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RADSPORT: Doping: Jetzt beginnt der Gerichts-Giro

Einen Tag nach dem Ende des 84. Giro d'Italia steht der Radsport vor einem Scherbenhaufen. Zehn Teams stehen im Fadenkreuz der Doping-Ermittler.

Einen Tag nach dem Ende des 84. Giro d'Italia steht der Radsport vor einem Scherbenhaufen. Die Staatsanwaltschaft Padua ermittelt gegen fünf Fahrer des italienischen Teams Liquigas; laut »Gazzetta dello Sport« stehen bei der Staatsanwaltschaft Florenz zehn am Giro beteiligte Teams im Fadenkreuz der Ermittler. »Jetzt beginnt der Gerichts-Giro«, schrieb am Montag eine italienische Tageszeitung.

Über 70 Verfahren?

70 und damit etwa die Hälfte aller Fahrer, die am Freitag noch im Rennen waren, könnten Verfahren drohen. Allerdings bezeichnete Staatsanwalt Luigi Bocciolini diese Zahl am Montag als »Fantasie«. Er werde so diskret wie möglich ermitteln, »um das Image der Personen zu schützen«. Jan Ullrich plädierte für lebenslange Strafen bei Doping-Vergehen: »Wer erwischt wird, sollte nicht nach einem Jahr zurückkommen, sondern überhaupt nicht mehr zum Radsport gehören.«

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Nach dem Giro d¿Italia:

stern.de: »Hemassist würde Jan nie nehmen - er lebt zu gerne«

stern.de: Doping-Fund bei Dario Frigo

stern.de: »High« über die Alpen

stern.de: Giro-Chaos: Polizei-Razzia stoppt Etappe

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Menschenversuche

Telekom-Teamarzt Lothart Heinrich attestierte dem am Freitag nach der Razzia von San Remo suspendierten Dario Frigo, bei dem das vom Hersteller 1998 nach einer Testphase vom Markt genommene »Hemassist« gefunden worden sein soll, »Menschenversuche an sich selber«. Deutschlands Top-Sprinter Erik Zabel sagte in Bochum gut drei Wochen vor dem Start der Tour de France: »Ich kann nur für mich selber sprechen - ich bin sauber.« Jens Heppner glaubt nicht an Abschreckung nach der Skandal-Tour 1998 und dem Giro-Chaos: »Es wird immer den ewigen Kampf zwischen Fahrern und Doping-Kontrolleuren geben«.

Keine Tour-Razzia

Eine Großrazzia wie in Italien soll es bei der am 7. Juli in Dünkirchen beginnenden 88. Tour nicht geben. Im »Kicker« sagte Daniel Baal, Vize-Präsident des Weltverbandes UCI: »Großrazzien wie in Italien sollen sich nicht wiederholen.« Der Franzose, der im kommenden Jahr ins Tour-Präsidium rücken wird, befinde sich dabei angeblich im Einklang mit der Sportministerin Marie-George Buffet, die als Anti-Doping-Hardlinerin bekannt ist und für das polizeiliche Vorgehen bei der Tour '98 verantwortlich war.

Der Leiter des Kölner Doping-Labors, Wilhelm Schänzer, hat die rigorosen Maßnahmen der italienischen Behörden begrüßt. »Diese Razzia ist für uns Kontrolleure eine tolle Sache. Da sieht man endlich einmal, was jeder einzelne Fahrer so mit sich führt«, sagte Schänzer am Montag in Köln. Der Biochemiker ist nach eigenen Aussagen »sehr gespannt, was die Untersuchungen ergeben«. Schänzer warnte jedoch vor verfrühten Urteilen: »Es gibt viele Präparate, die legal sind und dennoch beschlagnahmt wurden.«

Saubere »Telekoms«?

Künftige Negativ-Schlagzeilen über die Telekom-Profis hält Schänzer für nicht vorstellbar. »Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sauber sind, ist sehr hoch«, meinte er, »sie befinden sich seit 1999 im Trainings-Kontrollsystem und werden fünf bis zehn Mal im Jahr ohne Vorankündigung getestet. Es gab noch keinen positiven Befund«.

Am Montag suspendierte die Teamleitung von Liquigas ihre Fahrer Ellis Rastelli, Denis Zanette (beide Etappensieger), Gianni Faresin, und Zeitfahr-Weltmeister Sergej Gontschar. »Sie werden nicht weiter fahren, bevor die Vorwürfe gegen sie nicht geklärt sind«, sagte Teamchef Fabio Bordolani.

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