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Regatta: 3500 Meilen zum Ziel

Mitte Juni wiederholt sich eine historische Regatta über den Nordatlantik. 63 Boote starten in New York und segeln nach Hamburg. Der stern ist an Bord der "UCA" dabei - Deutschlands schnellster Rennyacht.

Mitte Juni wiederholt sich eine historische Regatta über den Nordatlantik. 63 Boote starten in New York und segeln nach Hamburg. Der stern ist an Bord der "UCA" dabei - Deutschlands schnellster Rennyacht

Zwei Männer, zwei Schiffe, zwei Epochen - eine Idee. Der eine Mann hieß Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, ein klassischer Unternehmer. Er hielt es für richtig, dass die Hansestadt mit einer eigenen Flagge vertreten sein müsse bei einem Ereignis, das seine Zeitgenossen begeisterte: eine Transatlantik-Regatta von New York nach England. Und er handelte.

300.000 Goldmark - 1903

Ballin beorderte eine Reihe Hamburger Kaufleute zu sich, die Menschen seines Schlags waren. Als sie kamen, fanden sie Listen vor, auf denen hinter ihrem Namen schon ein fester Spendenbeitrag eingetragen war; nur der Platz für die Unterschrift dahinter war noch frei. Die Sitzung dauerte nicht länger als eine halbe Stunde, erbrachte über 300.000 Goldmark und war die Geburtsstunde des "Hamburgischen Vereins Seefahrt". Der kaufte in England einen fixen Zweimastschoner, taufte ihn "Hamburg" und röstete ihn aus für die Ozeanwettfahrt. Hamburg, 1903.

Der andere Mann heißt Klaus Murmann, Unternehmer ("Sauer-Danfoss"), langjähriger Arbeitgeberpräsident (1986-1996) und leidenschaftlicher Segler (13 Hochseerekorde). Er hielt es für richtig, dass seine Crew und die Farben seines Yachtclubs bei einem Ereignis dabei sein sollten, das seine Zeitgenossen fasziniert: eine Transatlantik-Regatta zum 100-jährigen Bestehen des "Hamburgischen Vereins Seefahrt" von New York nach Hamburg. Und er handelte.

Murmann beorderte alte Freunde und Mitsegler zu sich und diskutierte mit ihnen, auf welche Weise sie an der bevorstehenden Wettfahrt teilnehmen könnten. Charterversuche wurden erörtert, Kaufanstrengungen erwogen, alles wieder verworfen. Schließlich traf sich die Murmann-Runde im Dezember 2001 mit den erfahrenen Boots-Designern Rolf Vrolijk und Torsten Conradi. Resultat der Diskussionen: ein Neubauprojekt sei in der zur Verfügung stehenden Zeit eigentlich nicht zu schaffen.

Kein "eigentlich"

Doch dieses "eigentlich" wischte "der Chef", wie Murmann von allen genannt wird, vom Tisch: "Ich betrachte dieses Schiff als eine persönliche Herausforderung." Ende der Debatte. 13 Tage später feierte er seinen 70. Geburtstag. Zehn Monate später wurde die "UCA" getauft. Hamburg 2002. Die "Hamburg" war 49 Meter lang, aus solider Eiche gebaut, gaffelgetakelt und für ihre Zeit schnell; sie erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,5 Knoten.

Hightech-Yacht

Die "UCA" ist 26 Meter lang und aus Kohlefaser gebaut - die größte Hightech-Regattayacht aus diesem Material, die je in Deutschland hergestellt wurde. Sie hat eine beeindruckende Kielkonstruktion, 4,50 Meter tief und 18,5 Tonnen schwer - das Gegengewicht zu dem 38 Meter hohen Mast, an dem bis zu 900 Quadratmeter Segelfläche gefahren werden können. Ihre maximale Geschwindigkeit ist noch unbekannt. Zugetraut werden ihr bis zu 30 Knoten.

100 Jahre liegen zwischen den beiden Ozean-Wettfahrten, den Schiffen, die sie austragen, den Männern, die auf ihnen fahren. Vieles hat sich geändert. Sextanten und Kompass als Navigationsanleitung sind von GPS und elektronischen Seekarten abgelöst; Kohlefaser hat Holz und Stahl ersetzt, der Schnitt moderner 3DL-Segel ist vom Computer in der Wüste von Nevada ausgetüftelt. Aber zweierlei ist gleich geblieben: Noch immer werden die Schiffe von Segeln angetrieben und dem Wind, der sie füllt, und noch immer heißt die Herausforderung Atlantik.

Herausforderung Nordatlantik

Genauer gesagt: Nordatlantik. Der Kurs führt vom Starthafen Newport nach Nordosten, über die Grand Banks und an den nebligen Küsten Neufundlands entlang bis zu einem "Point Alpha", der die südöstliche Grenze treibender Eisberge markiert; dann erst, wenn die Schiffe die weiße Gefahr hinter sich gelassen haben, geht es hoch nach Norden mit Kurs auf Island, weiter um Schottland herum in die Nordsee und wieder nach Süden, Richtung Elbemündung, wo in Cuxhaven die Ziellinie passiert - und anschließend stromauf in Hamburg gefeiert werden soll.

Diese Fahrt über den Nordatlantik ist ein magischer Kurs. Die Route der "Mayflower", der Auswanderer in die Neue Welt, der Kämpfe um das "Blaue Band" für die schnellste Ozeanüberquerung der "Titanic". 3500 Meilen lang führt sie durch das Reich des gefürchteten Westwinds, der lastenden Nebel, der unberechenbaren Stürme, der schweren Seen. "Eine Regatta über den Atlantik bedeutet für alle, die dabei gewesen sind, ein tiefes Erlebnis seelischer und körperlicher Art", notierte Carleton Mitchel, Skipper der "Caribbee", nach einem Transatlantik-Törn 1952.

Start in Rhode Island

63 Segelyachten haben sich bisher angemeldet. Das Hauptfeld der "Daimler Chrysler North Atlantic Challenge" wird am 14. Juni von Newport auf Rhode Island starten, dem Sommerhafen des mitveranstaltenden New-York-Yacht-Clubs. Die sechs größten und schnellsten Racer werden eine Woche später folgen, damit das Regattafeld einigermaßen gleichzeitig sein Ziel erreicht. Unter den Teilnehmern sind viele kleinere Yachten, aber auch segelnde Giganten wie die holländische "Windrose" mit 46,31 Metern, ein luxuriöser Neubau des Unternehmers Chris Gongriep; oder die 43,59-Meter-Ketsch "Sylvia", ein deutscher Veteran aus dem Jahr 1925. Der Sieger wird erst im Ziel nach einem Handicap-System ermittelt, indem der offizielle Rennwert jeder Yacht mit der gesegelten Zeit verrechnet wird. Nur so können unterschiedlich große Schiffe gerecht gegeneinander gewertet werden.

Schnell sein als Daseinszweck

Die "UCA" gilt als einer der Favoriten. Vielleicht ist sie Deutschlands schnellste Hochseeyacht, auf jeden Fall aber ein Boot ohne Kompromisse, eine nackte High-Tech-Wanne mit einem einzigen Daseinszweck: schnell zu sein. Dem ordnet sich die Ausstattung unter. Die Crew teilt sich ein Klo, je drei Segler eine Koje und einen Schlafsack, alle die Fünf-Kilo-Säcke mit der Trockensubstanz der Powermahlzeiten. Es gibt keine Messe, keine Essecke, keine Polsterbank, nichts zum Sitzen oder Relaxen außer Segelsäcken.

Das Team

Aufs Tempo drücken auch die Profis an Bord. Juan Vila, der schweigsame Spanier, der im vergangenen Jahr die "Illbruck" beim Volvo-Ocean-Race zum Sieg navigierte; Tim Kröger, der muntere Norddeutsche, genannt Offshore-Timmy, Veteran von Admiralis-Cups und Whitbread-Races; Steffen Möller, Boatcaptain und Manöverchef, der schon als Koordinator des Schiffsbaus immer wieder das Unmögliche möglich machte; Gunnar Knierim, dessen junge Werft in Kiel das Boot baute und der selbst als Vordecksmann den härtesten Job an Bord übernimmt; Ralph Moser, ehemaliger Jollen-Regattasegler, der für den richtigen Trimm des Großsegels verantwortlich ist; und Jörn Bock, der sein Leben lang zwischen dem Segeln und dem Schreiben über das Segeln hin- und hergependelt ist, zuletzt als Chefredakteur der "Yacht"; er ist Koordinator des ganzen Projektes und Taktiker an Bord.

Amateure an Bord

Doch der größere Teil der Crew sind Amateure: Studenten, Ärzte, Anwälte, Manager, Murmann-Vertraute, viele Familienväter. "Mir ist ein glücklicher Mann, der wenig zu Hause ist, lieber als ein unglücklicher, der viel zu Hause ist", sagt Gunda, die Frau von Jörn Diercks, der Zahnarzt in Kiel ist und Vater von drei kleinen Kindern. Sie lässt ihn ziehen - seit Weihnachten fast jedes Wochenende zum Training nach Mallorca und dann ab Juni für vier Wochen zum bevorstehenden Abenteuer der transatlantischen Regatta.

Die Route und das Boot

Name

"UCA"

Rumpf

26 Meter

Breite

5,22 Meter

Tiefgang

4,50 Meter

Masthöhe

38 Meter

Start: Newport (Rhode Island)

Ziel: Hamburg

Die Zusammensetzung der Crew entspricht der Philosophie von Klaus Murmann, der weder Spaß noch Sinn darin findet, eine Regatta mit eigens angeheuerten Legionären aus Neuseeland oder USA zu gewinnen, die dann im Zielhafen locker Schiff und Kontrakt wechseln.

"Jetzt geht es mir gut."

Wenn "der Chef" mal wieder vor laufenden Kameras gefragt wird, was ihn am Segeln so fasziniert, dass er noch als 14-facher Großvater mit 71 Jahren begeistert der Aussicht entgegenfährt, richtig nass, groggy und seekrank zu werden, dann antwortet er regelmäßig mit dem Hinweis auf die teambildende Kraft des Segelns und dessen Wert für die Menschenkenntnis. "An einem Tag auf See erfährt man mehr über einen Menschen als in einer Woche an Land." Er weiß viele solcher Sätze und kann sie - durch und durch Führungskraft - sehr überzeugend in die Kameras sprechen. Aber wenn die Teams dann wieder von Bord sind, das Schiff endlich wirklich segelt und das Land zurückbleibt, dann atmet der Chef einmal durch, lächelt und sagt: "Jetzt geht es mir gut." Die schlichte Wahrheit lautet: Auch er ist ein Opfer der Sucht. Segeln war und ist für ihn lebenslange Herausforderung, wunderbare Anstrengung, Passion - ein Sport, der mehr Öffentliches Interesse, breitere Unterstützung und Nachwuchsfürderung verdient.

Medienpartnerschaft

Für diese Ziele haben sich Klaus Murmann und der stern jetzt zu einer Medienpartnerschaft zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie helfen, Hochseesegeln zu popularisieren und junge Leute für diese besondere Herausforderung zu interessieren. Während der DaimlerChrysler-Regatta wird ein stern-Reporter an Bord der "UCA" sein und mit täglichen E-Mails an stern-Online vom Rennen über den Nordatlantik berichten.

Möglichst von vorn, versteht sich. Der Chef ist optimistisch und gelassen: "Auf hoher See liegt alles in Gottes Hand." Schon der geteilte Start kann dem einen Regattafeld extrem günstige und dem anderen extrem ungünstige Wetterbedingungen bescheren, die selbst durch beste Segelleistung nicht mehr ausgleichbar sind. Bei der Transatlantik-Regatta vor 100 Jahren ist die "Hamburg" übrigens Zweite geworden.

Peter Sandmeyer / print

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