit seiner Aufregung und mit seinem Englisch. Cornflakes, sports + fun Frühstücksflocken oder Honey pops hat er zu bieten. »Wir stellen sportliche Produkte her«, radebricht er, rudert mit den Händen und deutet auf »das Spitzenprodukt «sports + fun». Pause. Stille. Das sei zum Spitzenprodukt 2002 gekürt worden. Längere Pause. Die Stille wird immer lauter. Dann, natürlich, ein Geschenk, das keines ist: Eine riesige Schachtel Frühstücksflocken, so groß wie ein Umzugskarton. Er hält ihn Ali hin, doch der kann ihn unmöglich halten. Egal. Solange die Fotografen die Schachtel mit Firmenlogo und Produktnamen knipsen. Ministerpräsident Milbradt stellt sich neben Ali. Lächelt. Die Augen lächeln nicht mit.

3. Runde

»Der arme Kerl«, sagt einer im Hintergrund. Ali hat sich mehrere Minuten angehört, was für tolle Kerzen aus dem Hause »SGARBI« kommen. Niemand kann sagen, was er davon verstanden hat. Die Stimmung in der Halle ist längst gekippt. So mancher Fotograf senkt das Kameraobjektiv. »Ich kann das unmöglich fotografieren«, sagt einer. »Das ist einfach zu traurig.« Der Herr vom Kerzenstand sieht das etwas anders, lächelt tapfer, als er dem Boxer eine riesige blaue Kerze überreichen will. Ali schaut auf den Boden. Seine Arme sind fest an den Körper gedrückt. Nur so verhindert er, dass sie unkontrolliert zu schlenkern anfangen. »ALI THE GREATEST« steht in goldener Schrift auf der Kerze. Ali ist in diesem Moment der kleinste Mensch unter der Sonne.

4. Runde

Der Mann von »Rondo Kaffee« fängt im Jahr 1912 der Firmengeschichte an und arbeitet sich langsam in die Gegenwart vor. Als er auf Englisch nicht recht weiter kommt, fährt er ungerührt fort: »Die Mischung macht's!« plappert er den Werbespruch einer seiner Kaffeesorten nach, »die sage und schreibe eine Bekanntheitsgrad von 76 Prozent hat«. Er lächelt und wiegt den Kopf, als er das sagt und man merkt ihm an, dass er eine Anerkennung dafür erwartet. Ali wird zum nächsten Stand geschoben. Milbradt trinkt noch einen Schluck Kaffee, lässt sich neben den beiden Hostessen ablichten, von denen eine einen absurden Haarschmuck aus Kaffeebohnen trägt. Foto, Klick. Milbradts Gesicht klappt zusammen. Er weiß, wie das geht.

5. Runde

»Auch wir produzieren sportliche Produkte« behauptet der Mann der Firma Reiss. Um ihn herum stehen: Schreibtische. Er drückt auf einen Knopf und die Tischplatte fährt stufenlos nach oben. »nämlich Schreibtische, an denen man sitzen UND stehen kann.« Er spricht drei Ausrufungszeichen mit, als er dieses »und« in die kalte Halle schleudert. Ali signiert die Tischplatte des sportlichen Schreibtischs und schlurft weiter.

Seine Augen - kalt und leer

Als wieder einmal die Fotografen ihr Recht fordern, bleckt Ali die Zähne zu einem Lächeln. Nein, es ist kein Lächeln dieses Mal. Es sieht nicht freundlich aus. Wenn er sich freut, sieht man das an seinen Augen, die ihre Starrheit verlieren. Als die Auslöser klicken, sind sie kalt und leer.

Vielleicht kann man den Standleuten gar kein Vorwurf machen. Sie haben sich nicht vorgenommen, Ali zu demütigen. Doch manchmal ist Gedankenlosigkeit schlimmer als Berechnung.

6. Runde

»Natürlich können wir Ihnen keinen Reifen schenken, hehe«, sagt der Mann der Firma Pneumant GmbH & Co KG am Ende seines Vortrages über Ostreifen, bei dem selbst Herr Milbradt mit seinen Gesichtszügen zu kämpfen hat. »Deshalb möchten wir Ihnen einen 'Tyre-Cake' schenken, lieber Herr Ali. You unterstand? Einen Schokoladenkuchen, der wie ein Reifen aussieht.« Ali schaut die runde Kalorienbombe an, dreht sich zu seinem Freund Howard Bingham um. Der lächelt gequält. »MUHAMMAD ALI THE GREATEST« steht in Zuckerguss auf dem Kuchen. Jetzt erwarten die Reifenleute wohl, dass er sich ein Stück abschneidet und hineinbeißt. Ali trottet weiter. Macht auf einmal halt. Dreht sich um und geht auf die Menschentraube zu, die den Tross hinter der Absperrung begleitet.

Und plötzlich ist er ein Zauberer

Er spürt, dass die Stimmung auf Null ist. Ali holt ein rotes Tüchlein aus der Tasche und macht seinen Zaubertrick. Er schiebt das Tuch langsam in seine riesige zittrige Faust, bis es nicht mehr zu sehen ist, pustet auf die Faust und öffnet die Hand. Das Tuch ist verschwunden. Ali strahlt. Das erste Mal. Ahhs und Ohhs kommen aus der Menschentraube. Applaus, ehrlicher Applaus. So vertreibt er die schlechte Stimmung, bedient sich der Mittel, die ihm geblieben sind. Zurück in deine Ecke! Auf die Bretter mit dir! Für kurze Zeit hat er sich etwas Luft verschafft. Die Lächerlichkeit ist für ein paar Sekunden gewichen.

7. Runde

Die siebte Runde ist kurz. Der Herr der »Oppacher Mineralquellen« weiß wohl selber nicht so genau, was so besonders ist an den Wasserflaschen, die überall auf dem Stand herumstehen. Er hat sich auch beim Geschenk nicht viele Gedanken gemacht. Er gibt dem Champ: einen Nussknacker. Einen Nussknacker aus Holz.

8. Runde

Die Firma »Verbundnetz Gas AG« hat ein Problem: Sie können nichts zeigen. »Deshalb werfen Sie, lieber Herr Ali doch einmal einen Blick in dieses Buch.« Er hält Ali und den Fotografen einen Bildband mit alten schwarz-weiß Fotografien hin. »So sah das früher hier aus«, sagt er. Ali guckt. Schließt die Augen für eine Weile. Die Blitzlichter blenden ihn. Für kurze Zeit fragt man sich, ob die Häuser da auf den alten Fotos nicht doch hübscher waren als die Plattenbauten, die heute in Riesa herumstehen.

9., letzte Runde

Die Firma »Teigwaren Riesa« fordert von Ali nochmal alles ab. Ein harter Gegner. »Volle Nudelkraft voraus!« steht da in großen Lettern. Der Standtyp macht auf locker. Weist darauf hin, dass es am Abend vorher nach der Filmpremiere Pasta von »Teigwaren Riesa« zu essen gab. Natürlich geht er davon aus, Ali habe den ganzen Abend über nichts anderes nachgedacht als über diese Nudeln. Also fragt er: »Did you enjoy the pasta?« Meckert ein Lachen hinterher. Ali guckt nur. Kein Wort.

»Was heißt Sternchennudeln auf Englisch?«

Dann lässt der Mann der Nudeln Ali drei Bilder signieren. Drei Portraits des Boxers. »Die Bilder sind aus Nudeln gemacht worden«, sagt der Standmensch. »It's made of«, jetzt sucht er das richtige Wort, dreht sich um zu einem Kollegen, fragt leise: »Was heißt Sternchennudeln?« Keine Antwort. Egal. »Out of star noodles«, sagt er dann, »you know, we call them soup noodles.« Und lacht seiner eigenen vermeintlichen Schlagfertigkeit hinterher.

Dann wendet er sich Milbradt zu, übergibt ihm einen durchsichtigen Sack Nudeln. »Damit Sie was Ordentliches mit nach Hause bringen, hehe.« Doch natürlich soll auch Ali nicht leer ausgehen. Er bekommt eines der Bilder, »in der Hoffnung, es wird einen besonderen Platz in Ihrem Haus finden«.

Der Kampf mit den Autogrammjägern

Dann ist der Kampf aus. Fast. Ali hat ihn überstanden. Er wirft noch einen Blick auf die Olympia-Präsentation der Stadt Leipzig für das Jahr 2012 und kämpft sich den Weg zurück durch die Autogrammjäger. Geduldig kritzelt er sein Kürzel auf T-Shirts, Fotos und Buchdeckel. Am Beginn des Spießrutenlaufs hatte er noch »Muhammad Ali« geschrieben, jetzt ist er nur noch zu »Ali« und »Muh« fähig. Als er die Halle endlich verlassen kann, ist es nur noch ein »M«.

Da sieht er dieses Kind

Jetzt ist der Kampf wirklich aus. Der Schlussgong ertönt, gerade will er seinen Wagen, den tollen Phaeton aus der tollen gläsernen Fabrik aus dem tollen Dresden besteigen, da sieht er dieses Kind. Auf dem Arm seines Vaters. Ali steht noch einmal auf, geht zu dem Jungen hin, schaut ihn lächelnd an an.

Der Junge fängt an zu weinen.

Oliver Link

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