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Toursieger: Lance - in seiner Heimat kein Superstar

Er wird bewundert, aber nicht vergöttert wie die Superstars aus den vier populären amerikanischen Profiligen. Im Autoland Amerika ist der Radsport noch ein Randsport.

Er wird bewundert, aber nicht vergöttert wie die Superstars aus den vier populären amerikanischen Profiligen. Er sorgt für Schlagzeilen, aber nicht für die ganz großen - mit einer Ausnahme. Nach der Schlussetappe, wenn sein Sieg bei der Tour de France endgültig feststeht, ist Lance Armstrong stets für einen Tag der landesweit gefeierte Champion. Vergleiche mit Michael Jordan oder Tiger Woods werden gezogen. US-Präsident George W. Bush ruft an, wie wieder am Sonntag wenige Minuten nach der Zieldurchfahrt, um zu gratulieren. Die TV-Sportkanäle würdigen Armstrongs heroischen Pedalritte überschwänglich. Und der Texaner schmückt in dicken Lettern die Titelseiten der Zeitungen, von denen der 31-Jährige aber so schnell wieder verschwindet, wie er sie erobert hat.

Noch kein Volksheld

Trotz seiner kolossalen Triumphfahrten, der Ehrung zum Sportler des Jahres und seiner hollywoodreifen Personality schaffte es "Mr. Superlative" bislang nicht, in seinem Heimatland zum Volkshelden aufzusteigen. Zwar kennen über 70 Prozent der Bevölkerung inzwischen seinen Namen inzwischen, und als Werbeträger in den Vereinigten Staaten kassiert er jährlich geschätzte 15 Millionen Dollar. Doch der breiten Öffentlichkeit fehlt einfach der Bezug zu seiner außergewöhnlichen sportlichen Leistung, die er fast ausnahmslos in Europa vollbringt.

Radrennen sind in den USA eine Randsportart

Die Pedaleure verkörpern im Autoland Amerika nach wie vor nur eine Randsportart, die sich nicht einmal unter den 20 bedeutendsten Sportarten wiederfindet. Laut "US Cycling" steigen zwar 99 Millionen Landsleute aufs Rad. Über 3000 davon besitzen eine Rennlizenz. Doch in den Medien wird trotz eines Armstrongs von ihnen kaum Notiz genommen - sei denn, der Tour-Matador lässt sich mal wieder von seiner Ehefrau Kristin scheiden, dann füllen sich die Boulevard- Spalten.

Nur durch seinen Sturz landete er auf Seite eins

Nur während der dreiwöchigen Schleife durch Frankreich finden sich in überregionalen Zeitungen täglich Ein- oder Zweispalter wieder. Nach dem Drama auf der "Königsetappe", als Armstrong erst stürzte und schließlich in Luz-Ardiden als Tageserster für die Vorentscheidung sorgte, lächelte der "Gelbe" sogar auf Seite eins die Leser an.

Maximal einminütige Fernsehberichte

Die TV-Sportsender zeigten von den einzelnen Etappen selten Zusammenfassungen von mehr als einer Minute. Lediglich CBS strahlte an den drei aufeinander folgenden Renn-Sonntagen jeweils einstündige Sondersendungen aus. Wer die Tour live mitverfolgen wollte, konnte das nur durch die Kabelstation "Outdoor Life Network" (OLN). Der extra zu bezahlende Nischenkanal besitzt seit 2001 die Übertragungsrechte. Etwa zweieinhalb Millionen Zuschauer schalten täglich zu, vermutet OLN-Kommentator Paul Sherwan.

Die eingefleischten Radsport-Fans sind trotzdem dabei

Angesichts von 54 Millionen US-Haushalten, die die von Eurosport übernommenen Bilder empfangen können, ist die Quote alles andere als berauschend. Den Radsportfans ist das egal. Sie sind glücklich, original verfolgen können, wie Armstrong es allen zeigt, wer der Tour-König ist. Sie stören sich auch nicht an den nervenden Werbeunterbrechungen auf OLN, die teilweise länger dauerten, als die Einblendungen vom Geschehen auf der Strecke. Als Amerikas erster Tour-Sieger Greg LeMond 1989 gewann, habe es noch Tage bedurft, bis irgendwoher ein Etappenbericht kam, erzählen treue Chronisten.

Gunnar Meinhardt

Wissenscommunity