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Zoff vor Gericht: Kondom-Krieg: Wie ein Startup für "multiple Orgasmen" kämpft

Die Gründer des Kondom-Start-ups "Einhorn" waren die Stars bei "Die Höhle der Löwen". Dabei steht das Unternehmen regelmäßig vor Gericht - wegen multipler Orgasmen, fairem Kautschuk und einer Zahnlücke. Heute kommt ein weiteres Urteil dazu.

Von Alica Müller

Demonstranten halten Schilder mit "Peace - Love - Orgasms" und "Mein Orgasmus gehört mir" hoch.

Über diese Demo musste sogar Konkurrent und Kläger Gothe schmunzeln. Ende August demonstrierte das Einhorn-Start-up gegen eine Orgasmus-Limitierung. 

Kondome kaufen ist nicht sexy. Sie stehen oft zwischen Damenbinden und Schwangerschaftstests versteckt, man legt sie ganz unten in den Einkaufskorb und hofft dann an der Kasse darauf, weder Verwandte noch Kollegen zu treffen. Ändern wollen das zwei Einhörner: Waldemar Zeiler und Philip Siefer, Gründer des Berliner Kondom-Start-ups "Einhorn". Sie tragen dichte braune Bärte und Hornbrille, ihr Produkt  sei fair, nachhaltig, vegan und cool designt  – die Gründer geizen nicht an den Adjektiven, die man in der Berliner Start-up-Szene gerne hört.

Der Zielgruppe gefällt das: Einhorn sammelte in drei Monaten mehr als 100.000 Euro ein. Der Erfolg der Marke schmeckt aber nicht jedem. Die Gründer sind in Rechtstreits verwickelt, bei denen selbst einer Barbara Salesch der Mund offen stünde. Am Donnerstag entscheidet nun das Düsseldorfer Landgericht über die Einhörner und ihre Werbeaussagen. es ist nicht das erste Verfahren vor Gericht für die Gründer


Ein Streit in vier Akten über fairen Latex, multiple Orgasmen und die Zahnlücke der künftigen Schwiegertochter eines Wirtschaftsanwalts.

1. Akt: "Der lügt!"

Die Einhörner starteten ihre Crowdfunding -Kampagne mit einem mutigen Versprechen. Sie wollen die ersten fair und nachhaltig produzierten Kondome der Welt vertreiben. Die ersten?

Offenbar nicht, denn das Werbeversprechen ruft eines der deutschen Kondom-Urgesteine auf den Plan: Oliver Gothe. Der Kölner war einer der Gründer von "condomi", dem ersten Kondom-Spezialgeschäft Deutschlands. Zwischenzeitlich setzte die Firma 370 Millionen Kondome im Jahr ab, expandierte in Europa. Dann aber stand das Unternehmen vor der Insolvenz, eine Übernahme durch Beate Uhse platzte. Heute verkauft Gothe unter anderem fair produzierte Kondome in seinem Shop "Fair Squared" – und genau da liegt das Problem. Ihm passt die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne von Einhorn gar nicht: Die Einhörner sind nicht die ersten, die fair produzieren, sagt er, "es gibt seit über fünf Jahren faire Kondome" – mit dem Versprechen täusche das Start-up seine Kunden.

Aber man kann es ja mal miteinander versuchen. Im Jahr vor der Crowdfunding-Kampagne trafen sich Gothe und Zeiler in Berlin, um über fairen Kautschuk zu sprechen. Gothe ist nämlich auch Vorsitzender des Vereins "Fair Rubber", der sich für die Arbeitsbedingungen in den Kautschuk-Produktionsländern einsetzt. Das ist der Zeitpunkt, an dem die beiden anfangen, sich konsequent gegenseitig vorzuwerfen: "Der lügt."

"Herr Zeiler war nicht gut vorbereitet und hat auch nie den Antrag bei Fair Rubber gestellt", sagt Gothe.

"Herr Gothe hat unmissverständlich klar gemacht, dass er keine Lust auf einen Wettbewerber habe", sagt Zeiler.

Ihm sei erklärt worden, dass man nur Mitglieder aufnehmen würde, die den Markt ausweiten. Außerdem sei man davon ausgegangen, Einhorn würde die Kondome von Gothe beziehen - was nicht der Fall ist. Aber man kann es ja auch noch ein weiteres Mal miteinander versuchen. Siefer und Gothe treffen sich erneut, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen.

Die Einhörner sagen, sie hätten Gothe Unternehmensanteile angeboten und wollten ihn als Berater ins Boot holen – Siefer: "Ich fand ihn auch extrem nett." Am Ende habe man sich geeinigt. Drei Tage später allerdings sei ein Brief von Gothes Anwalt gekommen – mit Forderungen in dreifacher Höhe, die die Einhörner ablehnten.

Gothe sagt: "Ich habe Herrn Siefer nie irgendetwas zugesagt."

Das war das letzte Mal, dass die beiden Unternehmen miteinander reden. Der Fall landete im März vor dem Kölner Landgericht. Dort ging es darum, wann ein Kondom fair ist.

Für Gothe garantieren das die Fair Rubber-Kriterien. Diese beinhalten einen Mindestabnahmepreis und einen Aufschlag von 50 Cent pro Kilogramm Kautschuk, die in die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter fließen sollen. Den Einhörnern ginge es außerdem gar nicht um fairen Handel – im Gegensatz zu ihm: "So wie ich Zeiler kenne, geht es ihm darum, eine Marke schnell aufzubauen und dann zu verkaufen."

Für die Einhörner ist es Quatsch, von Beginn an ein "Fair"-Siegel auf die Packung zu kleben. Auf die Frage, ob die Arbeiter auf den Plantagen ihres Produzenten sicher fair bezahlt werden, antwortet Siefer mit einem ehrlichen "Nein, noch nicht." Dafür will das Start-up mit "einer neuen Art von Charity" langfristig für eine transparente, bessere Produktion sorgen und 50 Prozent seiner Gewinne reinvestieren. Statt einfach mehr zu zahlen, wollen sie zum Beispiel Schulbildung für die Kinder der Arbeiter fördern.

Am Ende gab das Landgericht Gothes Klage statt, die Einhörner erhalten eine einstweilige Verfügung. Behaupten sie noch mal, die ersten fairen Kondome herzustellen, droht ihnen ein Ordnungsgeld.

2. Akt: Wie viele Orgasmen darf man haben?

Die Einhörner halten sich an diese Verfügung. Ihr Promo-Video laden sie in einer neuen Version hoch – darin wird das unzulässige Werbeversprechen von Pferdewiehern übertönt. Aber Oliver Gothe scheint immer noch nicht genug zu haben. Der wirklich skurrile Teil dieses Streits folgt im Sommer 2015. Die Einhörner sind in der Zwischenzeit in der "Höhle der Löwen" aufgetreten du verkaufen in Biomärkten und im eigenen Onlineshop ihre Kondome in Chipstüten. Auf der Rückseite derer: Eine Zutatenliste. "Eine Packung enthält sieben Kondome – das entspricht bis zu 21 Orgasmen." Und wie soll das gehen?

Die Einhörner sagen: Eine simple Rechnung: "Der Mann kommt einmal, die Frau bis zu zweimal."

Gothe sagt: "Jugendgefährdung, ein Schlag ins Gesicht der Aufklärungsarbeit." Die Aussage rege dazu an, Kondome mehrfach zu benutzen.

Glaubt man den Einhörnern, kannte Gothe den Spruch jedoch schon lange, bevor die Kondome in den Verkauf gehen.

Die sagen nämlich: Gothe hätte die Verpackungen schon längst gekannt. Bei einem Treffen in Köln habe man noch gemeinsam über den Prototyp gelacht.

Gothe sagt dazu: "Dass Herr Siefer sich an den Abend überhaupt erinnern kann, ist wunderlich. Der war ja haubendicht nach fünf Cocktails."

Dass er ein paar Bier getrunken hat, ist Siefer nicht peinlich. Dass ihre Kondome jugendgefährdend sind, wollten die Einhörner aber nicht auf sich sitzen lassen – und gingen auf die Straße. Unter dem Motto "Yes, we cum" protestierte das Unternehmen im August mit 200 Unterstützern vor dem Brandenburger Tor – mit Einhornkostümen und Plakaten wie "Nur ein Schwein kommt allein". Denn, so Siefer: "Treibt man es auf die Spitze, heißt die Verfügung, dass die Frau beim Sex mit einem Kondom keinen Orgasmus haben darf."

Gothe bereitet währenddessen seine gerichtlichen Schritte vor. Darin stützt er sich auf ein Gutachten der Aidshilfe NRW mit Sitz in Köln. Er selbst sitzt im Beirat der Aidshilfe Köln.

Anfang August erhielten die Einhörner eine einstweilige Verfügung - versprechen sie noch mal mehr als einen Orgasmus pro Kondom, müssen sie 250.000 Euro Strafe zahlen. Bei der Verhandlung waren weder sie noch Gothe anwesend, laut Siefer wurde die Verfügung "einfach so durchgewunken." Im Oktober wird weiter verhandelt.

Siefer reicht es jetzt. Die erste Klage habe er noch irgendwo verstehen können – "aber das ist für mich Wettbewerber klein halten."

Gothe widerspricht – ihm ginge es um den Verbraucherschutz, nicht darum, dass die Einhörner ihre Packungen zerstören müssen. "Die sollen den Satz einfach überkleben."

So ähnlich machten es die Einhörner dann auch – und riefen in einem Berliner Flüchtlingsheim an, in dem sie einige der Bewohner kennen. Die kamen dann mit ihren Freunden im Start-up-Büro vorbei und bekamen Filzstifte in die Hand gedrückt. Zusammen schwärzten sie 15.000 Kondompackungen in zwei Tagen.

3. Akt: Wie vegan können Kondome sein?

Viel besser kann man ein Urteil gegen sich eigentlich nicht in positive PR verwandeln. Oliver Gothe ist frustriert. Und er will weitermachen. Vor Gericht ziehen möchte er zwar nicht mehr – das ist ihm zu anstrengend. Dafür hat er aber schon den nächsten Fehler auf der Packung gefunden, mit dem er die Einhörner drankriegen will – nein, es ist nicht die Angabe, 30 Minuten Sex würden 350 Kalorien verbrennen.

Gothe geht es diesmal um die Aufschrift, die Einhorn-Produkte seien vegan. Einhorn verzichtet zwar auf die übliche tierische Zutat Casein, in der EU müssen Kondome aber auf jeden Fall an Tieren getestet werden. Das gilt somit auch für die Einhornkondome, auch wenn diese von der Tierschutzorganisation Peta zertifiziert wurden.

Die Einhörner sind langsam resigniert von seinen Angriffen: "Ein faires, nachhaltiges Unternehmen, was ein faires, nachhaltiges Unternehmen permanent abmahnt, ist für mich kein Signal in die richtige Richtung", sagt Siefer, "Wir kümmern uns ums Marketing, er sich um seine Anwälte."

Den Weg über den Anwalt scheint Gothe diesmal allerdings nicht zu gehen. Stattdessen bekommen die Einhörner Post von veganen Bloggern, denen von Gothes Mitarbeitern zugetragen wurde, die Einhorn-Kondome seien nicht vegan.

4. Akt: Ein verbotener Kussmund

Egal, wie es weitergeht: Die Stimmung zwischen dem Kölner und den Berlinern wird wohl frostig bleiben. Was diesem Drama jetzt noch fehlt: Eine weibliche Heldin. Doch auch die gibt es. Sie ist Model, ihr Name ist nicht bekannt. Was man jedoch über sie weiß: Sie hat wunderschöne Lippen. So schön, dass sie eine der ersten Verpackungen der Einhorn-Kondome zierten – ohne, dass das Model selbst davon wusste. Dieses hat aber eine so markante Zahnlücke, dass schon bald Freunde nachfragten, ob das nicht ihr Mund auf der Kondompackung sei.

Ein einfacher Anruf bei Einhorn klärte das Thema eigentlich. Wäre da nicht der künftige Schwiegervater des Models. Der ist laut der "Süddeutschen Zeitung" nämlich Wirtschaftsanwalt. In solchen Kreisen geht Kondomwerbung natürlich gar nicht. Und so zog das Model vor Gericht, laut der Zeitung von drei Top-Anwälten begleitet, um ihren Mund von der Packung zu bekommen. Die Richter vermittelten am Ende eine Einigung: Beide Seiten tragen ihre Kosten selbst, dafür wird die Zahnlücke auf den Packungen blickdicht überklebt. Die gibt es als "#forbiddenkiss"-Edition immer noch im Onlineshop zu kaufen.

Und die Moral von der Geschichte? Mit ausgeklügelten Marketing-Videos, Orgasmus-Demos und limitierten Kondom-Packungen schaffen es die Einhörner auch nach drei Gerichtsprozessen noch, Anschuldigungen in positive Öffentlichkeitsarbeit umzuwandeln. Nach der "Die Höhle der Löwen"-Folge mit ihnen verkauften sie 1000 Pakete in zwei Tagen und verhandeln mit Investoren. Offenbar stecken PR-Profis in den kuscheligen Einhorn-Kostümen. Dass noch weitere Klage auf sie zukommen, ist nicht ausgeschlossen  – zumindest die Packungsangabe "Kann Feenstaub enthalten" wirkt wie eine Einladung zu einem weiteren Kondom-Krieg vor Gericht. 

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