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Tour de France: Instant-Experten auf der Suche nach dem Kitzel

Nach dem Rückzug der öffentlich-rechtlichen Sender versucht sich Sat.1 an der Tour de France. Einer langweiligen Etappe hatten die Instant-Experten allerdings nichts Wirksames entgegen zu setzen. Die Zuschauer gähnten sich zum Zielspurt.

Von Stefanie Hadding

Für unerschrockene Radsportfans bietet das deutsche Fernsehen zur Zeit zwei Alternativen. Nachdem ARD und ZDF aus der Berichterstattung ausgestiegen sind, bleibt den Tour-de-France-Anhängern die spröde Live-Übertragung auf Eurosport und, neuerdings, das Angebot von Sat.1. Hals über Kopf hatten die Berliner sich am Mittwoch die nun freien Rechte gesichert und waren schon am Tag darauf mit N24-Sportchef Timon Saatmann und Mike Kluge an die Mikrofone getreten. Dass die Quoten an Tag eins der Tour-Ära von Sat.1 mit 500.000 Zuschauern miserabel ausfielen, ließ sich noch damit erklären, dass so rasch kaum einer mitbekommen hatte, was sich da zugetragen hatte. Doch wie schlugen sich die frischgebackenen Radsportreporter an Tag zwei auf der 178,5 Kilometer langen Bergetappe von Montpellier nach Castres?

Aufputschmittel legen Begeisterung lahm

Noch während TV-Psychologin Angelika Kallwass sich in ihrer Sendug "Zwei bei Kallwass" anstrengte, die Beziehung von Manuela und Mustafa ins Reine zu bringen, erfuhren die Zuseher über ein kleines Laufband: "Radsportfans aufgepasst! Sat.1 überträgt heute ab 15h LIVE die Tour de France". Ob's geholfen hat? Einen guten Grund zum Dranbleiben lieferte der Sender aus der ProSiebenSat.1-Gruppe jedenfalls nicht. Zugegeben, die Aufgabe war anspruchsvoll. Die Aufputschmittel der Sportler hatten die Begeisterung der Konsumenten in den vergangenen Wochen und Tagen zusehends lahm gelegt. Hinzu kam: Die 12. Etappe war schon vorab als eher gemütliche Ausruherstrecke bekannt. Also bemühten sich die Instant-Experten, die zwei Stunden nach Etappenstart ins Geschehen einstiegen, über 90 Minuten dem langweiligen Geschehen auf dem Bildschirm etwas Kitzel einzureden.

Allerdings kam auch Saatmann nicht umhin, mit dem leidigen Thema Doping zu beginnen. Michael Rasmussens Rauswurf aus dem dänischen Nationalteam und die Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft gegen Patrik Sinkewitz konnten auch die neuen Tour-Reporter nicht ignorieren. Kluge jedoch, den Sat.1 vom dreifachen Radcross-Weltmeister und Mountainbike-Weltcup-Sieger zum Tour-de-France-Experten befördert hatte und der in Sachen Moderation noch ein wenig üben darf, mochte über Doping "nicht spekulieren" und hatte viel für die Radler und ihre Nöte übrig. Es sei eben auch schwierig, immer für Kontrollen erreichbar zu sein, verteidigte er den Dänen und rief Sinkewitz gute Besserung ins Krankenhaus zu. Im übrigen konzentrierte Kluge sich darauf, bei Gelegenheit zu betonen, wie wichtig es den Sponsoren sei, dass die Fahrer ordentlich lange im Bild sind, damit sie "bei diesem schönen Sport dabei bleiben".

Es fehlt an Leuten und Erfahrung

Rund 25 Minuten Reklame verteilt auf vier Werbeblöcke mögen den ein oder anderen Zuschauer zwar verschreckt haben. Da es aber größtenteils eh nichts zu berichten gab, vermochten die Pausen dieses Mal keine Spannung zu zerstören. Und weil es den Sat.1-lern, wen wundert's, an Leuten und Erfahrung fehlte, konnte sie die Längen auch nicht mit den bei ARD und ZDF üblichen Drumherum-Stücken mit Hautnahdabei-Gefühl aufbauschen: Das Duo Saatmann und Kluge gab es nur auf einem briefmarkengroßen Foto, das hin und wieder eingeblendet wurde, zu sehen. Die versprochene Vor-Ort-Berichterstattung beschränkte sich auf einen überraschungsfreien O-Ton von Reporter Heiko Paluschka aus dem Zielraum in Castres. Und das Telefoninterview mit Luc Eisenga, dem Technischen Direktor bei T-Mobile, brach aus technischen Gründen abrupt ab.

Ganz am Schluss kam dann doch noch ein wenig Nervenkitzel auf, bedingt durch die Fahrer allein. Und hätte sich Sat.1 um 17.30 Uhr wenigsten ordentlich von seinem neuen Radsportpublikum verabschiedet, anstatt völlig unvermittelt das Geschehen in Frankreich zu verlassen, vielleicht hätte es ein versöhnliches Ende werden können. Es kommt aber noch komischer: An Tag drei müssen sich die Sat.1-Zuschauer auf eine neue Überraschung gefasst machen. Der Sender, der aus Renditegründen Anfang der Woche überaus ruppig sein Informationsprogramm zusammengestrichen und große Teile umgehend aus dem Programm geworfen hat, verlegt die Tour de France vorübergehend zu ProSieben, weil der Premiere Ligapokal den Tour-Platz belegt. Am Sonntag geht es dann wieder bei Sat.1 weiter. Wenn nicht wieder was dazwischen kommt.

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