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Meinung

Dennis Muilenberg: Endlich zurückgetreten: Boeings Chef schaute nur auf den Börsenwert – und vergaß das Wichtigste

Bei Boeing ist kein Ende der Krise in Sicht: Neun Monate nach dem Totalverlust einer zweiten Boeing 737 Max 8 muss CEO Muilenburg gehen – ohne ein Wort des Dankes. Der Schritt war überfällig – aus mehreren Gründen.

Bei einem Hearing im Washington D.C. Ende Oktober: Dennis Muilenburg, der von Juli 2015 bis zum 23. Dezember 2019 an der Spitze von Boeing stand.

Bei einem Hearing im Washington D.C. Ende Oktober: Dennis Muilenburg, der von Juli 2015 bis zum 23. Dezember 2019 an der Spitze von Boeing stand.

AFP

Der Mann hat sich in erster Linie um eines verdient gemacht: um den Börsenkurs von Boeing. In der Amtszeit von Boeing-Chef Dennis Muilenburg hat sich der Wert der Flugzeugbauer-Aktie teilweise verdreifacht – von 130 auf knapp 400 US-Dollar am Anfang diesen Jahres. Seit Juli 2015 war Muilenburg Präsident und Chief Executive Officer des Boeing-Konzerns – allerdings nur bis zum heutigen Montag.

In den frühen Morgenstunden des 23. Dezember – es war noch dunkel in Sattle und in Chicago, wo die Firma an der Börse notiert ist, veröffentlichte der Konzern eine kurze Mitteilung mit der Überschrift: "Boeing Announces Leadership Changes" – Boeing kündigt einen Wechsel in seiner Führungsriege an. Ab dem 13. Januar 2020 übernimmt David L. Calhoun die Leitung von Boeing. Dennis Muilenburg tritt mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück. In der kurzen Übergangsphase werden andere Personen aus dem Management die Führung übernehmen.

Dieser Schritt war längst überfällig. Eigentlich seit neun Monaten. Denn mit dem Absturz der zweiten fast fabrikneuen Boeing vom Typ 737 Max am 10. März in Äthiopien und dem wenige Tage verhängten weltweiten Flugverbot für dieses Flugzeug war die Rolle vom obersten Boeing-Menschen mehr als fraglich geworden.

Unvergessen bleibt seine eiskalte Reaktion – und die seiner schlechten PR-Berater – unmittelbar nach dem Absturz des Ethopian-Airline-Fluges 302: Statt Mitgefühls für die Hinterbliebenen der Opfer sprach er lediglich davon, "ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen.“ Denn "Sicherheit ist der Kern dessen, wofür wir bei Boeing stehen."

Kein Ende der Krise ist in Sicht

Doch die letzten Monate haben durch Untersuchungen, Hearings in Washington D.C. und die Statements von Whistleblowern gezeigt, wie schlecht es um die Firmenkultur bei Boeing bestellt ist: Das Qualitäts-Management ist beim Thema Sicherheitskultur auf der Strecke geblieben. Und damit litt nicht nur das Image von Boeing, sondern auch der Glaube in den größten Exporteur der Vereinigten Staaten.

Die Boeing-Krise ist längst auch für die Zivilluftfahrt zum Problem geworden. Auf der einen Seite sind die mehr als 500 Zulieferer von dem als "vorübergehenden" kommunizierten Produktionsstopp der Boeing 737 Max betroffen. Zum anderen auch Dutzende Airlines, deren bereits ausgelieferte und seit Monaten eingeparkte 737 Max-Flugzeuge nutzlos am Boden bleiben. Das sind allein bei Turkish Airlines 25 Exemplare.

Hinzukommen die 400 auf Halde produzierte Maschinen, die in den Flotten der Airlines fehlen. Diese bremsen nicht nur ein eventuelles Wachstum, sondern sie verhindern auch das Ausrangieren älterer Flugzeuge, die mehr Kerosin verursachen und einen höheren Schadstoffausstoß produzieren.

Calhoun kommt von Blackstone

Bereits Mitte Oktober musste Muilenburg seinen Posten als Vorsitzender des Verwaltungsrates aufgeben. Auf diese in Deutschland eher unübliche Personalunion stößt man bei Aktiengesellschaften in den Vereinigten Staaten durchaus. Sein damaliger Nachfolger im Verwaltungsrat: David L. Calhoun.

Der wird ab Mitte Januar an die Geschicke des Boeing-Konzerns leiten. Er ist kein ausgewiesener Kenner der Flugzeugproduktion, sondern ein Zahlen-Mensch: Jahrelang stand er als der weltweite Leiter des Private Equity Portfolio im Dienste des Finanzriesen Blackstone.

Boeing-Aktionäre sollten sich also keine Sorgen machen und weiterhin ruhig schlafen können. Weniger sorglos sind die Boeing-Mitarbeiter. In Seattle spricht man längst von einem Exodus der Führungskräfte – zur Freude von Firmen wie Amazon und Mircrosoft gleich um die Ecke.

Ob Calhoun die schlimmste Krise des Boeing-Konzern meistern und die Boeing 737 Max wieder so sicher machen wird, dass sie mit Passagieren nächstes Jahr fliegen darf, ist heute noch völlig offen.

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