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Tischeishockey-WM: Fingerspitzengefühl gefragt

Marion Rudolf ist der Woodini der Pressspanplatte, er zaubert beim Tischeishockey, dass den Zuschauern der Atem wegbleibt. Dennoch ist Rudolf nicht Weltmeister geworden. Ein Ortstermin in Bad Griesbach - beim Showdown einer bizarren Sportart.

Von Werner Schwarzhahn

Der Rekordvizeweltmeister hat auch die 29. Titelkämpfe in Bad Griesbach nicht gewonnen. Der Rekordvizeweltmeister ist noch nie Weltmeister geworden. Der Rekordvizeweltmeister stammt aus Österreich und ist weltweit der beste Nichtdeutsche im Tischeishockey. Im Spiel um Platz drei hat Mario Rudolf am späten Freitagabend vor 250 Zuschauern gezeigt, was er kann, was diesen Sport im Bistroformat auszeichnet: Bandentreffer, Sprungschüsse, ein gelber Puck, der aus unmöglich erscheinendem Winkel seinen Weg ins Tor findet. Das war Akrobatik auf der kreisrunden Pressspanplatte, groß wie ein Pilstablett.

Rudolf, der 37-jährige Unternehmensberater aus Graz spielt besonders elegant und wirkungsvoll: Kunstvoll steuert er die fünf Fünfpfennigstücke seiner Mannschaft aus dem Handgelenk. Ziel ist es, den gelb beklebten Pfennig, den Puck, so zu treffen, dass dieser den gegnerischen Torausschnitt in der Bande möglichst häufig passiert. Rudolf schenkte seinem Kontrahenten im Kursaal der niederbayerischen Kleinstadt in den 20 Minuten reiner Spielzeit ein Dutzend Tore ein, das Publikum hatte ernstlich Mitleid mit Rudolfs Gegner.

Sport ohne Kommerz

Man leidet mit, man kennt sich, seit zwanzig Jahren und mehr. Die Tischeishockey-Gemeinde ist mit 15.000 Aktiven weltweit durchaus überschaubar und zieht Jahr für Jahr an neue Orte in ganz Europa, um ihrem skurrilen Hobby zu frönen, um einen neuen Sieger aus ihrer Mitte zu küren. Darum geht es auch dem Erfinder des Spiels, Peter Linden: sich in einer familiären Atmosphäre eine Woche lang zu vergnügen und der schönsten Nebenbeschäftigung der Welt nachzugehen. "Menschen, die es allzu ernst nehmen, merken das schnell und kommen auch nicht wieder", sagt Linden. Deswegen hat er das Spiel nie vermarktet trotz eines lukrativen Angebots aus der Spielwarenindustrie. Er bekennt sich zwar zum marktwirtschaftlichen Credo vom Wachstum, aber er will es doch in natürlichen, organischen Bahnen halten. Dem Kommerz wird hier nichts geopfert. Dieser Grundsatz hat dazu geführt, dass den Anhängern eine gewisse Überalterung droht. In der Kurgemeinde Bad Griesbach, in welcher der Altersdurchschnitt der Gäste bei gefühlten 70 Jahren liegt, wurde zuweilen darüber gespöttelt, wie man das Spiel altersgerecht gestalten könne

Soziale Fähigkeiten wichtig

Kein Wunder: 30 Jahre ist es her, dass Linden als Abiturient beim Münzenschnippen auf einer Münchner Schulbank die Eingebung hatte, das Ganze auf eine Platte mit Bande zu übersetzen und transportabel zu gestalten. Schnell war klar, welche Fähigkeiten die Spieler ausbilden müssen: Fingerspitzengefühl, Konzentrationsfähigkeit, strategisches Denken, schnelle Auffassungsgabe und Durchhaltevermögen. Zehn Jahre später, als das Spiel erstmals zu einer Weltmeisterschaft im Ausland gastierte, waren auf einmal auch Sekundärtugenden gefragt: Sich eine Woche lang in eine Gruppe von 100 Menschen mit sehr unterschiedlichen Berufen und Sozialisationsgeschichten einzufügen. Dies funktioniert seitdem so gut, dass die WM-Wochen ein spezieller Flair auszeichnet. Im September 2008 trifft man sich in der Toskana, in Montepulciano.

Alternative zum Schafkopf

Mario Rudolf hat im kleinen Finale fast alles getroffen. Selbst Erfinder Linden sprach später von einem "sensationellen Spiel". Nun ist Rudolf nicht nur Rekordvizeweltmeister, sondern auch Rekordbronzemedaillengewinner. Seine Ausbeute bisher: viermal Bronze, viermal Silber, nullmal Gold. Sein Problem diesmal war, dass er im Halbfinale beim Stand von 6:6 in guter Schussposition einen unkonzentrierten Moment erwischte und die Chance zum Führungstreffer vergab. Stattdessen verlor er das Match gegen Heiko Seyffarth aus Hamburg, der dann auch Weltmeister wurde; in einem Finale, das die Liebhaber taktischer, schachartiger Spielzüge begeisterte. Die vielen Bad Griesbacher unter den Zuschauern waren durchaus angetan von dem ihnen unbekannten Spiel: "Da möchte man sofort mitmachen", entfuhr es einer CSU-Stadträtin der 8500-Einwohner-Gemeinde. Eine Großmutter musste ihren Enkeln noch vor Ort versprechen, umgehend eine Spielplatte anzuschaffen. Und Griesbachs stellvertretender Kurdirektor, Hans-Walter Berger, mit dem Linden anderthalb Jahre lang die Titelkämpfe vorbereitet hat, will seinerseits dafür sorgen, dass Spielplatten für den ortsansässigen Fußballclub angeschafft werden sowie für die eine oder andere Kneipe in der Stadt. "Wir können ja auch mal was anderes spielen als Schafkopf."

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