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Team Gerolsteiner: Auf die harte Tour

Strapazen bei Eiseskälte und sengender Hitze, 135 Renntage in zwölf Ländern und 17 500 Kilometer auf dem Tacho - mit diesem Mammutprogramm bringt sich Team gerolsteiner für das schwerste Radrennen der Welt in Form. Der stern hat die Mannschaft über Monate beim quälenden Training begleitet. Die große Frankreich-Rundfahrt beginnt am Wochenende.

Markus Götting

Es sind keine 30 Kilometer mehr bis hoch in den Skiort Verbier, und Hans-Michael Holczer bahnt sich mit 100 km/h und wildem Gehupe den Weg am Hauptfeld vorbei, und fast hätte er dabei noch die Jungs von der Fassa-Bortolo-Mannschaft über den Haufen gefahren. Die vorletzte Etappe der Tour de Suisse steht vor der Entscheidung, und der Chef des Gerolsteiner-Teams heizt im Begleitwagen nach vorn, Ersatzräder auf dem Dach, das Rennen live auf seinem Mini-Fernseher. Er fährt vor zur Fluchtgruppe, in der auch zwei von seinen Leuten sind. Fabian Wegmann lässt sich noch mal einen Drink mit Kohlehydraten reichen, Cola dazu; er sieht völlig fertig aus, dabei kommt der schlimme Schlussanstieg erst noch. Holczer grinst verschwörerisch. Er sagt: "Der Fabian ist ein Killer. Wenn der eine Chance sieht, setzt der Kräfte frei wie kein anderer."

Acht Kilometer bis zum Ziel. Da ist die Chance. Immer wieder versuchen Fahrer sich abzusetzen, andere können nicht mehr mithalten. Die Spitzengruppe wird kleiner, drei Leute nur noch, und Wegmann sieht aus, als fiele er bald vom Rad. 32 Grad, eine Zuschauerin reicht ihm eine Flasche Wasser, die kippt er sich über den Kopf. Holczer fährt neben ihn: "Bleib dran, Fabs, bleib dran, los jetzt." Im Rückspiegel sieht man den ersten Verfolger heranfliegen, vier Minuten muss der gutgemacht haben den Berg rauf. 1000 Meter. "Von hinten kommt González", brüllt Holczer, schon zum dritten Mal. Wegmann dreht sich um, dieses nette Bübchengesicht vor Wut verzerrt, er schreit: "Ja!" Es klingt wie: Ja, halt's Maul! Und in seiner Wut sprintet er diesen González, den späteren Gesamtsieger, auf den letzten Metern nieder. Er wird doch noch Dritter, und als er im Ziel bremst und aus den Klickpedalen steigen will, fällt er einfach um, er kann nicht mehr stehen. Wegmann liegt mit dem Rücken auf der Straße. Als hätte er sich zum Sterben hingelegt.

Nach ein paar Minuten

rappelt er sich wieder auf, rollt zum Teambus und fällt da drin auf eine Bank. Handtuch überm Gesicht, Brustkorb bebt, er ringt nach Luft. Holczer verpasst ihm einen Klaps, mehr gibt's nicht für Platz drei. Ein paar Minuten später kommt Wegmann wieder zur Besinnung, haut sich eine Schale Milchreis mit Obstsalat rein und schüttelt den Kopf. Er schaut aus, als ob er gleich heulen würde, heulen vor Schmerz und Enttäuschung. Die Chance. Knapp verpasst.

An diesem Wochenende beginnt in einem Kaff an der Atlantikküste die Tour de France. 21 Etappen. 21 Chancen? Hm. Die Tour, das ist ein anderer Beat als die Rundfahrt in der Schweiz: drei Wochen Strapazen an der Grenze zur Unmenschlichkeit, die härteste Sportveranstaltung der Welt; drei Wochen Adrenalin, Testosteron. Nirgendwo wird aggressiver gefahren als dort, weil es um alles geht - Unsterblichkeit, sagen manche. Die Tour, die zählt im Radsport mehr als eine Weltmeisterschaft oder Olympiamedaille.

Ende der vergangenen Saison war Gerolsteiner das drittbeste Team der Welt, hinter Lance Armstrongs Postboten und T-Mobile. Und also will Holczer von seinen neun Leuten bei der Tour diese Wegmann-Nummer sehen: Ausreißversuche, Chancen ergreifen, auf jeden Fall - kämpfen. Für die Flachetappen war Danilo Hondo ein Kandidat, einer der weltbesten Sprinter, aber der wurde im März mit einem Hauch von Dopingmittel erwischt und gesperrt. "Ein Hondo ist nicht zu ersetzen", sagt Holczer, und trotzdem: Robert Förster, ein junger Tour-Debütant mit gewaltigen Oberschenkeln, versucht es wenigstens. Dann sind da noch die Kapitäne Georg Totschnig, Siebter im Vorjahr und als Zillertaler quasi gebürtiger Bergspezialist, und Levi Leipheimer aus den USA. Leipheimer ist neu bei Gerolsteiner, ein guter Kumpel von Armstrong und früher in dessen Team, und es gibt nicht wenige, die trauen ihm sogar zu, am Ende aufs Podest zu fahren. Chancenlos sind sie nicht, die Wassermänner.

Holczer sagt: "Ein Radteam ist eine Mischung aus Spedition und Kindergarten." Und damit meint er die logistische Anstrengung vor dieser Tour, wenn seine Jungs an 135 Renntagen in zwölf Ländern unterwegs sind und mitunter bei drei verschiedenen Veranstaltungen parallel antreten, und letztlich ist doch alles nur ein Vorspiel für jene magischen drei Wochen in Frankreich. Vor allem aber ist so ein Team ein Ensemble von neun völlig verschiedenen Charakteren. Und um die auf ein gemeinsames Ziel einzurichten, kann eine fundierte pädagogische Ausbildung nicht schaden. Holczer, 51, ist Realschullehrer für Geschichte und Mathematik. Zurzeit beurlaubt. Für den Radsport.

Seit 1999 startet

seine Mannschaft als Team Gerolsteiner, 2001 erste Tour-Teilnahme. Es grenzt fast an Frechheit. "Bis dahin", sagt Holczer, "hatte ich gerade mal drei Tour-Etappen live miterlebt." In Herrenberg, tiefstes Schwaben, betreibt er ein Radgeschäft, obendrüber wohnt die Familie; paar Kilometer weiter hat er eine leer stehende Lagerhalle zur Teamzentrale umfunktioniert. Mit Büro und Werkstatt. Und im Keller sind die Klamotten gestapelt, das ganze Equipment, zigtausend Trinkflaschen, Energieriegel und Flüssignahrung, solche Sachen. Und oben hängen an Ständern die 200 Räder seiner Fahrer. Das heißt, wenn die Jungs gerade mal nicht drauf sitzen. Jeder der Tour-Starter wird bis zum Wochenende etwa 17 500 Kilometer in den Beinen haben. Innerhalb eines halben Jahres. Das muss ein normaler Mensch erst mal mit dem Auto schaffen.

Gerolsteiner ist nicht gerade ein Team der richtig großen Stars. Hondo vielleicht. Oder Davide Rebellin, der allerdings nie bei der Tour de France startet. Und Holczer ist keiner, der die riesigen Gagen zahlen kann oder will. Aber so kalt ist es gar nicht in T-Mobiles Schatten. Holczer gibt lieber Jungs wie Fabian Wegmann, eines der größten deutschen Talente, eine Chance. Und er kümmert sich wie ein Vater um seine Leute. Um Ronny Scholz zum Beispiel, auch einer, der mal eine Tour-Etappe gewinnen kann, hat er sich so intensiv gekümmert, dass der den Chef gleich zweimal zum Großvater gemacht hat. Scholz ist der Lebensgefährte von Holczers Tochter Vanessa. Ein Familienunternehmen.

Deshalb hat ihn die Sache mit Hondo auch so mitgenommen. Passt nicht in die heile Welt. Holczer sagt: "In 30 Jahren Radsport hatte ich nie mit diesem Thema zu tun. Jetzt frage ich mich, ob ich zu leichtgläubig war." Man spürt, wie er schwankt zwischen dem Glauben an das Gute, speziell: an den Menschen Hondo, und seinem Sinn für Realität, für niemanden seine Hand ins Feuer zu legen.

Das Team ist erschüttert, die Saisonplanung komplett über den Haufen geworfen. Anfang März, bei der drittklassigen Murcia-Rundfahrt, finden die Kontrolleure des Radsportweltverbandes UCI Spuren des Amphetamins Carphedon in Hondos Urin. In der Öffentlichkeit heißt es oft: Gerolsteiner? Das ist doch das Team von Hondo. Der Vertrag mit dem Star der Mannschaft wird sofort gekündigt - und die 3500 Hondo-Pappfiguren, die im Juli in Getränkeläden stehen sollten, sind ein Fall für die Altpapiertonne.

Inzwischen ist ein Urteil gefällt: zwei Jahre Sperre, davon eines auf Bewährung. Hondo sei kein Vorsatz nachweisbar, befinden die Richter. Die Menge, sagt Hondo, entspreche einem Fünfhundertstel einer Aspirin. Also völlig unwirksam.

Hondo hat fünf, sechs Kilo zugelegt in den vergangenen Monaten, er konnte sich nur selten zum Training motivieren. In den ersten Wochen hat er nichts mehr essen können, nicht schlafen, nächtelang hat er gegrübelt, wie dieses Zeug in seinen Körper gelangt ist. Er sagt: "Ich hatte Depressionen, bin nicht mehr vor die Tür gegangen, ich wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Du fährst die Saison deines Lebens und hockst plötzlich zu Hause wie ein Arbeitsloser. Mein ganzes Selbstverständnis war zerstört."

Jetzt sitzt er beim "Käfer" am Flughafen Frankfurt; mit seiner Lebensgefährtin und der vierjährigen Tochter besucht er einen Freund, der in der Nähe wohnt. Hondo trägt ein enges T-Shirt, eine teure Uhr, das gesträhnte Haar zurückgegelt. Wegen seines Aussehens nennen sie ihn den "deutschen Cipollini", in Anlehnung an Italiens Sprinter-Schönling. In dessen Fußstapfen wollte er treten, und er war so nah dran. Und inzwischen macht er auch wieder einen optimistischeren Eindruck.

50 000 Schweizer Franken Strafe muss er zahlen. Sein Einkommen im Moment: zero. "Also. Warum hätte ich so was tun sollen? Ich hatte einen unterschriftsreifen Drei-Jahres-Vertrag vorliegen." Nun trifft er sich bald mit dem Gerolsteiner-Vorstand, um seine Zukunft zu besprechen. Vermutlich wird es weitergehen. Nur, die große Kohle kann er vergessen.

Diese Tour

findet erst mal ohne ihn statt. Und ebenso Gerolsteiners Vorbereitungen. Es ist Anfang Mai, als Holczer seine Lieben in einem niedlichen Dorf an der Loire versammelt, die Etappe des Mannschaftszeitfahrens von Tours nach Blois. Abends im bescheidenen Hotel sitzen sie beim Rotwein zusammen und diskutieren sich die Köppe schwindelig über ihr Equipment, mit einem Mal quatscht sogar Levi Leipheimer mit. Normalerweise kommt der abends als Letzter zum Essen und geht als Erster ins Bett. Und wenn er redet, dann übers Radfahren. Ein paar Wochen zuvor hatte Leipheimer, 31, daheim in San Diego im Windkanal an der Idealposition gefeilt. Schwierige Sache: Die windschlüpfigste Stellung hält man kaum aus auf dem Rad, und so kann Studienrat Holczer einen seiner unnachahmlichen Merksätze anbringen. Er sagt: "Es geht um den optimalen Kompromiss aus Aerodynamik und Biomechanik."

Am Samstag startet die Tour mit einem Zeitfahren über 19 Kilometer. Gut möglich, dass der wuchtige Michael Rich, 35, dann sogar ins gelbe Trikot rast. Er wurde gerade zum dritten Mal Deutscher Meister und ist einer der Weltbesten im Kampf gegen die Uhr; ein harter Kampf. Bergfex Totschnig, 34, sagt: "Nach zwei Minuten stechen die Beine und die Lunge." Wie 1000 Nadeln. Es ist eine körperliche Maximalbelastung, quasi aus dem Stand. Das Mannschaftszeitfahren wird etwa 80 Minuten dauern. Bei der Erkundungstour zuckeln Gerolsteiners mit 40, 45 km/h über die Straße, Holczer fährt im Begleitfahrzeug hinterher. Er sagt: "Im Rennen donnern die mit 65 hier lang." Einstweilen hat sich ein ambitionierter Tourist den Profis ans Hinterrad geheftet.

Für Rich, der Hondos Startplatz geerbt hat, werden die Berge zu Beginn der zweiten Woche ein unüberwindbares Hindernis sein auf dem Weg nach Paris. Die Pyrenäen wird er wohl nur am Fernseher erleben. Also trainieren sie hier auch nur zu viert. Leipheimer fährt mit obszönem Tempo zum Port de Pailhères hoch, mit Abstand dahinter Totschnig, sein Zimmerkollege und Landsmann Peter Wrolich. Wegmann am Schluss. Der stoppt kurz vorm Gipfel und bittet um ein Taschentuch. Nasenbluten auf 2000 Metern. Die Sonne brutzelt, 28 Grad; und abends erzählt Totschnig beim Essen, wie hier vor zwei Jahren ein Kollege mit Sonnenstich in den Besenwagen getaumelt ist.

Fabian Wegmann, 25, fährt in diesem Jahr seine erste richtige Tour. Vergangenes Jahr haben sie ihn mitgenommen als Belohnung dafür, dass er beim Giro d'Italia als erster Deutscher das Bergtrikot holte. Aber nach zehn Tagen in Frankreich stieg er wie verabredet vom Rad. Wegmann ist ein smarter Bursche, er sieht aus wie Tim von Tim und Struppi, dazu immer ein Lachen im Gesicht, wirklich immer. Und wenn er von Bergetappen erzählt, leuchten seine Augen wie bei einem Kind. Er sagt: "Du fährst da bis zum Anschlag rauf." Der Puls rast auf 200. Er sagt: "Du kriegst nichts mehr mit. Du siehst keine einzelnen Leute mehr, alles nur verschwommen, nur noch Farben."

Aber am nächsten Morgen erreicht auch seine Euphorie ihre Grenze. Acht Grad, Nieselregen, Windböen. An so einem Tag denkst du als Radprofi: Hätt ich mal lieber eine Banklehre gemacht. Als die vier an einer Tankstelle in Lézat-sur-Lèze ankommen, können sie's kaum fassen, dass sie bei dem Sauwetter tatsächlich aus dem Auto gejagt werden. Udo Bölts begleitet dieses Pyrenäen-Training als Sportlicher Leiter, und berühmt wurde er vor allem, als er 1997 seinen damaligen Teamkollegen Jan Ullrich mit den Worten "Quäl dich, du Sau!" zum Tour-Sieg trieb. Von dem ist sicher keine Gnade zu erwarten.

205 Kilometer

stehen an, 40 davon mit hundsgemeinen Anstiegen auf insgesamt sechs Gipfel; da ist es natürlich ein bisschen blöd, dass Drill-Instructor Bölts die Jungs irrtümlich erstmal zwölf Kilometer in die falsche Richtung schickt. In den Bergen ist es so neblig, dass man in den Serpentinen beinahe geradeaus fährt, und nach fünfeinhalb Stunden ackert sich das Quartett zum Col de Peyresourde hoch; Anstrengung steht in den Gesichtern, und: Scheißjob, keinen Bock mehr!

Oben auf dem Gipfel liegt eine kleine Hütte; sie hat zwar keinen Namen, aber die billigsten Crêpes Europas. Sagt jedenfalls der Besitzer, und der freut sich sehr über Besuch hier in der Einöde. Ein Kaminfeuer lodert, die vier ziehen trockene Klamotten an, und Fabian Wegmann, der schon den ganzen Tag furchtbar leidet, grummelt vor sich hin: "Kannste mir mal sagen, was wir hier machen?"Aber kaum hat er ein paar Crêpes und Kekse mit einem Café au lait runtergespült, strampelt er die letzten 43 Kilometer nach Saint-Lary-Soulan rüber, als hätten sie ihm frische Batterien eingesetzt. Am Ende geht's mit knapp acht Prozent Steigung bergauf, die Jungs quasseln dabei entspannt wie die Waschweiber, und man lernt: Gib einem Radprofi ordentlich was zu futtern, und der kriegt selbst unter widrigsten Umständen wieder gute Laune.

Bei der Tour wird ja alles noch schlimmer. "Du fällst abends tot ins Bett", sagt Wegmann, "nach ein paar Tagen tun dir morgens die Beine so weh, dass du nicht mehr aufstehen willst, aber du musst." Und kaum sitzt du wieder auf dem Rad, beginnt dieser Rausch von vorn, kommt das Adrenalin, es wird attackiert, als gäbe es nur diesen einen Moment. Diese eine Chance. Radprofis, hat Holczer einmal während der Fahrt gesagt, seien Illusionisten. Er hat wohl Recht. Ganz dicht können die jedenfalls nicht sein.

Markus Götting / print

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