Anlage Wir machen Sie arm!


Mit Betrug und Manipulation bringen Manager und Börsenprofis in den USA, aber auch hierzulande die Aktien zum Einsturz. - Die Anleger sind die Dummen.

Martha Stewart ist reich, berühmt und auch mit 60 noch schön. Eine perfekte Hausfrau und die Verkörperung des amerikanischen Traums, dass es jeder schaffen kann. In unzähligen Fernsehsendungen zeigt sie der Nation, wie man die Wohnung dekoriert, wie man kocht und stilvoll isst oder den Garten herrichtet. Ihre Zeitschrift »Martha Stewart Living« verkauft sich 2,5 Millionen Mal. Fast 300 Millionen Dollar Umsatz im Jahr macht ihr Imperium. »Göttin des Guten« nannte sie der »US News and World Report«. Jetzt ist sie ein gefallener Engel. Wegen undurchsichtiger Aktiengeschäfte laufe sie Gefahr, »zum Aushängeschild für Gier und Arroganz zu werden«, schreibt ihr Biograf Christopher Byron.

Sicher, es geht um Kleingeld

im Vergleich zu den Riesensummen, welche die Bosse von Konzernen wie Worldcom oder Enron verschoben haben. Aber es ist Marthas Geschichte, die Amerikaner daran zweifeln lässt, dass im Kapitalismus made in America noch alles in Ordnung ist. Zwischen Weihnachten und Neujahr vergangenen Jahres machte die Karrierefrau einen schnellen Deal. Sie verkaufte für 227.000 Dollar Aktien der Biotech-Firma Imclone, deren Gründer Samuel D. Waksal ein alter Kumpel von ihr ist. Am Tag, als sie verkaufte, rief sie Waksal an. Da wusste der bereits, dass ein vermeintliches Wundermittel seiner Firma gegen Krebs von den Behörden nicht zugelassen werden würde. Einen Tag später wurde das Desaster bekannt - der Kurs stürzte ab. Nur für Martha nicht, die hatte schon verkauft. 43.000 Dollar rettete die Dame mit den feinen Manieren. Natürlich bestreitet sie, Insiderwissen gehabt zu haben.

Irritiert fragt sich eine ganze Nation

und längst auch die gesamte kapitalistische Welt: Wem kann man noch trauen? Erst waren es nur irgendwelche Internet-Desperados, die mit dem Geld der Anleger durchbrannten; dann gerieten Aktienanalysten wegen manipulierter Kaufempfehlungen in Verruf; dann die Chefs von Weltkonzernen, die getürkte Bilanzen vorlegten; schließlich die einst ehrbaren Wirtschaftsprüfer. Und jetzt Martha, das allgegenwärtige Vorbild für Stil und guten Geschmack. Der amerikanische Traum wird zum Albtraum. Vielleicht kann in den USA wirklich jeder aus eigener Kraft reich werden - am leichtesten offenbar, wenn er trickst und täuscht.

Die Folgen der Skandale

sind verheerend: Niemand traut mehr den Bilanzen von US-Konzernen, die Kurse brechen ein, der Dollar gleich mit. Allein die Vorgänge um den kollabierten US-Energieriesen Enron, so fürchtet Jeff Immelt, Chef von General Electric, haben der Wirtschaft mehr Schaden zugefügt als die Anschläge vom 11. September. Das Desaster geht jeden an. Nicht nur Aktionäre und Fondssparer sind betroffen, sondern auch die Kunden von Lebensversicherungen, deren Überschüsse zusammenschmelzen.

Von Amerika breitet sich die Krise über den Atlantik aus. Der deutsche Aktienindex Dax stürzte nach Bekanntwerden der Mauscheleien bei Worldcom unter 4.000 Punkte, so tief wie seit der Panik nach dem Kollaps des World Trade Center nicht mehr. Nur, diesmal herrscht keine Panik, sondern etwas weit Schlimmeres: der rationale und womöglich dauerhafte Vertrauensverlust der Anleger. »Der Glaube, dass wir das Schlimmste schon hinter uns haben, ist naiv«, fürchtet Stephen Roach, Chefökonom bei Morgan Stanley in New York. Hektisch basteln Regierungen und Aufsichtsbehörden an Plänen und Gesetzen, um den Schaden einzudämmen.

Irgendetwas, das dämmert

nun den einstigen Propheten des freien Spiels der Marktkräfte, ist furchtbar schief gelaufen. Vorbei die Zeiten, in denen Wirtschaftsbosse wie Popstars gefeiert wurden. Eine Bande von Tricksern hat die Wall Street in den Ground Zero der amerikanischen Moral verwandelt. Ein Trümmerfeld für die Grundsätze ehrbarer Kaufleute. Die Euphorie an den Märkten Ende der neunziger Jahre hat die Maßstäbe verschoben. Damals galt kreative Buchführung als Ausdruck besonderer Pfiffigkeit. Als die ersten Pleiten kamen, die ersten Vorstandschefs mit voll gestopften Taschen Ruinen zurückließen - da waren es halt ein paar schwarze Schafe. In Deutschland etwa endeten die Geschäfte des einstigen »World Entrepreneur of the Year«, Peter Kabel, mit der Zwangsversteigerung der Büromöbel von Kabel New Media. Strahlemann Thomas Haffa vom abgestürzten Wunderunternehmen EM.TV muss sich bald vor Gericht verantworten.

Einzelfälle? Spätestens seit

der vergangenen Woche mag daran niemand mehr glauben: Der US-Telefonkonzern Worldcom musste eingestehen, den Gewinn um 3,8 Milliarden Dollar aufgeblasen zu haben. Der Trick war nicht einmal besonders raffiniert. »Eine fürchterlich simple Machart«, entrüsten sich Experten wie der Würzburger Bilanzprofessor Rudi Lenz. Kosten für die Nutzung der Telefonleitungen anderer Gesellschaften wurden nicht als laufende Ausgaben verbucht, sondern als Investitionen. Das ist so, als würde ein Handwerker versuchen, seine Spritrechnungen als Autokauf zu tarnen und dann die Kosten über Jahre abzuschreiben. Über Nacht wurde aus dem Helden Bernie Ebbers, der es vom Milchmann und Basketballtrainer zum Boss des Weltkonzerns Worldcom gebracht hatte, ein Trickbetrüger. Die meisten seiner rund 80.000 Angestellten können sich wohl einen neuen Job suchen - und müssen noch mal über ihre Rente nachdenken: Die Aktien, auf die viele ihre Altersversorgung stützten, sind praktisch wertlos.

Bernie Ebbers und Martha Stewart

könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Martha wurde schon vor 40 Jahren als bestangezogenes College-Girl ausgezeichnet. Der bullige Telefon-Tycoon trägt Cowboystiefel zum offenen Hemd. Wenn er zu Hause in Jackson, Mississippi, mit Freunden bei Frank's World Famous Biscuits aß, war er stets der am schlechtesten gekleidete Mann in der Runde. Auch für Ausflüge ins feine New York zog er sich nie um. Trotzdem lagen ihm die Jungs an der Wall Street zu Füßen: Worldcom, der Laden, den er vor 20 Jahren bei einem Abendessen mit ein paar Kumpels erfunden hatte, war zeitweise mehr wert als McDonald's, Boeing und Gillette zusammen. Bernie kaufte alles. Allein für den Telefonriesen MCI zahlte er 37 Milliarden Dollar. Rund 75 Firmen schluckte er. Seine Yacht hieß »Aquasition« - ein Wortspiel aus Aqua und Akquisition. Als es bergab ging, im März, tobte er auf einer Betriebsversammlung, die Mitarbeiter würden Teebeutel klauen. Irgendwann scheint Mr Ebbers den Bezug zur Realität verloren zu haben. Leute wie Ebbers meinte der frühere Chef der US-Börsenaufsicht Arthur Levitt, als er die »Vergötterung der Industriekapitäne« als eine Ursache für den »Zusammenbruch des ethischen Verhaltens in der Geschäftswelt« ausmachte. Ein »moralisches Krebsgeschwür« wuchere da.

Fast täglich werden neue Metastasen entdeckt. Xerox etwa, der berühmte Bürogerätehersteller, trickste seinen Umsatz in den vergangenen Jahren um mindestens drei Milliarden Dollar nach oben. Vielleicht waren es auch mehr als sechs Milliarden. So genau mag sich da im Moment keiner festlegen. John Rigas, Sohn griechischer Einwanderer, baute eines der größten Kabelnetze der USA auf - um seine Firma Adelphia Communications dann offenbar hemmungslos auszuplündern. Zum Beispiel durch Firmenkredite an Verwandte. Energieunternehmen gaukelten den Anlegern hohe Umsätze vor, indem sie untereinander Scheingeschäfte abschlossen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Allein im ersten Quartal des Jahres wurden in den USA 64 Verfahren wegen Bilanzmanipulationen eröffnet. Die Deutschen haben wenig Grund, nun mit dem Finger auf ihre einstigen Vorbilder in den USA zu zeigen: Bankgesellschaft Berlin, Cargolifter, Infomatec, Phenomedia, Flowtex - auch hierzulande verdrängten kreative und manchmal kriminelle Bilanzstrategen die biederen Buchhalter.

Der Primärtumor

aber wuchs in Houston, Texas. Im ovalen Büroturm des Energiehändlers Enron, der der amerikanischen Krankheit ihren Namen gab: »Enronitis«. »Ich glaube an Gott und die freien Märkte«, lautete das Credo des früheren Konzernchefs Kenneth Lay. In Werbespots verglich Enron sein Engagement für einen zügellosen Kapitalismus, der Freiheit und Kreativität zum Durchbruch verhelfen sollte, mit der Unabhängigkeitsbewegung des Inders Mahatma Gandhi und dem Kampf der US-Bürgerrechtsbewegung. Wie kein anderes Unternehmen kaufte sich Enron mit Spenden und anderen Wohltaten für Politiker Macht und Einfluss in Washington. Bill Clinton spielte mit Lay Golf. George W. Bush erhielt Hunderttausende Dollar für seine Wahlkampagne, durfte Enron-Flugzeuge benutzen - und die Firma konnte bei der Auswahl des Chefs ihrer eigenen Aufsichtsbehörde mitreden.

Für die Starken war Enron

ein Paradies. Für die Schwachen die Hölle. Alle sechs Monate bewerteten die Chefs die Leistung der Mitarbeiter; die schwächsten zehn Prozent flogen raus. Wer überlebte, durfte hoffen, reich zu werden. Wenn auch nicht ganz so reich wie der Boss. Lay strich allein im Jahr 2000 durch Aktienoptionen 123 Millionen Dollar ein. Ihm kann es egal sein, dass durch die Enron-Pleite die Ex-Angestellten rund 1,2 Milliarden Dollar an Pensionsgeldern verloren. Angetrieben wurde das Wachstum bei Enron mit einem perfiden Kunstgriff. Die Gesellschaft gründete Firmen, von denen sie dann einige Prozent der Anteile an gute Freunde verkaufte, sodass sie nicht mehr in der eigenen Bilanz auftauchen mussten. In diesem Schattenreich aus Tausenden von Partnerunternehmen ließen sich die gigantischen Schulden verstecken, während der eigene Aktienkurs weiter in die Höhe schoss. Mit Hilfe guter Freunde hat das lange funktioniert. Daniel Scotto, ein ehemaliger Staranalyst der Bank BNP Paribas in New York, erinnert sich: Expertisen über Enron sollten dem Unternehmen vor der Veröffentlichung vorgelegt werden. »Ich bin unter Druck gesetzt worden, die Unternehmen positiver darzustellen, als sie waren«, sagt er. Der Analyst Richard Gross von Lehman Brothers empfahl die Enron-Aktie noch Anfang 2002 bei einem Kurs von 38 Cent dringend zum Kauf. Kaufen, kaufen, kaufen. Diesen Tipp gab Gross ununterbrochen seit Januar 2001 - da war das Papier noch 81 Dollar wert.

Das Finanzhaus Merrill Lynch

musste 100 Millionen Dollar Strafe zahlen, weil Superanalyst Henry Blodget und Kollegen Aktien, die sie zum Kauf empfahlen, in internen Mails als »Mist« und »Müll« bezeichneten. Enrons Wirtschaftsprüfer - das Traditionshaus Arthur Andersen, dessen fast 90-jährige Geschichte nun wohl zu Ende geht - wurde wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Dicke Aktenstöße hatten die ehrbaren Prüfer in den Reißwolf gejagt, damit sie nicht den Ermittlern in die Hände fallen. Auch für das Wohlwollen der Wirtschaftsprüfer gab es gute Gründe: Ihre Firma kassierte von Enron nicht nur Honorar für das Abnicken der Bilanzen, sondern auch als Berater.

Erst zwei Jahre ist es her, dass New-Economy-Helden wie der ostdeutsche Intershop-Gründer Stephan Schambach ihren Fans Autogramme gaben. Aber nichts ist mehr, wie es war. Gier gilt nicht mehr als gemeinnütziger Antrieb für unternehmerische Großtaten. Anstand und Moral haben zumindest in Sonntagsreden Konjunktur. Überall werden Pläne geschmiedet, wie man den entfesselten Raubtierkapitalismus wieder an die Kette legen kann. In Deutschland trat diese Woche das so genannte Vierte Finanzmarktförderungsgesetz in Kraft. Es soll mehr Transparenz bei Aktiengeschäften von Firmeninsidern bringen, Interessenkonflikte von Analysten offen legen und dafür sorgen, dass Preismanipulationen besser verfolgt werden können. Aus den USA kommen täglich neue Vorschläge, um die Zahlenfälscher zu stoppen. Etwa von Harvey Pitt, dem Chef der Börsenaufsicht, der die Bosse der großen Firmen aufforderte, die Bilanzen persönlich zu unterschreiben.

Doch neue Gesetze

sind nur ein Teil der Lösung. Auch das Klima, das in den Boomjahren entstanden ist, muss verändert werden. Damals wie heute galt es als selbstverständlich, Manager über Aktienoptionen an der Kursentwicklung zu beteiligen - was sie dazu brachte, ihr ganzes Streben auf ein Ziel zu konzentrieren: Sie müssen in der Bilanz Gewinne ausweisen und - fast noch wichtiger - glaubwürdig versprechen, diesen Gewinn immer weiter und schneller zu steigern. Wer das nicht schaffte, riskierte seinen Job. Das persönliche Gewinnstreben der Macher, so dachten viele, treibt letztlich die ganze Wirtschaft an. Ganz falsch ist das auch heute nicht. Aber wenn dabei die Ehrlichkeit auf der Strecke bleibt, ist das nicht nur ein moralisches Problem: Weil sich Investoren zurückziehen, wenn das Vertrauen schwindet. Das ist brandgefährlich, besonders für die USA - und damit für alle Volkswirtschaften in ihrem Schlepptau. Allein im ersten Quartal 2002 haben die Amerikaner für 112 Milliarden Dollar mehr Waren ein- als ausgeführt. Das kann auf Dauer nur funktionieren, wenn die Märkte unentwegt frisches Kapital aus dem Ausland anlocken. Aber wer gibt sein Geld schon mutmaßlichen Betrügern?

Es ist die schwerste Krise

des globalen Kapitalismus seit der Großen Depression vor 70 Jahren. Das Ex-Model Martha Stewart, das bescheidene 43000 Dollar einsteckte, sieht jetzt einmal mehr ihr hübsches Gesicht auf zahllosen Zeitungsseiten: Diesmal als Beleg dafür, dass skrupellose Gier am Ende den Ruin bedeuten kann - für Glaubwürdigkeit, aber auch für Konzerne und Märkte, die lange als unverwundbar galten.

Stefan Schmitz

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