Opel Vectra GTS Groß-Calibra


Nein, wir fangen jetzt nicht mit "Manni" und "Fuchsschwanz" an. Wirklich nicht. Dazu ist die Freude viel zu groß, dass Opel endlich wieder sportliche Autos baut.

Nein, wir fangen jetzt nicht mit "Manni" und "Fuchsschwanz" an. Wirklich nicht. Dazu ist die Freude viel zu groß, dass Opel endlich wieder sportliche Autos baut. Die Rüsselsheimer haben aus der wenig rühmlichen Vergangenheit gelernt und mit dem Vectra GTS einen ge- und erwachsenen Sportler im Programm. Nichts für verschwitzte Proletenfinger!

Der bessere Vectra?

Die Präsentation des aktuellen Vectra war für Opel ein Quantensprung. Ein gewaltiger Satz zurück in die Riege der ernstzunehmenden Autobauer. Gefälliges Design, solide Technik und attraktive Preise. Fehlte nur noch eine gewisse Sportlichkeit. Für einen eigenständigen Nachfolger des Legendären Commodore GS/E oder gar den Calibra V6 mangelte es jedoch an Entwicklunsgzeit und nicht zuletzt am Geld. Also knöpfte sich das Team von Opel Designer Martin Smith das gerade präsentierte Stufenheck vor und entwickelte ein sportliches Auto. Den besseren Vectra.

Kaum getrennt und doch weit entfernt

Stellt man die eineiigen Zwillinge nebeneinander, wird deutlich, dass die beiden nur wenig trennt und doch nichts verbindet. Der GTS liegt 20 Millimeter tiefer als der Serien-Vectra und blickt längst nicht so drollig auf die Straße. Die großen Scheinwerfer haben optische Konkurrenz bekommen. In der mächtigen Frontschürze sammelt ein großer trapezförmiger Lufteinlass Fahrtwind und greift gleichzeitig die dezente Pfeilung der Motorhaube auf. Das verbessert die Frischluftversorgung des Triebwerks und ist gut fürs Überholprestige.

Umbauten

Als selbst ernannter "Grand Toursimo" wildert der GTS in einem Segment, das klassischerweise durch große Sportcoupés von Mercedes, Aston Martin oder sogar Ferrari besetzt ist. Um auch nur annährend als Coupé durchzugehen, musste der Stufenheck-Vectra diverse Umbauten über sich ergehen lassen. Die gesamte Dachlinie wurde gestreckt und nach hinten verlängert. Übrig blieb nur eine winzige Heckkante, die zur Betonung der Sportlichkeit umgehend mit einer kleinen Spoilerlippe verziert wurde. Das Ergebnis: ein ziemlich großes Coupé.

Das kleine Bürzelchen ist nur der Auftakt eines knackigen Hinterteils. Wichtigstes Merkmal: die tief heruntergezogene Heckschürze. So man sich für die Sechszylinder-Version entschieden hat, schauen dort die beiden verchromten Endrohre der Auspuffanlage schüchtern ins Freie. Schwächere Motorisierungen müssen sich mit einem Röhrchen begnügen.

Opel Vectra GTS 3.2

Motor

Sechszylinder V-Triebwerk

Hubraum

3.175 ccm

Leistung

211 PS / 155 kW

Länge/Breite/Höhe

4.596/ 1.798/ 1.460 Millimeter

Leergewicht

1.390 Kilo

Bremsen

Scheibenbremsen rundum, ABS, ESP, CBC

0-100 km/h

7,5 Sekunden

Höchstgeschw.

246 km/h

Durchschnittsverb.

10,1 Liter (Werksangabe)

Grundpreis

27.450 Euro

Ein Vectra bleibt ein Vectra, bleibt...

Zusammengenommen lassen die eigentlich wenig spektakulären Änderungen den Stufenheck-Vectra neben seinem Schrägheck-Ableger ganz schön alt aussehen. Im Innenraum relativiert sich das Bild. Da bleibt Vectra gleich Vectra. Egal welches Kürzel am Heck klebt. Die dicke Mittelkonsole, markante Formen und eine gelungene Benutzerführung sind bekannt. Die Verarbeitung geht in Ordnung, auch wenn ab und an ein paar Spaltmaße aus der Reihe tanzen. Dem GTS vorbehalten sind das Dreispeichen-Sportlenkrad, Sportsitze und Dekorleisten in verschiedenen Chromtönen. Die Klimaanlage gibt es serienmäßig. Besonders stolz sind sie in Rüsselsheim auf die Beschriftung der Instrumente, die "die Opel-Designer speziell für den Vectra GTS sportlich neu gestaltet" haben, so der Pressetext. Wie toll....

Vier Türen als Kaufargument

Über die emotionale Schlagkraft des GTS-Cockpits kann man streiten, über das Platzangebot nicht. Hier profitiert der große Tourer von den Vectra-Genen. Auf allen Plätzen. Selbst Mitfahrer, die die Pubertät bereits hinter sich haben, sind auf der Rückbank bequem untergebracht. Vor allem auch deshalb, weil die hinteren Plätze über Türen zu erreichbar sind. Das widerspricht zwar der Definition eines Coupés, ist in der Praxis allerdings ein echtes Kaufargument.

Gut untergebracht

Die Fahrvorbereitungen machen wenig Mühe. Die Sportsitze sind mit großzügigen Einstellbereichen gesegnet, das Lenkrad lässt sich in Höhe und Weite verschieben. So sollten selbst Fahrer jenseits aller Normen eine bequeme Sitzposition finden. Die Übersichtlichkeit ist ausreichend, auch wenn man das Ende des Fahrzeugs durch das hohe Heck nur erahnen kann. Hier lohnt die Anschaffung des Parkabstandwarners für 455 Euro. Kummer bereitete in unserem Testwagen lediglich die Bedienung des Navigationssystems (Aufpreis 2020 Euro). Die eigentlich logische Menüführung wird durch den zu klein geratenen Bedienknopf in der Mittelkonsole unnötig erschwert.

Zurück in die Zukunft

Von solchem Luxus konnten Calibra-Kunden nur träumen. Als 1993 der Calibra V6 auf den Markt kam, war das nicht viel mehr als ein bärenstarker Motor mit einem mehr oder weniger geschmackvollen Auto drumherum. Ganz schlimm: der damals für das Cockpit verwendete Kunststoff. Aus dem gleichen Zeug gossen sie in China Nudelsiebe. Garantiert.

Leisetreter

Sei's drum. Wenn man an Bord eines Calibra sein erstes 200er-Erlebnis feiern durfte, geht man mit seinem Nachfolger nicht ohne Vorurteile auf die Piste. Die erste Überraschung nach dem Start. Der V6 unter der wuchtigen Haube ist ein echter Leisetreter. Ein kurzes Zittern des Schalthebels, mehr nicht. Fensterscheibe runter, Kopf raus, kurzer Gasstoß. Nichts. So richtig sportlich klingen weder Motor noch Auspuff. Objektiv betrachtet ein gutes Ergebnis. Der alten Tagen wegen wäre ein dezentes Fauchen aber nicht zu viel verlangt, oder?

Gestresste Vorderachse

Erster Gang, Ampelstart. Der Schaltknauf liegt gut in der Hand, die Schaltwege sind knackig kurz. Der Sechszylinder reagiert prompt auf Gasstöße und erklimmt tapfer das Drehzahlband. Wer's drauf anlegt, sprintet in 7,8 Sekunden von null auf 100. Schnelleres verhindert das panisch blinkende Kontrolllämpchen der serienmäßigen Traktionskontrolle. Mit den maximal anliegenden 300 Newtonmetern Kraft ist die Vorderachse des GTS beim Sprint aus dem Stand merklich überfordert.

Die Autobahn als Wohnzimmer

Einmal in Schwung gebracht, lässt sich mit dem GTS einiges anstellen. Die 211 PS, die der Sechszylinder aus 3,2 Litern Hubraum schöpft, sind vor allem auf der Autobahn ein echter Genuss. Ob beim kurzen Überholsprint oder dem dynamischen Gleiten unter Führung des Tempomats (200 Euro Aufpreis) - an Kraft fehlt es kaum. Auch nicht am nötigen Sicherheitsgefühl. Selbst in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit (246 km/h) ist der große Gleiter sicher zu beherrschen. Fahrbahnwellen schluckt das Fahrwerk souverän, kurze Schläge dringen nur zu den Passagieren durch, wenn aufpreispflichtige 17-Zoll-Räder in den Radhäusern rollen. Ein echter Reise-Riese für die etwas sportlichere Familie.

Abstriche beim Handling

Nicht ganz so souverän schlägt sich der GTS auf der Landstraße. Wer darauf aus ist, möglichst dynamisch um die Ecke zu kommen, kommt ständig in Konflikt mit dem Beschützerinstinkt des serienmäßigen Schleuderverhinderers ESP. Knapp 1.400 Kilo Leergewicht drängen bei schneller Kurvenfahrt über die Vorderachse nach außen, der Wagen untersteuert. Ein Verhalten, das die ESP-Elektronik durch das Abbremsen von bis zu drei Rädern gleichzeitig zu unterbinden versucht. Anders als bei den restlichen Opel-Modellen ist die helfende Software zwar abschaltbar - zu gewinnen gibt es dadurch allerdings wenig. In engen Kurven zieht's den schweren Opel zum äußeren Straßenrand. Da hilft nur bremsen, Gas wegnehmen und die Sache langsam angehen lassen.

Bei forscher Gangart darf man an der Zapfsäule keine Wunderdinge erwarten. Der GTS verlangt Super und genehmigte sich im Test zwischen 12 und 13 Liter auf 100 Kilometer. Wer's nicht ganz so eilig hat, sollte allerdings mit den werksseitig angegebenen 10,1 Litern hinkommen.

Fazit

Aus der Not eine Tugend machen, damit schlägt sich Opel in der Zwischenzeit ganz gut. Für verhältnismäßig wenig Geld wurde dem Opel Vectra ein dynamischer Zwilling an die Seite gestellt, der zwar an sportliche Zeiten erinnert, ohne in vergangene Flegelhafteleien zu verfallen. Der Vectra GTS ist ein strammer Sportler für die große Reise, der sich kaum eine Blöße gibt. Auch nicht beim Preis. Für mindestens 27.450 Euro bekommt man bei keinem anderen Hersteller ein vergleichbares Fahrzeug mit Sechszylinder-Triebwerk.

Jochen Knecht

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