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Tennis: Power Ranking - Die zehn besten Spieler der Welt vor Wimbledon

Kann man gegen Kohlschreiber verlieren und darf trotzdem Nummer eins des aktuellen Power Rankings werden? Rafael Nadal ja. Im Power Ranking vor dem Wimbledon-Start huldigen wir dem Sandplatzkönig, bejubeln Tommy Haas und schätzen die Chancen der großen Drei beim Rasen-Grand Slam ein.

Nach der Auswertung der für unser Power Ranking relevanten Daten wurde in der Redaktion heftig debattiert. Hat es jemand, der ausgerechnet gegen Philipp Kohlschreiber verliert, überhaupt verdient hier an der Spitze zu stehen? Hat er tatsächlich das Recht, sich als aktuell formstärkster Tennisspieler der Welt zu bezeichnen? Ja, hat er. Denn Kohlschreiber hatte gegen Rafael Nadal tatsächlich nicht nur nach seinen eigenen Ansprüchen eine starke Leistung gezeigt.

Aber dazu später mehr. Der erste Teil der europäischen Sandplatzsaison ist beendet, die ATP wechselt auf Rasen und damit steht auch schon Wimbledon unmittelbar vor der Tür. Höchste Zeit also, die Tennisspieler wieder einmal unserem Formcheck zu unterziehen und dabei die wichtigsten Fragen vor dem dritten Grand Slam-Turnier des Jahres zu beantworten.

Wie sollte man die derzeit steil nach oben zeigende Formkurve von Tommy Haas einschätzen? Was ist beim anstehenden dritten Grand Slam-Turnier des Jahres von Novak Djokovic zu erwarten, der die jüngste Niederlagenserie gegen Rafael Nadal verdauen musste? Was kann Roger Federer in Wimbledon reißen und muss man Andy Murray tatsächlich zum Favoritenkreis zählen? Diese und andere brennende Fragen werden im Power Ranking beantwortet.

Vorab wie immer kurz zum Reglement: Um die Formkurve der Spieler hier möglichst exakt zu bestimmen, setzen wir die Resultate bzw. die hier aufgeführten von der ATP vergebenen Weltranglistenpunkte in ein Verhältnis und lassen sie zu 100 (letztes), 80 (vorletztes Turnier) und 60 Prozent (drittletztes gespieltes Turnier) in unsere Berechnung der Power Ranking-Punkte einfließen. Zudem gilt: Wer in den letzten vier Wochen bei keinem Turnier aktiv war, fliegt raus.

Drin sind folgende zehn Spieler:

10. (10.) Andy Murray (GBR, 25 Jahre, Weltrangliste: 4) / gewertete Turniere: Queens (2. Runde/0 ATP-Punkte), French Open (1/4-Finale/360), Rom (1/8-Finale/90) / Power Ranking-Punkte: 342

Gerade so hat sich Murray in unserer Top Ten behaupten können - dank seines bei den French Open eindrucksvoll demonstrierten Kampfgeistes, als er trotz großer Rückenschmerzen ein frühes Aus gegen Jarkko Nieminen verhinderte. Die immer wieder auftretenden gesundheitlichen Probleme gepaart mit dem riesigen Druck, dem er als Lokalmatador in Wimbledon naturgemäß ausgesetzt ist, lassen seinen erhofften ersten Grand Slam-Erfolg aber sehr fraglich erscheinen. Bisher scheiterte Murray an den in ihn gesetzten Erwartungen. Auch wenn die Arbeit mit Ivan Lendl auf dem Platz in vielen Bereichen bereits deutlich Wirkung zeigt, Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal sind für Murray immer noch eine deutliche Nummer zu groß.

9. (9.) Richard Gasquet (FRA, 25 Jahre, Weltrangliste: 19) / gewertete Turniere: French Open (1/8 -Finale/180), Rom (1/4-Finale/360), Madrid (1/8-Finale/90) / Power Ranking-Punkte: 378

Eine Nummer zu groß war Murray in Paris für Richard Gasquet, der trotz der Niederlage gegen den Schotten in Roland Garros seinen Platz aus dem Vormonat verteidigen konnte. Seine derzeitige Form muss man angesichts von zuletzt zwei Achtel- und einem Viertelfinale als solide bezeichnen. An Wimbledon hat er gute Erinnerungen, 2008 erreichte der Allrounder, der sich eigentlich auf allen Belägen zu Hause fühlt, das Halbfinale – seine bisher beste Platzierung bei einem Grand Slam. Die wird er aber in dieser Saison wohl nicht verbessern können.

8. (neu) Tommy Haas (GER, 34 Jahre, Weltrangliste: 49) / gewertete Turniere: Halle (Sieger/250), French Open (3. Runde/115), München (1/2-Finale/90) / Power Ranking-Punkte: 396

Mit seinem starken Auftritt in Halle und dem Sieg gegen Federer, der seinen furiosen Turniersieg krönte, hat der – mit Verlaub – Tennis-Opa Haas den anderen deutschen Spielern noch einmal gezeigt, wohin einen zäher Einsatz und Wille bringen können. Nach unzähligen Verletzungen hatte sich Haas zurück gequält und sich mit dem Sieg in Halle belohnt. Optimisten, die jetzt von einem tollen Ergebnis in Wimbledon ausgehen, sei aber die Euphoriebremse versetzt. Haas ist dort natürlich nicht gesetzt, spielt nur mit einer Wildcard und könnte daher schon früh auf einen der ganz dicken Brocken treffen. Der inoffizielle Titel "bester Deutscher", den er bereits bei den French Open gewonnen hatte, ist angesichts der unbeständigen innerdeutschen Konkurrenz allerdings sehr realistisch.

7. (neu) Jo-Wilfried Tsonga (FRA, 27 Jahre, Weltrangliste: 5) / gewertete Turniere: Queens (1/8-Finale/20), French Open (1/4-Finale/380), Rom (1/4-Finale/180) / Power Ranking-Punkte: 416

Seine guten Auftritte bei den French Open gekrönt von der starken Leistung bei seiner Fünfsatzniederlage gegen Djokovic hatten bei Tsonga die Hoffnungen auf einen guten Auftritt in Wimbledon genährt. Vor allem seine mittlerweile größere Konstanz stimmte ihn positiv. Doch das frühe Aus in Queens liefert gleich zweifach Grund zur Besorgnis. Zunächst war da die unerwartete 6:7, 6:3, 6:7-Niederlage gegen Ivan Dodig, dann aber seine bei einem Sturz während dieses Matches erlittene Verletzung am kleinen Finger seiner rechten Hand, die einen Start in Wimbledon zwar entgegen ersten Befürchtungen zulässt, ihn aber trotzdem etwas behindern dürfte.

6. (neu) Nicolas Alamagro (ESP, 26 Jahre, Weltrangliste: 11) / gewertete Turniere: French Open (1/4-Finale/360), Nizza (Sieger/250), Rom (1/8-Finale/90) / Power Ranking-Punkte: 614

Mit Verletzungen hat Nicolas Almagro, der dritte Neueinsteiger unseres Power Rankings, zwar nichts zu tun. Das größte Handicap für den Sandplatzspezialisten, der kürzlich in Nizza seinen zweiten Titel in dieser Saison einfahren konnte, dürfte allerdings der heilige Rasen in Wimbledon sein. Der Spanier wird zwar auch dort, wie es so seine Art ist, sicherlich kämpfen bis zum Umfallen. Doch am Ende dürfte er genauso chancenlos sein wie im Viertelfinale der French Open, als er auf seinem Lieblingsbelag gegen Nadal glatt in drei Sätzen die Grenzen aufgezeigt bekam.

5. (6.) Juan Martin del Potro (ARG, 23 Jahre, Weltrangliste: 9) / gewertete Turniere: French Open (1/4-Finale/360), Rom (1/8-Finale/90), Madrid (1/2-Finale/360) / Power Ranking-Punkte: 648

Nur wenige hatten geglaubt, dass del Potro nach langwieriger Verletzung zurück in die Top Ten kommen könnte. Doch der Argentinier, in den letzten sieben Jahren einziger Grand Slam-Sieger außerhalb der großen Drei, hat sich mittlerweile wieder fest in der Weltspitze etabliert. Wenn er verliert, dann nur gegen Top Ten-Spieler. Legt er hier zu, ist weiteres Vorrücken im Ranking und sogar ein weiteres Grand Slam-Finale nicht ausgeschlossen. Dann würde er auch wieder eines seiner verbliebenen Raquets vom 2009er US Open-Sieg zum Einsatz bringen. "Ich benutze zwar auch andere, aber ich habe sie immer dabei", erklärte er telegraph.co.uk. "Mit ihnen bekomme ich aber immer noch zusätzlich Selbstvertrauen. Wenn ich in ein Grand Slam-Finale komme, werde ich sie sicher wieder benutzen."

4. (2.) Roger Federer (SUI, 30 Jahre, Weltrangliste: 3) / gewertete Turniere: Halle (Finale/150), French Open (1/2-Finale/720), (1/2-Finale/360) / Power Ranking-Punkte: 942

Eine der großen Fragen vor Wimbledon ist: Kann Federer seinen 17. Grand Slam-Titel feiern? Vom Potential her, ja. Die Niederlage gegen Haas in Halle sollte man nicht überbewerten. Sicherlich verliert Federer nicht gerne, aber ein Sieg bei einem 250er Turnier dürfte bei ihm in der Prioritätenliste auch nicht ganz oben stehen. Wimbledon und Olympia schon eher. Gewinnt er in SW19 und scheitert Djokovic früh, wäre sogar die Weltranglistenposition eins wieder greifbar. Allerdings müsste Federer dazu auch wieder die alte Entschlossenheit zeigen. Beim Halbfinal-Aus in Paris gegen Djokovic fehlte es ihm daran doch einige Male. Zu zaghafte Angriffsbälle, sich bietende Chancen am Netz nicht genutzt – in Wimbledon wird er sich derartige Nachlässigkeiten nicht ungestraft leisten können. Sonst wäre wohl spätestens wieder im Halbfinale Schluss.

3. (5.) David Ferrer (ESP, 30 Jahre, Weltrangliste: 6) / gewertete Turniere: French Open (1/2-Finale/720), Rom (1/2-Finale/360), Madrid (1/4-Finale/180) / Power Ranking-Punkte: 1116

Zumindest im Power Ranking hat David Ferrer ihn überholen können. Der Spanier mit dem zähen Willen und der großen Kampfkraft zeigte bei den letzten Auftritten starke Form, wurde jeweils von einem der ganz Großen und späteren Turniersieger geschlagen. Zweimal stoppte Rafael Nadal seinen Lauf (Paris und Rom), einmal war Federer (Madrid) Endstation. Bei guter Auslosung ist auch auf Gras ein gutes Turnier für ihn möglich. Seine Bestleistung in Wimbledon – bisher Achtelfinale – könnte er dank seiner starken Form in diesem Jahr durchaus verbessern.

2. (3.) Novak Djokovic (SRB, 24 Jahre, Weltrangliste: 1) / gewertete Turniere: French Open (Finale/1200), Rom (Finale/600), Madrid (1/4-Finale/180) / Power Ranking-Punkte: 1788

Für Novak Djokovic könnte Wimbledon in diesem Jahr zu einem Scheideweg werden. Schließlich hat er als Titelverteidiger viele Punkte zu verteidigen. Ein früheres Aus als im Finale könnte ihn daher im schlechtesten Fall sogar die Führung in der Weltrangliste kosten. Nach der jüngsten Niederlagenserie gegen Nadal dürfte das den Druck auf den Serben noch einmal gewaltig erhöhen. Mit Druck weiß Djokovic allerdings umzugehen. Doch die letzten Niederlagen gegen Nadal fanden allesamt auf Sand statt. Auf den schnelleren Belägen kann der Serbe seine überragenden Fähigkeiten noch besser ausspielen. Gerade die Pause, die er nach den French Open eingelegt hatte, wird er genutzt haben, um den Kopf frei zu bekommen, sich auf Wimbledon zu fokussieren, um für die zu erwartenden Battles mit Nadal und Co. gerüstet zu sein.

1. (1.) Rafael Nadal (ESP, 25 Jahre, Weltrangliste: 2) / gewertete Turniere: Halle (1/4-Finale/45), French Open (Sieger/2000), Rom (Sieger/1000) / Power Ranking-Punkte: 2245

Und damit kommen wir zum unangefochtenen Spitzenreiter Nadal und zur Beantwortung unserer Eingangsfrage. Natürlich steht der Spanier zu Recht an der Spitze dieses Power Rankings. Schließlich hatte er die letzten Wochen auf Sand beinahe nach Belieben dominiert, Rivale Djokovic gleich mehrfach deutlich die Grenzen aufzeigen können. Zur Viertelfinal-Niederlage in Halle sei gesagt: Der Sieg von Kohlschreiber war natürlich verdient. Endlich hatte der Deutsche einmal nicht nur nach eigener Wahrnehmung "gut" gespielt, sondern auch objektiv. Allerdings zeigte Nadal auch nicht sein bestes Rasentennis.

Wie auch? Die Umstellung von Sand auf Gras war zu kurz. Nach Halle war der Spanier nur gekommen, um sich für Wimbledon an den neuen Belag zu gewöhnen - quasi um Gras zu schnuppern, ohne richtig zu inhalieren. In London werden wir sicherlich wieder einen viel besseren Nadal erleben. Auch wenn er angesichts seiner in dieser Saison vergleichsweise mageren Resultate – sobald er nicht auf Sand antritt – für viele vielleicht nicht der alleinige Topfavorit für Wimbledon ist. Sieganwärter ist er dank seiner mentalen und physischen Fahigkeiten allemal.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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