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DaimlerChrysler: Showdown in Delaware

Es wird eng für DaimlerChrysler-Vorstandschef Jürgen Schrempp. Der amerikanische Investor Kirk Kerkorian verklagt den Autokonzern um Schadenersatz in Millardenhöhe.

In der Kleinstadt Wilmington an der amerikanischen Ostküste beginnt Anfang Dezember einer der spannendsten Prozesse in der Wirtschaftsgeschichte. Der schillernde Investor Kirk Kerkorian fordert vor einem Bundesgericht vom Autokonzern DaimlerChrysler Schadenersatz in Milliardenhöhe. Sein Vorwurf: Die Fusion zwischen Daimler-Benz und Chrysler sei von Vorstandschef Jürgen Schrempp nach außen als "Fusion unter Gleichen" dargestellt worden, aber von Anfang an als Übernahme durch die deutsche Seite geplant gewesen. Als früherer Chrysler-Großaktionär habe Kerkorian dadurch ein schlechtes Geschäft beim Aktientausch gemacht.

Wenn es nach DaimlerChrysler gegangen wäre, hätte der Prozess gar nicht erst beginnen sollen. Rund 250 000 Seiten mit Dokumenten legte das Unternehmen dem Gericht vor, um die Vorwürfe zu entkräften. Kläger ist Kerkorians Investmentgesellschaft Tracinda, benannt nach seinen Töchtern Tracy und Linda. Doch Richter Joseph Farnan Jr., ließ sich von dem Papierberg nicht beeindrucken. "Meiner Meinung nach ist es logisch, aus Tracindas Beweisen zu folgern, dass die Beklagten für Chrysler mehr gezahlt hätten, wenn die Transaktion eine Übernahme gewesen wäre", teilte er in einer schriftlichen Erklärung mit. Eine Abweisung der Klage ohne mündliche Verhandlung lehnte Farnan ab.

Für die Anwälte kein Thanksgiving

Seitdem bereiten sich Heerscharen von Anwälten auf den Prozess in der kommenden Woche vor. Ihr langes Wochenende nach "Thanksgiving" - dem einzigen Feiertag, an dem in den USA die Geschäfte geschlossen haben - müssen die amerikanischen Juristen dafür opfern. Der Prozess beginnt am Montag (1.12.) um 09.30 Uhr in einem unscheinbaren Justizgebäude in der North King Street in Wilmington im Bundesstaat Delaware. Nach Medienberichten könnte Kerkorian bereits am ersten Tag in den Zeugenstand gerufen werden. Schrempps Auftritt sei für die zweite Prozesswoche eingeplant, das Urteil werde erst für Anfang 2004 erwartet. Allerdings bleiben der genaue Ablauf und der Ausgang des Prozesses völlig ungewiss.

Dass die Deutschen bei Chrysler heute das Sagen haben, bestreitet inzwischen niemand mehr. Ohne die Finanzkraft des Konzerns und insbesondere von Mercedes-Benz hätte der drittgrößte amerikanische Autobauer die Rabattschlacht der vergangenen Jahre möglicherweise gar nicht durchgehalten. Ob sich die Fusion für beide Seiten gelohnt hat, kann hingegen noch nicht abschließend beurteilt werden. Für Schrempp, der neben Finanzvorstand Manfred Gentz in dem Verfahren persönlich beschuldigt wird, geht es genau fünf Jahre nach dem Zusammenschluss neben allen juristischen Streitfragen also auch um seine Vision eines weltumspannenden Autokonzerns und ihre Glaubwürdigkeit.

Das Urteil in dem Rechtsstreit fällt Richter Farnan, einen Antrag Tracindas auf einen Geschworenen-Prozess wies er zurück. Das ist nach Einschätzung von Juristen ein kleiner Vorteil für DaimlerChrysler: Als Laien seien Geschworene leichter durch emotionale Argumente beeinflussbar. In einer Auseinandersetzung mit Chrysler-Kleinaktionären, die aus dem gleichen Grund wie Kerkorian klagten, einigte sich der Autokonzern deshalb im Sommer lieber auf einen Vergleich. DaimlerChrysler zahlte 300 Millionen Dollar (252 Mio Euro) - die Forderung hatte bei 22 Milliarden Dollar gelegen - die zum Teil von einer Versicherung übernommen wurden. Auch mit Kerkorian gilt ein Vergleich noch vor Prozessbeginn als nicht völlig ausgeschlossen, ein Sprecher von DaimlerChrysler wollte Verhandlungen darüber jedoch nicht bestätigen.

Alexander Missal / DPA