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Ironman Hawaii 2017: Ex-Champ Kienle: "Ich will eher einen möglichen ersten Platz als einen sicheren dritten"

Nach seinem Sieg 2014 musste Sebastian Kienle beim Ironman Hawaii zuletzt zweimal Kumpel Jan Frodeno den Vortritt lassen. An diesem Samstag aber will der 33-Jährige zurück aufs oberste Podest - und wird dafür volles Risiko gehen.

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Sebastian Kienle beim Radtraining im Vorfeld des Ironman Hawaii 2017

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Drei Jahre liegt Sebastian Kienles größter sportlicher Erfolg zurück. 2014 sicherte sich der 33-Jährige aus Mühlacker den WM-Titel beim Ironman Hawaii, dem wichtigsten Rennen im Triathlon. Seither musste sich Kienle zweimal seinem Kumpel Jan Frodeno beugen, der die Hitzeschlacht im Pazifik 2015 und 2016 für sich entschied. An diesem Samstag (14. Oktober) will der amtierende Ironman-Europameister wieder auf das oberste Treppchen - und würde dafür auch volles Risiko gehen, wie er im Interview betonte (Hier erfahren Sie, wo Sie den Ironman Hawaii 2017 im TV verfolgen können).

Herr Kienle, Sie sind schon seit gut fünf Wochen auf Hawaii. Wie oft haben Sie seitdem an den Zieleinlauf auf dem Ali'i Drive in Kailua-Kona gedacht?

Ich glaube, tatsächlich noch nicht einmal. In meiner gedanklichen, mentalen Vorbereitung spielt der Zieleinlauf eigentlich eine untergeordnete Rolle, da sind eher die schwierigen Sachen, die davor kommen, wichtig.

Sie haben angekündigt, diesmal volles Risiko zu gehen. Ist das Ihre neue Taktik: Erster oder gar nichts?

Das ist sehr zugespitzt. Was ich sagen wollte, war, dass ich eher bereit bin, auch einen zweiten oder dritten Platz herzugeben für die Zehn-Prozent-Chance, das Rennen zu gewinnen. Ich will eher einen möglichen ersten Platz als einen sicheren dritten. Genauso werde ich mein Rennen ausrichten.

Jan Frodeno hat sich ähnlich geäußert. Haben Sie sich in Ihrer Herangehensweise ihm angepasst?

Das glaube ich nicht. Ich werde mich sicher nicht todunglücklich ins Meer stürzen, wenn ich noch einmal Zweiter werde. Ich glaube aber, dass wir beide - er vielleicht noch mehr als ich - in einer Phase unserer Karrieren sind, in der ein Top-Ten-Rang oder ein Podiumsplatz nicht mehr die gleiche Anziehung haben wie vielleicht noch vor fünf Jahren. Das kommt aus den Erfolgen der Vergangenheit. Bei Jan ist es so, dass alles andere als ein Sieg schlecht ist. Er hat ein paar Rennen mehr und auch einmal mehr auf Hawaii gewonnen als ich. Da wird ihm ein zweiter Platz nicht mehr so viel weiterhelfen.

Wie oft denken Sie an Jan Frodeno im Training? Welche Rolle spielt er bei Ihrer Motivation?

Ich glaube, in diesem Jahr nicht so stark, wie es in den letzten Jahren der Fall war. Aber es ist ganz klar, dass er für unseren Sport cool ist. Wenn Jan in diesem Jahr nicht am Start wäre, weil er verletzt wäre oder sonst irgendwas, wäre es für mich bitter. Du kannst nur die schlagen, die auch am Start sind. Jan ist der Mann, den es zu schlagen gilt.

In diesem Jahr hat sich Jan Frodeno rar gemacht, ganz bewusst, die starke Konkurrenz vermieden. Was trauen Sie ihm zu?

Ich glaube, er wird so stark sein wie noch nie. Wer mit etwas anderem rechnet, wird auf dem falschen Fuß erwischt. Ich glaube, er hat einiges aus dem letzten Jahr gelernt, als er starke Rennen früh im Jahr hatte. Das hat sehr viel Energie gekostet. Dementsprechend hat er sich in diesem Jahr auf das Rennen hier fokussiert, nehme ich mal an. Daher wird er hier in Top-Form sein.

Es wird viel über die 8-Stunden-Marke gesprochen. Welche Rolle spielt die Marke für Sie?

Für mich als Athlet ist das eine Marke, die mich nicht interessiert, weil ich weiß, dass sie nicht primär von meiner persönlichen Leistung abhängt. Auf Hawaii kann ich nicht sagen, ob eine 8:03 in dem einen Jahr besser ist als eine 8:15 in einem anderen. Das hängt viel mit den äußeren Bedingungen zusammen. Es herrschen hier keine Laborbedingungen. Gleichzeitig ist die Marke von immenser Bedeutung für mich als Sportprofi - eben weil die Medien darüber sprechen und es einschlagen würde wie eine Bombe, wenn du als Erster unter acht Stunden und am besten als einziger unter acht Stunden finishst. Marketing-technisch ist das sicher eine tolle Sache, aber als sportliche Meisterleistung würde ich das nicht für mich an die oberste Stelle setzen.

Sebastian Kienles Eckdaten

Sebastian Kienle ist einer der weltbesten Langdistanz-Triathleten. Außer Weltmeister auf Hawaii 2014 wurde er dreimal Ironman-Europameister und gewann zweimal bei der halb so langen 70.3-WM. Der 33-Jährige aus Mühlacker ist verheiratet mit der früheren deutschen Duathlon-Meisterin Christine Schleifer.

mod/Claas Hennig / DPA

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