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Ende eines Wirtschaftswunders? China lockert (nicht) – was das für die (Welt-)Wirtschaft bedeutet

Corona-Maßnahmen in China – Weltwirtschaft
Die "HMM Algeciras" wird im Hafen von Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong abeladen
© Li Ziheng / XinHua / DPA
Die Wirtschaftsmacht China steht auf wackeligen Beinen. Das Land exportiert weniger Waren. Grund dafür sind die strengen Corona-Maßnahmen. Aber sind Lockerungen wirklich die Lösung für China und den Weltmarkt?

Der wütende Mob, der auf den Straßen einiger chinesischer Metropolen gegen die Pandemiemaßnahmen rebellierte und vereinzelt den Rücktritt des Staatspräsidenten forderte, kann erste Erfolge für sich verbuchen. Die Regierung lockert ihre rigiden Pandemiemaßnahmen. Der Kurswechsel ist zwar längst nicht mit jenen westlicher Staaten zu vergleichen. Bemerkenswert ist der chinesische Schwenk dennoch, weil Vize-Ministerpräsidentin Sun Chunlan von einer "neuen Situation" und "neuen Aufgaben" spricht.

Konkret gelockert werden die Quarantänepflichten. Dafür startet die Regierung in der Hauptstadt Peking ein Pilotprojekt, wie die Nachrichtenagentur "Bloomberg" berichtet. Infizierte sollen sich demnach in Heimquarantäne begeben dürfen. Bislang wurden sie in Quarantänezentren gezwungen. Zudem werden die Isolationsregeln für Reisende gelockert, die Dauer verkürzt. Und die Strafe für Fluggesellschaften, die unwissentlich Infizierte ins Land bringen, wird abgeschafft.

Die Äußerungen von Chinas Vize-Ministerpräsidentin sowie die jüngsten Lockerungen "könnten darauf hindeuten, dass China beginnt, das Ende seiner strengen Null-Covid-Politik in Betracht zu ziehen", sagen Analysten von ANZ Research. Das wäre nicht nur für die Millionen Menschen ein Segen, die von heute auf morgen in den Lockdown gezwungen werden. "Nicht nur die Menschen in China leiden unter den Corona-Restriktionen, sondern auch die Weltwirtschaft, Deutschland und vor allem die Entwicklungsländer", sagte zuletzt der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt. Die kommunistische Partei müsse ihre Fehler korrigieren und die Kooperation mit der internationalen Staatengemeinschaft suchen.

Als "Werkbank der Welt" (Spiegel") und "Weltfabrik" ("The Guardian") produzierte China im letzten Jahr 30 Prozent der globalen Güter. Die jüngsten Lockdowns haben die Wirtschaftsleistung des Landes aber wieder eingeschränkt. Wie der "Guardian" berichtet, fehlt es 80 Prozent der chinesischen Unternehmen an Arbeitskräften. Chinas Bildungsminister geht davon aus, dass bis 2025 30 Millionen Arbeiter fehlen könnten. Grund hierfür ist allerdings nicht die Pandemie, sondern das Demografieproblem, das China ebenfalls in den Griff bekommen muss.

China ist nicht mehr "DER globale Wirtschaftsmotor"

Die Ökonomen sind sich zwar einig, dass Chinas Pandemiemanagement die Weltwirtschaft derzeit nicht so stark beeinträchtigt wie im ersten Corona-Jahr 2020. Größere Auswirkungen auf die Lieferketten hat dagegen das langsame Wirtschaftswachstum der Weltmacht, sagt Wan-Hsin Liu vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Das hat auch Folgen für Deutschland. Bis letztes Jahr war China der zweitgrößte Exportpartner der Bundesrepublik. Jetzt ist das Land der Mitte auf den vierten Platz abgerutscht. Das wiederum hängt mit der sinkenden Kaufkraft in China zusammen. Viele chinesische Bürger seien verunsichert. "Sie werden weniger bereit sein, Geld auszugeben, zu investieren und Produkte zu kaufen", ist Ökonomin Wan-Hsin Liu überzeugt. Damit verlangsamt sich einerseits Chinas Wirtschaftswachstum, gleichzeitig büßt das Land seinen Platz als globaler Wirtschaftsmotor ein.

Dass unter anderem die OECD zuletzt mit einem Wirtschaftswachstum in China von 3,3 Prozent gerechnet hatte, lag daran, dass die Prognose abgeschlossen wurde, als es noch nach Lockerung und Erholung aussah, erklärt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft im Gespräch mit dem stern. "Diese Berechnungen sind jetzt aufgrund der hohen Infektionszahlen Makulatur." Die chinesischen Exporte fielen in den vergangenen zwei Monaten erstmals seit Mai 2020. "Die weiterhin strikte Corona-Politik spielt hier eine Rolle", sagt Wan-Hsin Liu.

Lockern – aber nicht um jeden Preis

Lösen Lockerungen das Problem? Die Ökonomen sehen das kritisch. Würde China seine Maßnahmen plötzlich so weit lockern wie in Europa oder den USA, könnte sich das Virus explosionsartig verbreiten. Grund hierfür ist die niedrige Immunität der Bevölkerung durch eine vergleichsweise geringe Impf- und Infektionsquote. Dadurch könnte auch das Gesundheitssystem mangels Intensivbetten kollabieren. Daneben könnten massive Lockerungen die Nachfrage nach Rohstoffen, Energien, Dienstleistungen und Gütern aus dem Ausland sprunghaft ansteigen lassen – was wiederum eine Ressourcenknappheit begünstigen und die weltweite Inflation weiter antreiben würde, erklärt Guido Baldi vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) dem stern. "Höhere Preise würden dann der europäischen und der Weltwirtschaft schaden."

Eine Entspannung der Pandemielage in China wäre für Baldi dennoch eine gute Nachricht. Die Ökonomen sind sich einig, dass schrittweise Lockerungen die beste Option wären. "Lockerungen könnten mit der Reduzierung von Massentests starten. Auch Isolationen könnten nach wissenschaftlichen Kenntnissen und der Entwicklung der Pandemie nach und nach reduziert werden", schlägt Wan-Hsin Liu vor. Baldi sagt der Wirtschaftsmacht dennoch eine pessimistische Zukunft voraus: "Das chinesische 'Wirtschaftswunder' dürfte ohnehin vorbei sein und die Nachfrage nach deutschen Exportprodukten wird wohl im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten weniger zulegen oder gar etwas zurückgehen."

Immer noch großer Akteur im globalen Wirtschaftsgeschehen

Politisch mag China wohl isoliert sein, wirtschaftlich aber nicht, gibt IW-Experte Matthes zu bedenken. Zuletzt berichtete das Nachrichtenportal "The Pioneer" von einem Papier des Wirtschaftsressorts, wonach Wirtschaftsminister Habeck mit schärferen Maßnahmen die Deutschlands wirtschaftliche Unabhängigkeit von China vorantreiben will. Deutsch-chinesische Projekte sollen politisch nicht mehr begleitet und chinesische Firmen bei Aufträgen für kritische Infrastruktur ausgeschlossen werden. Zudem werde Deutschland die Entwicklungskredite an China streichen.

Wirtschaftlich sei China dagegen alles andere als isoliert – trotz "weltweit steigenden protektionistischen Tendenzen" und mit dem Aufruf des Westens, sich wirtschaftlich von China zu lösen, sagt Wan-Hsin Liu. "Je nach Branche winken auf dem chinesischen Markt immer noch kräftige Gewinne", sagt Matthes. Zudem wollten manche große Unternehmen auch deshalb noch mehr in China investieren, weil sie dies nach eigenen Angaben brauchten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das führt dazu, dass auch namhafte deutsche Firmen etwa aus der Automobil- oder Chemiebranche ihr Engagement auf dem chinesischen Markt noch weiter ausbauen – politischen Bedenken und Warnung vor Risiken um eine Taiwan-Invasion zum Trotz.

Kritik daran äußerten lediglich mittelständische Unternehmen. Wenn die ganz Großen ins Land der Mitte strömen und den globalen Wettbewerb so vorantreiben, dann bleibt den Kleineren wohl nichts anderes übrig, als mitzuziehen.

Quellen: "Der Standard", "The Guardian", AP, "Bloomberg", mit Material von AFP und DPA

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