Deutsche Bahn Die Speisewagen rollen weiter


"Der Speisewagen gehört zum Bahnfahren wie die Lokomotive zum Zug" - diese Botschaft des Fahrgastverbandes ProBahn hat nun auch die Chefs erreicht. Die Bahn zieht keine weiteren Speisewagen aus dem Verkehr.

Das Hefeweizen zu 3,60 Euro, der große Salatteller mit Tunfisch zu 7,60 Euro und auch die zarte Poulardenbrust in Limonensauce zu 11,80 Euro - all dies wird es bei der Deutschen Bahn auch künftig geben. Nach einigem Ärger mit der Kundschaft hat sich Bahnchef Hartmut Mehdorn dazu entschieden, die 170 bestehenden Speisewagen nun doch nicht aus dem Verkehr zu ziehen. Auch wenn sie dem Konzern jedes Jahr ein Minus in zweistelliger Millionenhöhe bescheren: Irgendwie, das hat nun auch die Bahn bemerkt, gehören die Bordrestaurants halt dazu.

"Wir haben die emotionale Bedeutung der Speisewagen für unsere Kunden unterschätzt", gibt der neue Personenverkehrs-Vorstand Karl-Friedrich Rausch zu. Dabei waren die Zahlen, die die Marketingleute der Bahn im vergangenen Jahr präsentierten, eigentlich ganz klar: Zwar ermittelte die Marktforschung, dass jeder zweite Fahrgast im Zug isst. Aber die meisten begnügen sich mit einer selbstgeschmierten Stulle oder decken sich am Bahnhof noch schnell mit Nahrungsmitteln ein. Den Speisewagen suchen von 100 Fahrgästen nur fünf auf. Und nur jeder hundertste bestellt tatsächlich ein Hauptgericht.

Die Landschaftsgenießer protestierten erfolgreich

Deshalb sollte es künftig nur noch 'Bord-Bistros' und sowohl in Erster als auch in Zweiter Klasse eine Bedienung am Platz durch "mobile Verkäufer" geben. In den 54 ICE-Zügen der dritten Generation wurde das neue Gastronomiekonzept bereits umgesetzt. Kosten für den Umbau: 400.000 Euro pro Waggon. Bis Ende 2005 sollten dann auch die restlichen rollenden Restaurants umgerüstet werden. Auf Dauer sollte es dort nur noch Stehtische und einzelne Sitzbänke geben, aber keine richtigen Stühle und Tische mehr.

Das neue Gastronomiekonzept rief jedoch ungeahnt viele Anhänger der Speisewagenkultur auf den Plan, die beim Essen liebend gern die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. "Wenn es etwas gibt, das die Bahn allen anderen Verkehrsmitteln voraus hat, dann ist es der Speisewagen", mahnte Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Immerhin haben die 'Waggon-Restaurants', wie sie früher einmal hießen, eine 130-jährige Tradition.

"Ort der Ruhe und Besinnung"

Der Fahrgastverband Pro Bahn ließ direkt an Mehdorn 25.000 Postkarten schicken, um den Speisewagen zu retten. Der Verkehrsclub Deutschland rief zum Boykott auf und verkaufte aus Protest Butterbrotdosen aus Edelstahl. Die Genießerbewegung Slow Food fürchtete gar um den "letzten Ort der Ruhe und Besinnung". Erfolg hatten die Proteste aber erst, nachdem es in Folge des gescheiterten Preissystems im Bahn-Vorstand einige Änderungen gab.

Der neue Personenverkehrs-Chef Rausch verspricht jetzt: "Wir werden keine weiteren Wagen umbauen." Auch in den ICE 3 soll es künftig die Möglichkeit geben, am Tisch zu essen. Darüber hinaus sollen die Kunden mit Sonderangeboten bewegt werden, in die rollenden Restaurants zu kommen. Insgesamt soll sich an den Preisen aber nichts ändern. "Die Speisewagen sind nicht teurer als vergleichbare Angebote", sagt Rausch.

Gerade für zahlungskräftige Kunden interessant

Dem neuen Management ist klar, dass mit der Bord-Versorgung nicht unbedingt Geld zu verdienen ist. Die Verluste sollen sich aber zumindest in Grenzen halten. Die Rückkehr zum alten Konzept brachte der Bahn erst einmal Lob ein. Die Gewerkschaft Transnet spricht von "mehr Kundenfreundlichkeit und Service". Pro-Bahn-Chef Karl-Dieter Naumann verweist darauf, dass gerade zahlungskräftige Kunden gern in den Speisewagen kommen. "Der Speisewagen gehört zum Bahnfahren eben dazu wie die Lokomotive zum Zug."

Christoph Sator DPA

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