Cancún Türkisblaues Wasser und tausendfacher Protest


Der Tagungsort ist wie aus dem Urlaubskatalog, Gastgeber Mexico gut gelaunt und weltoffen - doch der Widerstand der Kleinindustrie im Land gegen den freien Handel wird durch tausende Protest-Touristen unterstützt.

Die Welthandelsorganisation (WTO) hätte sich für ihre Ministerkonferenz vom 10. bis 14. September wohl kaum einen schöneren Tagungsort aussuchen können als Cancún. Mit seinen weißen Stränden und dem türkisblauen Wasser hat sich das einstige Fischerdorf an der Ostküste der Halbinsel Yucatan in den vergangenen 30 Jahren zum stärksten mexikanischen Touristenmagneten entwickelt. Zu den jährlich rund drei Millionen Badegästen gesellen sich in der nächsten Woche die Repräsentanten der 146 Mitgliedsstaaten der WTO sowie tausende Globalisierungsgegner. Die mexikanische Regierung hofft, dass die angekündigten Anti-WTO-Proteste friedlich bleiben.

Gastgeber Mexiko will sich in Cancún als weltoffenes Land und aufstrebende Wirtschaftsmacht präsentieren. Das Schwellenland hat in den vergangenen zehn Jahren mit dem Thema Freihandel reiche Erfahrung gesammelt. 1994 trat zwischen Mexiko, den USA und Kanada das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) in Kraft. Seit drei Jahren gibt es ein Freihandelsabkommen mit der EU und seit zwei Jahren eines mit der EFTA. Hinzu kommen Abkommen mit anderen lateinamerikanischen Ländern. Mit Japan und Singapur wird verhandelt.

Mexico ist größte Handelsmacht Südamerikas

Für Regierung und Großunternehmen ist die Bilanz positiv: Immerhin haben sich die mexikanischen Exporte in den ersten sechs NAFTA-Jahren verdreifacht, Mexiko wurde die mit Abstand größte Handelsmacht Lateinamerikas. Dagegen stöhnen die Kleinindustrie und große Teile der Landwirtschaft unter der Last billiger Importe. Vor allem die Maisbauern machen gegen den Freihandel mobil. Sie klagen, dass der mexikanische Markt mit hoch subventionierten Importen aus den USA überschwemmt werde. Die Hilfsorganisation Oxfam präsentierte in der vorigen Woche eine Studie, der zufolge der Maispreis in Mexiko seit NAFTA-Beginn um 70 Prozent gefallen ist.

Die mexikanische Regierung steht in vorderster Linie derjenigen WTO-Mitglieder, die eine Abschaffung der hohen Agrarsubventionen des Nordens verlangen. Die mexikanischen Bauern meinen aber, Präsident Vicente Fox solle nicht auf ein Entgegenkommen warten, sondern über die NAFTA neu verhandeln und strategische Bereiche der Landwirtschaft mit Schutzzöllen dauerhaft gegen ausländische Konkurrenz abschirmen.

Globalisierungsgegner aus aller Welt

Schützenhilfe erhalten die Bauern von den Globalisierungsgegnern aus aller Welt, die sich in der kommenden Woche in Cancún einquartieren werden. Von Mittwoch bis Samstag sind jeden Tag Demonstrationen geplant, darunter ein 'Weltmarsch gegen die freien Handel' am 13. September, der mit Protestmärschen in anderen Städten der Welt einhergehen soll. "Lasst uns den WTO-Zug zum Entgleisen bringen", verkündete das 'Mexikanische Netz gegen den Freihandel'.

Mexikos Regierung hat sich um eine enge Zusammenarbeit mit den Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO) bemüht. Niemandem werde die Einreise verwehrt, hieß es. Die Hotelzone, in der die WTO tagt, soll jedoch abgesperrt werden. Technisch ist das kein Problem, da sie auf einer Landzunge zwischen Lagune und offenem Meer liegt. Doch die Demonstranten wollen sich nicht ins Stadtzentrum verbannen lassen und zur Tagungsstätte vordringen. Auch andere Arten von Störungen sind möglich: September ist Hurrikan-Saison, und ein Wirbelsturm könnte den Ablauf der Tagung in Cancún kräftig durcheinander bringen.

Laut Presseberichten doch Visaverweigerungen für Gegner

Presseberichten zufolge wurden die guten Vorsätze nicht in die Tat umgesetzt: Die mexikanische Regierung soll 38 Globalisierungskritikern die Einreise verweigert haben. Unter ihnen befinde sich der Führer der bolivianischen Koka-Bauern, Evo Morales, meldete die Zeitung 'La Jornada' am Samstag. Unter Berufung auf die mexikanische Bauerorganisation UNORCA schrieb das Blatt, dass das Außenministerium den aus Bangladesh, Bolivien, Kuba, Guatemala, Haiti, Indien, Malaysia, Nicaragua und Thailand stammenden Aktivisten die Einreisevisa nicht erteilt habe.

Globalisierungsgegner wollen in Cancún mehrere Demonstrationen veranstalten. Das mexikanische Außenministerium hatte in den vergangenen Woche immer wieder versichert, dass niemandem die Einreise verweigert würde.

Die Globalisierungskritiker könnten mit ihren Protesten einen Erfolg der Welthandelskonferenz nach Befürchtung des renommierten US-Handelsökonomen Jagdish Bhagwati von der New Yorker Columbia University verhindern. Dem Berliner 'Tagesspiegel am Sonntag', sagte er: "Die Kritiker haben in Mexiko und im nahen Kalifornien einen starken Rückhalt. Außerdem ist Cancún leicht zugänglich und gegen Protestdemonstrationen nicht so gut abzuschotten wie der letzte WTO-Verhandlungsort Qatar". Bei ungestörten Verhandlungen könnten die Verhandlungen zu einem Erfolg werden, sagte der Wirtschaftsforscher. Die Länder seien gut vorbereitet.

DPA

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