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Der Kult um die erfolglosesten Teams im US-Sport

"Ein Leben lang keine Schale in der Hand": Wenn große Vereine in Deutschland über Jahrzehnte keine Titel holen, lässt die Häme gegnerischer Fans im ganzen Land nicht lange auf sich warten. Im US-Sport ist das Gegenteil der Fall - aktuell zu beobachten in den Baseball-Playoffs.

US-Sport: Fans der Cleveland Indians

Ein seltener Anblick in der 116-jährigen Geschichte des Teams: Fans der Cleveland Indians feiern

Sportfans in den USA halten den Atem an. Das ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich im Oktober, dem Monat, in dem in der Major League Baseball traditionell die entscheidenden Spiele anstehen. In diesem Jahr könnte in den Playoffs der Profiliga aber eine ganz besonders rührende Geschichte geschrieben werden: Wenn in den Viertelfinalspielen alles so läuft, wie es sich zumindest die Romantiker unter den neutralen Fans wünschen, dann werden die vier erfolglosesten Teams der jüngeren -Geschichte ins Halbfinale einziehen.

Die Houston Astros (seit ihrer Gründung 1962 ohne Titel) stehen dort nach einer souveränen Serie gegen die Boston Red Sox bereits, die Los Angeles Dodgers (die zuletzt 1988 die Meisterschaft holen konnten) nach ihrem 3:0-Viertelfinale gegen die Diamondbacks ebenso. Ihnen folgen könnten die Cleveland Indians (letzter Titel vor 69 Jahren), die vor dem Entscheidungsspiel gegen die New York Yankees stehen, und die Washington Nationals (die seit Franchise-Gründung im Jahr 1969 noch kein einziges Mal das Finale erreichen konnten), die zurzeit in der Serie gegen die Chicago Cubs mit 1:2 zurückliegen.

US-Sport: Die Loser schaffen es bis nach Hollywood

Apropos : Das besondere Verhältnis US-amerikanischer Sportfans zu chronisch erfolglosen Klubs lässt sich kaum besser erklären als mit der Geschichte des 147 Jahre alten Traditionsteams, das 2016 die erste Meisterschaft seit 1908 erringen konnte. Die beispiellose Flaute war der Stoff zahlloser Mythen und Legenden - und schaffte es bis nach Hollywood: Im zweiten Teil der Kultfilm-Reihe "Zurück in die Zukunft" von 1985 reisen die Protagonisten per Zeitmaschine ins Jahr 2015 und nehmen ungläubig zur Kenntnis, dass die Cubs gerade die World Series gewonnen haben.

31 Jahre später wurde diese Fiktion dann tatsächlich zur Realität. Bis dahin waren die Cubs in ganz Amerika berühmt als die "lovable losers" (die "liebenswürdigen Verlierer"). Anders als hierzulande, wo große Vereine mit jahrzehntelanger Misserfolgsgeschichte gerne hämisch besungen werden ("Ein Leben lang keine Schale in der Hand") - man frage nur nach beim FC Schalke 04, der seit 1958 auf die Meisterschaft wartet, oder beim Hamburger SV, der mit dem DFB-Pokal im Jahr 1987 seinen letzten Titel erringen konnte. Eher lächerlich als liebenswürdig findet das der neutrale Beobachter.

In den USA haben die Fans dagegen ein Herz für Verlierer und feiern sie mit einer mitfühlenden Melancholie, die nicht nur in undenkbar wäre. Es werden Lieder auf die Loser gedichtet (wie die Cubs-Hymne "Someday We'll Go All The Way"), ihre Geschichten werden in Filmen (wie z. B. "Die Indianer von Cleveland") erzählt.

Die Folge ist das Gegenteil von Schadenfreude (einem Wort, für das es bezeichnenderweise in den USA keine Entsprechung gibt und das deshalb aus dem Deutschen in den Alltagsgebrauch übernommen wurde): Wenn Teams auftrumpfen, die sonst nichts reißen, freuen sich neutrale Fans von West bis Ost. So wie in diesem Baseball-Herbst, der vom großen Aufstand der Underdogs erzählt.

Sollte es am Ende aber doch wieder eine verhasste Erfolgstruppe wie die hochglänzenden  schaffen, werden die Verlierergeschichten einfach weitererzählt. Der Legendenbildung der Astros, der Dodgers, der Nationals oder der Indians täte es keinen Abbruch. Im Gegenteil. 

Die traurigsten Teams aus vier Profiligen

Und wenn im Winter dann auch die Saisons in den drei anderen großen Ligen - die NFL (Football), die NBA (Basketball) und die NHL (Eishockey) - an Fahrt aufnehmen, wird es garantiert wieder ein paar Loser geben, mit denen die Fans nur zu gerne leiden. Kandidaten gibt es genug: zum Beispiel die Detroit Lions, die in der NFL seit 1957 auf eine Meisterschaft warten (und zwischendurch 2008 sogar den historischen Rekord vollbrachten, alle 16 Saisonspiele zu verlieren); das Eishockey-Team der Arizona Coyotes (ehemals Winnipeg Jets), die es seit Gründung 1972 nie über die erste Playoff-Runde hinaus schafften; oder die Basketballer der New York Knicks, die seit 1973 keine Meisterschaft gewonnen haben (was für eine Stadt wie New York natürlich völlig inakzeptabel ist).

All diese traurigen Vereinsrekorde werden nur noch übertroffen, wenn es einer ganzen Stadt sportartübergreifend passiert, dass sie über ein Jahrhundert nichts gewinnt. Aber dafür können sie sich in San Diego (110 Jahre ohne Titel im allen vier Profi-Ligen) oder Buffalo (104 Jahre) rührende Geschichten von Trauer, Trotz und Durchhaltevermögen erzählen. Und sollte ihnen irgendwann doch einmal ein Sieg passieren, dürfte er besonders süß schmecken.


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