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Familienunternehmen: Jeder fünfte Schuh stammt heute von Deichmann

In 90 Jahren wurde Deichmann vom Schusterladen zu Europas größtem Schuhhändler: Mehr als 52 Millionen Paar Slipper, Pumps und Kinderschuhe will das Unternehmen allein in diesem Jahr hier zu Lande absetzten.

Jeder fünfte Schuh, der in Deutschland gekauft wird, stammt heute von Deichmann. Mehr als 52 Millionen Paar Slipper, Pumps und Kinderschuhe will das Unternehmen allein in diesem Jahr hier zu Lande absetzten. In nur 90 Jahren ist aus einer Schuhmacherei in Essen-Borbeck - im Herzen des Ruhrgebiets - Europas größter Schuhhändler geworden. Begonnen hatte alles 1913 als Heinrich Deichmann im Herzen des Ruhrgebietes seine Schuhmacherei eröffnete. Seine Spezialität: Arbeitsschuhe mit Stahlkappen und Knöchelschutz für die Bergarbeiter der aufstrebenden Kohlemetropole.

Tauschbörse für gebrauchte Schuhe

Doch wäre der Name Deichmann wohl nie über die Ruhrgebietsmetropole hinaus bekannt geworden ohne seinen Sohn Heinz-Horst Deichmann, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Firma übernimmt. Der kaum 20 Jahre alte Chef zeigt Kreativität. Er repariert nicht nur mit zwölf Mitarbeitern Schuhe. Er richtet in seinem Laden in der bitterarmen Nachkriegszeit auch eine Tauschbörse für gebrauchte Schuhe ein. Und weil es keine Ware zum Verkaufen gibt, lässt Deichmann aus Fallschirmgurten und Holzsohlen rund 30.000 preisgünstige Sandalen fertigen. Das Holz für die Sohlen stammt von Pappeln aus Nachbars Garten.

Erste Filiale am Studienplatz

Nebenbei studiert der junge Chef auch noch Medizin in Düsseldorf. Und nutzt die Gelegenheit, um dort die erste Deichmann-Filiale außerhalb von Essen zu eröffnen. Vor den Vorlesungen beliefert er die Düsseldorfer Verkaufsstelle mit Waren, abends nimmt er die Tageseinnahmen mit zurück.

"Gute Schuhe zum kleinen Preis"

Und das Deichmann-Konzept "Gute Schuhe zum kleinen Preis" kommt an. Zum 50-jährigen Bestehen der Firma 1963 gibt es 16 Filialen. 1980 sind es 200 Geschäfte, 1986 schon 300 und heute rund 1.000 Filialen allein in Deutschland. Hinzu kommen knapp 900 weitere Niederlassungen in den USA, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Dänemark, Polen, Ungarn und Tschechien.

Millionen für die Dritte Welt

Doch Heinz-Horst Deichmann baut nicht nur ein Schuhimperium auf. Fast nebenbei stampft der gläubige Christ auch noch ein Hilfswerk für die Dritte Welt aus dem Boden. Das von ihm jährlich mit fünf bis zehn Millionen Euro unterstützte Missionswerk "Wort & Tat" betreibt Schulen und Krankenhäuser in Indien und Tansania, hilft Lepra- und Tbc-Kranken, Slumkindern und Waisen. Die Hilfsorganisation gab durch eine Zuschuss in Millionenhöhe die Initialzündung für den Bau einer Wasserleitung für die südindische 100.000-Einwohner-Stadt Chilakaluripet. Jährlich erreichen die Hilfen nach Angaben der Organisation über 80.000 Menschen.

Firmenpatriarch mit großem Herzen

Wie hat er das geschafft? "Darüber habe ich nie nachgedacht. Das wachsende Unternehmen war ja auch notwendig um die wachsenden Bedürfnisse vor Ort zu befriedigen", sagt der Firmenpatriarch mit Blick auf die Hilfsorganisation. Erst im November war der 77-jährige mit seiner Frau wie jedes Jahr zu einer zweiwöchigen Reise in Indien, um die Projekte zu besuchen.

Familienbetrieb in der dritten Generation

Um die Tagesgeschäfte des Schuhimperiums kümmert sich unterdessen Sohn Heinrich Deichmann, der das Unternehmen in dritter Generation leitet. Und auch er hat noch große Pläne. Mittelfristig will Deichmann auch in der Türkei, Russland und China Fuß fassen. Allerdings macht es das Unternehmen auf seine eigene Art. "Wir expandieren in dem Maße, wie es unsere eigenen finanziellen Mittel zulassen", sagt Deichmann. Kreditaufnahme zur Finanzierung einer schnelleren Expansion lehnt das Unternehmen ab. "Wir sind ein inhabergeführtes Unternehmen, das zu 100 Prozent der Familie gehört und so soll es auch bleiben", heißt es.

Unternehmenswachstum kein Selbstzweck

Ohnehin ist das Wachstum für das christlich orientierte Familienunternehmen kein Selbstzweck. "Das Unternehmen muss den Menschen dienen", betont der Firmenpatriarch. Den Kunden mit guten Produkten, den Mitarbeitern mit guten Sozialleistungen und einem fairen Umgang, aber eben auch den Hilfsbedürftigen in aller Welt.

Erich Reimann / DPA