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Volksentscheid gegen Bewerbung: Warum ich wirklich gegen Olympia in Hamburg stimmte

Jochen Siemens muss sich beschimpfen lassen, weil er gegen Olympia in Hamburg ist. Er hat allerdings nichts gegen das IOC, es geht ihm auch nicht ums Geld - er hat eine ganz andere Erklärung für seine Ablehnung. Ein Kommentar.

Die Hamburger haben sich gegen Olympia in Hamburg entschieden

Die Hamburger haben sich gegen Olympia in Hamburg entschieden - nach der Abstimmung entbrennt eine Diskussion unter Befürwortern und Gegnern.

Komischer Tag. Ich musste mich beschimpfen lassen. Nicht heftig, aber nachhaltig und spöttisch. Weil die Hamburger keine Olympischen Spiele wollen und ich einer von denen war, der sie nicht wollte. Beschimpft haben mich Freunde, die nicht in Hamburg leben. Sondern in Berlin oder München oder sonstwo. Mutlos sei ich. Ein Pessimist. Ein Kleingeist, der sich vor der großen Welt fürchtet und so weiter. Bin ich nicht. Ich hätte gerne Olympische Spiele in der Stadt. Die Jugend der Welt. Spanische Volleyball-Spielerinen auf der Straße. Australische  Hockeyspielerinnen an der Alster, Olympia ist auch Laufsteg.

Aber ich lebe in Hamburg. Und ich kenne die Stadt und die Menschen, die hier entscheiden. Es ist eine Stadt, die viel kann. Eine sehr teure Elbphilharmonie und eine unartige Straße in der Schanze zum Beispiel. Oder ohne großes Getue Flüchtlinge aufnehmen. Fünf Kreuzfahrtschiffe im Hafen verstauen auch. Und viele Sprache sprechen. Wenn man hier lebt, weisß man, was die Stadt kann. Und auch, was sie nicht kann. Ganz einfach: Olympia.

Olympia ist eine Nummer zu groß

Es ist eine Nummer zu groß, weil die Köpfe hier zu klein sind. Für Olympia. Es geht mir gar nicht um die Korruption, das IOC, die Sicherheit oder das viele Geld, es geht einfach darum, dass diese Stadt das nicht kann. Und das merkt man nicht nur daran, dass sie hier historische Häuser an der Alster abreißen, um eine der hässlichsten Einkaufsmalls Deutschlands, die "Europa-Passage" zu bauen, nein, man merkt es im viel kleineren Alltag.

Denn: Ich lebe in Hamburg, heißt auch, dass ich seit über zehn Jahren zwischen Baustellen lebe. Diese Stadt ist nie fertig damit, sich immer hässlicher, glatter und kühler zu machen. Sie ist städtebaulich eine Mischung aus Großmannssucht und Schilda. Und immer Baustelle. Es geht nicht um die Baustellen, um kaputte Straßen zu sanieren, sondern Großbausstellen für "Busbeschleunigungsspuren" zum Beispiel, ja, das kennt ihr Berliner natürlich nicht.

Bei mir in der Nähe wurde eine funktionierende große Kreuzung so umgebaut. Heute schicken Eltern ihre Kinder da nicht mehr über die Straße, weil sie unübersichtlich ist, und in der Mitte musste ein kaum sichtbares Verkehrsschild beseitigt werden, weil es etliche Male umgefahren wurde. In einem anderen Stadtteil haben sich alte Menschen die Beine gebrochen, weil sie über zehn Zentimeter hohe "Fahrbahntrenner" stolperten, die vorher nicht da waren, als die Straße noch gemütlich war.

In Hamburg leben heißt auch: zwischen Baustellen leben

Nach den "Busbeschleunigungsspuren", an denen ein Jahr gearbeitet wurde, ist jetzt wieder Baustelle. "Fahrradverkehrsoptimierung" oder wie das heißt. Die Fußwege werden schmaler, der Döner-Türke kann keine Tische mehr herausstellen, hier soll keiner verweilen, aber die Radwege sind breiter, egal, immer Baustelle.

Am Hafen, wo ich arbeite, werden seit über drei Jahren "Terrassentreppen" gebaut. In kürzerer  Zeit wurde daneben ein altes Bürohaus komplett abgerissen und neu wieder aufgebaut. Da arbeiten bald Menschen in den Büros, die "Terrassentreppen" sind immer noch nicht fertig. Baustelle, Stau.

Nur Ecken und Kanten, aber nirgendwo Planung mit Herz

Und dann Innenstadt, da wo sich mal die Jugend der Welt treffen soll. Wo denn? Zwischen den Baustellen der unzählbaren Glas- und Stahlklötze, die meist zur Hälfte leerstehen? Leerstehen ist gut, mal in der Hafencity gewesen? Da ist es auch im Sommer kalt. Und nach 18 Uhr leer. Also, ihr Nicht-Hamburger, auf dem Papier mag die Skizze von der "Olympic City" am Hafen ja schön aussehen, als Hamburger zuckt man zusammen, wenn man die eckigen, scharfkantigen Klötze sieht.

Schon mal aufgefallen, das außer der Stadionform nichts rund, gebogen, geschwungen, willkommen, will sagen, nichts weich an den Entwürfen ist? Olympia muss mit dem Herz geplant werden, aber in Hamburg schlägt da leider ein Klotz. Bei mir in der Nähe hat die Stadt vor einem Jahr eine kleine Straßenkreuzung durch einen runden Kreisverkehr ersetzt, ein Jahr Baustelle. Und nun? Der Kreisverkehr ist so eng, dass viele ihn nicht verstehen und einfach in der Mitte darüberfahren. Rund kann Hamburg nicht. Weil die Köpfe eckig sind und das Denken nicht die Richtung wechseln kann.

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