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NFL: NFL-Kolumne - Warum Packers und Saints stolperten

Ein wahres Meer an Zahlen soll Spielern, Coaches, Reportern und den Fans helfen, die Spiele in der NFL einzuordnen und manchmal auch deren Ausgang vorherzusagen. Dass bei aller Zahlenspielerei die alte Weisheit "wichtig ist auf dem Platz" immer noch Gültigkeit hat, bewies die zweite Playoff-Runde.

2003 führte die Colorado Springs Gazette angesichts des Saisonstarts eine Pro und Kontra-Liste mit der Frage an: Welcher Sport ist besser, Baseball oder Football? Ein Plus auf NFL-Seite war die Antwort: "Es gibt zu viele Statistiken im Baseball" - ein Minus in derselben Kategorie war "in der MLB gibt es mehr Statistiken". Das mag zwar immer noch stimmen, doch über zu wenig Zahlenreihen dürfen sich Football-Fans nicht beschweren.

Klar, es macht Spaß, sich mit Zahlenspielereien rund um den Sport zu beschäftigen. Und die Statistiker liefern gerade für die Playoffs genug Munition für ganze Kolumnen. Aber bei allen Statistiken müssen die Spiele trotzdem noch gespielt werden – zum Leidwesen von den New Orleans Saints oder Green Bay Packers. Diese beiden Teams und ihre Gegner San Francisco und New York hielten sich eben nicht an die Vorgaben in Papierform.

Gaaanz, ganz kalt!

Gerade die Saints galten vor ihrer Reise nach Kalifornien als heißestes Team der Liga und kamen als Favoriten der Buchmacher und aller Experten in das Candlestick Stadium der 49ers. Hatte Quarterback Drew Brees doch im letzten Saisonspiel seinen Raumgewinn-Rekord noch einmal unterstrichen und beim 45:28 in der Wildcard-Runde mit 466 Yard und drei Touchdowns geglänzt. Zudem hatten die Saints die letzten acht Saisonspiele ohne eine Niederlage beendet.

Die Zahlen von Brees in San Francisco lesen sich in den beiden oben erwähnten Kategorien ähnlich – er brachte es auf 462 Yards bei vier Touchdowns. Der Unterschied folgte allerdings in der dritten Spalte: Interceptions. Im Spiel gegen die 49ers leistete er sich nämlich gleich zwei, zudem kamen noch drei Fumbles dazu. Diesen fünf Ballverlusten stand einer der 49ers gegenüber.

Fehler wie Interceptions oder Fumbles schlagen sich natürlich nicht nur in den Statistiken nieder, sondern auch auf der Anzeigetafel. Vorausgesetzt, der Gegner weiß diese zu nutzen – für die Saints ging das mit elf Punkten sogar noch recht glimpflich aus. Andererseits bedeuten solche Turnover in erster Linie ja, dass die eigene Offensive keine Punkte in dem betreffenden Spielzug mehr erzielen kann. Gegen eine potente Angriffsreihe wie die der Saints ist dies sicher der größte Erfolg.

Wenn man dann noch einen nach sieben Jahren aus dem Dornröschenschlaf geweckten Quarterback namens Alex Smith sein Eigen nennt, der mit einem 28-Yard-Lauf und einem Touchdown-Pass auf Tight End Vernon Davis – bereits als The Grab in der NFL-Historie eingemeißelt – New Orleans zum Ende des Spiels gleich zwei Mal in die Suppe spuckt, dann hat man den Einzug in das NFC-Championship Game verdient.

Schlechte Leistung zur falschen Zeit

Dort geht es für die 49ers nun gegen die New York Giants. Liest sich komisch, ist aber so. Denn auch New York wusste die Fehler der favorisierten Green Bay Packers entsprechend zu nutzen. So litten Green Bays Wide Receiver an besonders glitschigen Händen, acht fallengelassene Pässe sprechen eine deutliche Sprache. Ein Spiel der Divisional Round in den Playoffs ist ein schlechter Zeitpunkt für die schlechteste Leistung dieser Spielzeit. Dazu kamen insgesamt vier Ballverluste, von denen Quarterback Aaron Rodgers zwei zu verantworten hatte.

Natürlich gebührt auch der Defensive der Giants ein großes Lob, sie verhinderten nämlich auch das, was die Offensive der Packers bei ihrem Erfolgslauf ausgezeichnet hatte: Den langen Pass. Raumgewinn über 20 Yards brachte Green Bay nur zwei Mal zu Stande. Einmal per Lauf durch James Starks und einmal per Pass auf Randall Cobb – allerdings zu einem Zeitpunkt, als das Spiel bereits entschieden war.

Die schlechte Offensivleistung brachte schließlich zutage, was zuvor bereits ein paar Mal befürchtet worden war. Die Defensive war nicht in der Lage, das Heft in die Hand zu nehmen und dem Team zum Sieg zu verhelfen. Bezeichnend war dabei der Spielzug vor der Halbzeit, der zum 20:10 für die Giants führte. Mit sechs Sekunden auf der Uhr von der 37-Yard-Linie Green Bays war für alle Beobachter im Lambeau Field klar, was kommen würde – New Yorks Quarterback Eli Manning würde einen Pass in die Endzone versuchen. Als sich sein Ball eben dorthin senkte, konnte man drei seiner Receiver hinter der Linie ausmachen, doch nur zwei Verteidiger in Grün-Gold. Als Hakeem Nicks das Spielgerät aus der Luft pflückte, war das Verhältnis zwar 4:4, doch der Schaden war angerichtet. Anstatt mit einem Drei-Punkte-Rückstand ging es mit einer Zehn-Punkte Hypothek in die zweite Halbzeit.

Am Ende gelang den Giants ein fast so großes Kunststück wie im Febuar 2008, damals besiegten sie die bis dahin ungeschlagenen Patriots im Super Bowl. Und bewiesen somit innerhalb einer kurzen Zeitspanne, dass alle Erfolge und alle Statistiken der regulären Saison in einem Playoff-Format ohne Serien keinen Pfifferling wert sind, wenn in den 60 Minuten nicht die beste Leistung abgerufen wird.

Demontage auf hohem Niveau

Wahrlich nicht den besten Tag hatten auch die Denver Broncos erwischt, die beim 10:45 vom New England regelrecht verprügelt wurden. Über die Leistung der Gäste verliere ich keine Worte. Am Ende hatte man das Gefühl, Tom Brady wollte sich für das Championship Game warm spielen und Revanche für die Playoff-Niederlage 2005 nehmen. Dass dabei nebenbei die Einstellung des Touchdown-Rekords (6) heraussprang, dürfte für den dreifachern Super Bowl-Ringträger eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

Angesichts einer solchen Leistung müssen die Gegner aus Baltimore, die sich dank ihrer Defensive mit 20:13 gegen die Houston Texans durchsetzten, in der Verteidigung noch eine Schippe drauflegen. Aber noch wichtiger – Quarterback Joe Flacco muss gegen die nicht immer sattelfeste Passverteidigung New Englands mehr machen, als sich auf eben jene Defensive zu verlassen.

Auf dem Papier – und damit zurück zu den Statistiken – haben die Ravens sogar die Nase vorne. Haben die Patriots doch nur gegen Teams gewonnen, die eine ausgeglichene oder negative Saisonbilanz haben und sind damit laut der Statistikabteilung von ESPN erst das vierte Team, das mit einer solchen Leistung in einem Championship Game steht. Die anderen Drei? Die St. Louis Rams und Pittsburgh Steelers gewannen1999/2000 bzw. 1974/75 den Super Bowl, die Jacksonville Jaguars verloren ebenfalls 1999/2000 ihr AFC-Endspiel. Und somit spräche die Statistik wieder für die Pats, oder? Zumal ihre Gegner ja teilweise auch dank der Patriots-Siege gegen sie keine bessere Bilanz aufweisen können.

Revanche oder Harbowl?

Egal wie das nächste Wochenende ausgeht, für interessante Geschichten ist mit Sicherheit gesorgt. Würden zum Beispiel die Ravens und 49ers im Super Bowl stehen, gäbe es den Harbaugh-Bowl – das Endspiel zwischen den Headcoach-Brüdern Jim und John Harbaugh. Die Begegnung in der regulären Saison ging an den älteren John und Baltimore. Doch auch ohne die Super Bowl-Teilnahme muss man Jims Leistung in Kalifornien stets und ständig würdigen.

Er übernahm, dank des Streiks mit verkürzter Vorbereitungszeit, ein Team, das zuvor eine 6:10-Bilanz aufgewiesen, und mit Alex Smith einen Quarterback, den fast jeder bereits abgeschrieben hatte. Nun gibt es für die Fans in San Francisco endlich mal wieder ein NFC-Finale im eigenen Stadion.

Sollten dies die Gäste aus New York gewinnen und gleichzeitig die Patriots sich gegen die Ravens durchsetzen, käme es zur Revanche für das Endspiel 2008. Und dies auch noch in Indianapolis, wo die heimischen Fans eigentlich gehofft hatten, ihr eigenes Team angeführt von Quarterback Peyton Manning zu sehen. Der fiel die ganze Saison aus, die Colts auseinander und nun müssen die Einheimischen vielleicht seinem kleinen Bruder und dem wohl größten Quarterback-Rivalen seiner Generation zugucken.

Und dazu gäbe es vor dem Spiel sicher eine Menge Statistiken. Gut, dass zudem auch noch gespielt wird.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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