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Reportage: Die Rache der Bremser

Echte DTM-Piloten, ein Formel-1-Kurs, neue Sportlimousinen von Opel – für 40 Glückliche wurden Träume wahr. Stern.de-Redakteur Ralf Sander über seinen ganz persönlichen Rennzirkus.

Die Tachonadel zittert kurz vor 180 km/h, und die Kurve rast auf uns zu. Eine 90-Grad-Kurve!. Bremsen wäre vielleicht ganz nett, denke ich. Aber da ich das nicht zu entscheiden habe, bleibt mir nur, mich ordentlich festzuhalten, die Füße aufs Bodenblech zu drücken und mich darauf zu verlassen, dass mein Fahrer weiß, was er tut.

Er weiß es. Und bremst. Nicht so, wie man im Stadtverkehr bremst, weil der Vordermann den in der zweiten Reihe parkenden Transporter zu spät gesehen hat. Er bremst richtig. Ich hänge im Gurt, klammere mich fest und beobachte aus dem Augenwinkel, wie die Tachonadel auf 80 km/h zurückspringt. Mit quietschenden Reifen und ratterndem ABS kriegen wir die Kurve, und ehe ich tief durchatmen kann, drückt mich die Beschleunigung in den Sitz. Okay, in der Fahrschule hieß es damals, im Scheitelpunkt der Kurve solle man wieder beschleunigen. Aber doch nicht so.

Ich entscheide, mich während dieser Fahrt gar nicht mehr zu entspannen. Denn diese Kurven, diese extremen Brems- und Beschleunigungsmanöver gibt's im Sekundentakt. Das ist gewollt. Wir befinden uns auf dem "Circuit de Catalunya", der Rennstrecke bei Barcelona, auf der unter anderem die Formel 1 den Großen Preis von Spanien ausfährt. Während ich angesichts meiner ersten zaghaften Motorsport-Erfahrungen ins Schwitzen gerate, erinnert der Mann am Steuer eher an einen Sofasportler: vollkommen entspannt, die linke Hand locker ausgestreckt wie beim Zappen mit der Fernbedienung, während er mit der rechten in einer Schüssel mit Popcorn gräbt. In Wahrheit lenkt er mit links, schneidet einhändig auch gerne mal die Kurven, dass der Sand nur so fliegt. Mit rechts schaltet er so schnell, dass es aussieht, als rühre er das Benzin um. Der Mann ist Alain Menu und fährt sonst noch viel, viel rabiater. Der 40-jährige Schweizer ist seit knapp 20 Jahren Rennfahrer und startet in dieser Saison bei den Deutschen Tourenwagen Masters für das Opel-Team. Für ihn ist es nicht mehr als eine Spazierfahrt, mit dem Opel Vectra GTS und aufgeregten Beifahrern über Barcelonas Rennstrecke zu bügeln.

Was ist "wirklich nah…"?

Diese totale Entspannung strahlt auch Steffen Schulz aus, er ist Testfahrer bei Opel und gleichzeitig mit einem zweiten GTS auf der Piste. Obwohl die beiden Profis explizit kein Rennen mit uns "Zivilisten" an Bord fahren und nur an einer verabredeten Stelle einmal die Reihenfolge wechseln, sorgt der "Gegner" für zusätzlichen Nervenkitzel: Wer jemals auf der Autobahn dachte, der wütend aufblinkende Porsche im Rückspiegel sei viel zu nah dran, wird hier eines Besseren belehrt. Wirklich nah ist ein Abstand von weniger als einem Meter zur Stoßstange des Vordermanns - bei knapp 100 km/h in der Kurve. Mir treibt dieses dichte Auffahren zusätzlichen Angstschweiß auf die Stirn, aber ein anderer Beifahrer aus unserer Gruppe scheint diesbezüglich ein gelehriger Schüler zu sein, wie ich später feststellen werden darf. Denn später sind wir dran. Wir Laien werden auf die Piste gehen.

Glamour ist etwas anderes

"Wir", das sind 38 Glückspilze, die dieses Erlebnis bei einem Opel-Preisausschreiben gewonnen haben, sowie zwei Journalisten. Einer davon bin ich. Ich habe eigentlich mit Autos und Motorsport nicht viel am Hut. Ich benutze meinen Minivan, um bequem von A nach B zu kommen. Und während für nicht wenige in unserer Gruppe der Besuch der Rennstrecke einer Pilgerfahrt gleicht (die man auch gerne mal in knallroten Schuhen aus der Original-Schumi-Kollektion beschreitet), muss ich feststellen: Eine Rennstrecke im Ruhezustand hat ihren eigenen Charme – irgendwo zwischen stillgelegtem Fleischgroßmarkt und dem Parkplatz eines Baumarkts am Wochenende. Null Glamour, null Faszination. Je genauer man hinschaut, desto mehr Illusionen werden zerstört. Bestes Beispiel: das "Treppchen", auf dem sich die siegreichen Fahrer traditionell eine Champagner-Dusche gönnen. In Wahrheit handelt sich bei diesem Platz der Heldenverehrung um einen an das Boxengebäude geschraubten Stahlbalkon. Die im Stile einer Zielflagge gemusterte Wand hinter dem Treppchen ist auf erschütternd billige Weise mit einer Schachbrett-Klebefolie beklebt - inklusive jeder Menge Blasen, Falten und Kniffen. Aber wen interessiert das schon?

Spaß-Bremsen

Meine Mitstreiter definitiv nicht. Sie sind selig, an illustrer Stelle wie dieser die Sportversion des beliebten Opel Vectra an seine Grenzen (oder besser: ihre eigenen) bringen zu dürfen. (Mehr zum Kraftprotz aus Rüsselsheim in unserer "Probefahrt"). Vor unserem persönlichen Auftritt im Rennzirkus hat Opel ein leichtes Fahrertraining gesetzt. Drei Stationen zeigen das Wunder der Vollbremsung in Zeiten von ABS, Kurvenbremskontrollen, Bremsassistenten und elektronischer Bremskraftverteilung. Ob Vollbremsung in der Kurve, Ausweichen vor einem Hindernis jeweils auf nassem Untergrund sowie einer Vollbremsung mit zwei Rädern auf künstlichem Eis - der GTS lässt sich vergleichsweise unbeeindruckt unter Kontrolle halten. Für mich sind diese Erfahrungen trotz der ganzen technischen Hilfsmittel faszinierend, da ich in meinem Autofahrerleben bisher nie eine echte Vollbremsung hinlegen musste (auch in der Fahrschule nicht). Meine Erkenntnis ist simpel, mir aber dennoch wichtig: ABS funktioniert tatsächlich. Wie gut, sollte ich bald erfahren.

Denn es ist endlich soweit, wir Unwürdigen dürfen auf die Strecke. Dürfen uns aufhalten, nur eine Box entfernt von dem Ort, an dem gerade McLaren Mercedes einen Formel-1-Boliden zum Test zusammenbaut. Dürfen auf dem extra-rauen Asphalt Reifen zuschanden fahren, die wir nicht selbst bezahlt haben. Ich find's ziemlich großartig, aber für einige in der Gruppe ist dieser Tag wie Schumis WM-Gewinn und der eigene Sieg bei den Tuning-Kreismeisterschaften zusammen. Von diesem Erlebnis werden sie noch ihren Enkeln erzählen. Geschichten wie diese, die ein forsch fahrender Jüngling nach Abschluss des Rennens bis zur Rückkehr in Deutschland ununterbrochen von sich geben sollte: "Ich fuhr als Letzter in der Gruppe. Und der Typ vor mir war soooo langsam. Der hatte mindestens 500 Meter Abstand zu seinem Vordermann. Ich wusste echt nicht mehr, wie ich es hinter dem aushalten sollte. Irgendwann wollte ich ihn doch überholen. Aber bevor ich dazu kam, flog ich aus der Kurve und landete plötzlich im Kiesbett. Keine Ahnung, warum. Und ich weiß bis heute nicht, welcher Typ das vor mir war."

Nun, der "Typ" bin ich. Und die Geschichte geht etwas anders.

Fünfer-Gruppen, vorneweg ein Instruktor, dahinter vier von uns, über fünf Runden, ich starte an vierter Stelle. Es herrscht Überholverbot. Wir düsen los. Ich gebe Gas, wie ich noch nie in meinem Leben Gas gegeben habe. Die 155 KW des 3.2 Liter V6 prügeln den Wagen nach vorne. Ich habe noch nie einen Drehzahlmesser 7000 Umdrehungen anzeigen sehen. Ich schalte um mein Leben. Und dann kommt die erste Kurve, eine S-Kurve. Ich erinnere mich an "meinen" DTM-Profi Alain Menu. Wie schnell war er in die Kurve gedüst? Mit 80? Ich latsche auf die Bremse, die Kurve schießt heran, doch ich schaffe es, von schätzungsweise 140 auf 60 km/h herunterzukommen. In die Kurve. Mit beiden Händen umklammere ich das Lenkrad, unter meinem Fuß lässt ABS das Pedal zittern. Es klappt, ich komme rum. Dann die zweite Hälfte der S-Kurve. Ich schaffe es. Jetzt wieder voll aufs Gas. Das Adrenalin fließt. Ich fühle mich großartig. Ich fahre so gut Auto wie noch nie in meinem Leben.

Mein persönlicher Grand Prix

Doch das reicht scheinbar nicht aus, um mit meinen Vorderleuten mitzuhalten. Ich verliere den Anschluss. Der Abstand wächst, zwar nie auf 500 Meter, aber 250 bis 300 werden es schon sein. Warum? Ich schalte offenbar falsch. Fahre mit gedrückter Kupplung um die Kurven, kriege einen rechtzeitigen Gangwechsel nicht hin, weil ich schlichtweg Schiss habe, das Lenkrad loszulassen. Traue mich das nur auf der Geraden. Und was ich im Rückspiegel sehe, macht mich nicht gerade gelassener. Mit Jucken im Gasfuß und Spoiler im Blick scheint mein Hintermann seine Kiste bei mir ans Heck kleben zu wollen. Dass er offenbar Höllenqualen leidet, hinter so einem lahmen Sack wie mir zu hängen, tut mir ja von Herzen leid. Aber auf die Drängelei kann ich gut verzichten, dadurch werde ich auch nicht schneller. Wie ein PS-Egel an meinen Blechhintern geheftet, scheint er während der nächsten eineinhalb Runden untrennbar mit mir verbunden. Doch seine Anhänglichkeit wird nur von seiner Selbstüberschätzung übertroffen. Und so kommt es, dass – nachdem wir die eingangs erwähnte S-Kurve zum vierten Mal passiert haben – in meinem Rückspiegel plötzlich ungeahnte Weitsicht herrscht. Statt eines blauen Sechszylinders sehe ich nur eine kleiner werdende Staubwolke. Viel zu schnell in die Kurve fahrend, hat er den Kies geküsst. Das ist mein persönlicher Grand Prix. Die Rache der Bremser.

Ralf Sander

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