HOME

Zähmt die Banker, Teil 4: Lachend aus der Krise

Sie sind die Gesichter der Rezession: Banker wie Richard Fuld und Josef Ackermann. Dabei ist egal, ob ihre Institute wieder satte Gewinne machen oder bereits pleite sind - persönlich stehen fast alle toll da.

Von Christoph Schäfer

Stellen Sie sich vor, Sie bauen in Ihrer Firma Mist. Richtig viel Mist. So viel, dass das Unternehmen deshalb vor dem Kollaps steht. Was wird passieren? Wenn Sie normaler Arbeitnehmer sind, werden Sie gefeuert. Sie bekommen ein Zeugnis, womit Sie so schnell keinen anderen Job finden werden. Eine Abfindung gibt's nicht. Sie sind ruiniert.

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Sie an höchster Stelle im Bankgewerbe arbeiten. Dann haben Sie nichts zu befürchten. Durch ihren Handel mit hochkomplizierten und äußerst riskanten Finanzprodukten brachten die Bosse des Kreditgewerbes die Welt im Herbst 2008 zwar an den Abgrund. In fast allen Ländern der Welt explodieren seitdem die Staatsschulden und die Arbeitslosigkeit, Millionen Menschen haben ihre Existenzgrundlage verloren. Doch den Verursachern der Krise kann es egal sein. Fast eineinhalb Jahre nach Ausbruch der größten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg stehen sie fast alle wieder königlich da:

Ein Gorilla mit Villa.
Beispielsweise Richard Fuld. Der bullige Haudrauf mit dem Spitznamen "Gorilla" gilt als größter Skandalbanker unserer Zeit. Arrogant und unbelehrbar redete der einstige Chef der Investmentbank Lehman Brothers die Lage seines Instituts schön. Er weigerte sich, Kapital aufzunehmen, als er es auf den Märkten noch bekommen hätte - und besiegelte so das Aus der viertgrößten Investmentbank der USA.

Fuld, der Fleisch gewordene Inbegriff des Versagens, der seine Gegner einst "zerquetschen" wollte, lebt heute mit seiner Frau zurückgezogen in einer Villa in Greenwich (Connecticut). Einer Reporterin der Agentur Reuters, die ihn in seinem Ferienhaus in Ketchum (Bundesstaat Idaho) traf, klagte er angeblich wie folgt sein Leid: "Wissen Sie, die Leute reden jede Menge Unfug. Es ist eine Schande, dass sie die Wahrheit nicht wissen, aber von mir werden sie sie nicht erfahren."

Laut "Süddeutscher Zeitung" ist Fuld auch nach der Pleite seines Instituts kein armer Mann. Im August verkaufte er seine Eigentumswohnung in Manhatten für fast 26 Millionen Dollar. Sein Anwesen auf Jupiter Island in Florida gab er hingegen günstiger ab: Die 13-Millionen-Dollar-Immobilie ging für zehn Dollar an seine Frau - damit das Objekt im Fall erfolgreicher Schadenersatzklagen vor Gläubigern geschützt ist.

Der schwer erreichbare Meister
Auch James Cayne geht es noch immer glänzend. Als seine traditionsreiche Investmentbank in der größten Krise ihrer Geschichte steckte, nahm der langjährige Chef der Investmentbank Bear Stearns an einem Bridge-Turnier in Nashville teil. Doch auch in höchster Not war der mehrfache amerikanische Meister für seine Leute nicht erreichbar - weder per Telefon noch per Mail. Sein Institut wurde in einer Notaktion an die Großbank J.P. Morgan Chase verkauft, 9000 seiner 14.000 Angestellten wurden arbeitslos.

Der Chef selbst ist nach wie vor weich gebettet: Seine Bear-Aktien, die einst eine Milliarde Dollar wert waren, konnte er laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) für immerhin 61 Millionen Dollar verkaufen.

Goldener Handschlag für den Milliarden-Vernichter
Einen unfassbar sanften Abgang genoss auch Stan O'Neal. Der Ex-Chef der Investmentbank Merrill Lynch geriet mit seinem Institut in den Strudel der Immobilienkrise. Ende Oktober 2007 wurde er entlassen, nachdem er in der Bilanz mehr als 23 Milliarden Dollar abschreiben musste. Merril Lynch, einst eine der weltweit führenden unabhängigen Investmentbanken, musste zum Schleuderpreis an die Bank of America verkauft werden.

O'Neal hingegen ging mit einem goldenen Handschlag. Für seine "Verdienste" erhielt er eine der höchsten Abfindungen in der Geschichte der Wall Street: 161,5 Millionen Dollar! Gebraucht hätte der Banker das Geld übrigens nicht: Laut "New York Times" hatte O'Neal bereits in den fünf Jahren vor seinem Rauswurf mehr als 70 Millionen Dollar verdient.

Ruinator ohne schlechtes Gewissen
Bescheidenheit und Einsicht fehlt indes auch den Bankchefs in Deutschland. Hierfür ist Georg Funke ein hervorragendes Beispiel. Der Ex-Chef des maroden Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) fuhr sein Institut mit Karacho an die Wand. Insgesamt mussten die deutschen Steuerzahler mehr als 100 Milliarden Euro berappen, um das Bankhaus zu retten und damit einen Kollaps des wichtigen Pfandbriefmarkts zu verhindern. Die Aktionäre der HRE verloren nahezu ihren gesamten Einsatz. Als das Institut im Oktober 2009 verstaatlicht wurde, erhielten sie für ihre Anteilsscheine fast nichts mehr.

Nachdem ihn der damalige Finanzminister Peer Steinbrück öffentlich zum Rücktritt aufgefordert hatte, trat Funke im Oktober 2008 widerwillig zurück. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob er als Institutschef seine Sorgfaltspflichten verletzt hat. Zumindest in der Öffentlichkeit gilt er schon jetzt als Hauptverantwortlicher des Desasters.

Der Ex-Bankier hat trotzdem kein schlechtes Gewissen: Vor Gericht fordert er von seinem ehemaligen Arbeitgeber derzeit alle ausstehenden Gehälter bis 2013 ein - bis dahin laufe sein Vertrag. Bei der Klage geht es um mindestens 3,5 Millionen Euro. Sollte Funke damit durchkommen, dürfen wieder die Steuerzahler blechen - schließlich ist die die Bank jetzt Staatseigentum.

Millionenprämie für den Restrukturierer
Als schlechtes Beispiel für Bescheidenheit dient auch HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher. Als er noch Finanzvorstand der HSH war, nickte er die verlustreichen Geschäfte der Landesbank zumindest mit ab, die das Institut an den Abgrund führten. Gerettet wurde es nur durch Milliarden-Zusagen der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein.

Dirk Jens Nonnenmacher ist diese Vorgeschichte egal. Der Mathematikprofessor erkämpfte sich im Sommer vergangenen Jahres von den staatlichen Eigentümern einen "Halte-Bonus" von 2,9 Millionen Euro. Finanzminister Steinbrück tobte: "Da kann einem schon der Kragen platzen!" Er finde es "unglaublich, dass sich manche Manager ihre Taschen mit dem Geld der Steuerzahler füllen. Ohne staatliche Hilfen in Milliardenhöhe gäbe es seine Bank heute nicht mehr." Nonnenmacher selbst streitet das zwar nicht ab, ist sich aber dennoch keiner Schuld bewusst. In einem Interview mit der FAZ stempelt er die Diskussion über sein Gehalt als "nicht offen und ehrlich" ab - schließlich sei die Prämie die verdiente Gegenleistung für seinen "Feuerwehrjob mit extremer Belastung".

Der wandelbare Turbokapitalist
Aus dem Büßergewand ist auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann längst gestiegen. Noch im März 2008 flehte Deutschlands berühmtester Turbokapitalist nach Steuergeldern: "Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte", sagte er auf einer Podiumsdiskussion. Der Staat müsse helfen.

Und der Staat hat geholfen. Allein Deutschland stattete seinen Bankenrettungsfonds Soffin mit 500 Milliarden Euro aus, um den Banken über die Krise hinwegzuhelfen. Weitere 1,5 Billionen Dollar pumpten die 20 größten Industrienationen der Erde in ihre Volkswirtschaften, um das Ende der Krise herbeizukaufen.

Nun, wo der Aufschwang langsam an Fahrt gewinnt, schwenkt Ackermann auf seine alten Positionen zurück. Die Strafsteuer auf exorbitante Boni in London findet er "unfair". Einkommensgrenzen für Investmentbanker unsinnig, strengere Regeln für den Finanzmarkt "naiv", 25 Prozent Eigenkapitalrendite "kein maßloses Ziel". Auch beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos warnte er davor, die Banken zu stark zu reglementieren.

Zu Gute halten muss man Ackermann, dass die Deutsche Bank unter seiner Führung durchweg ohne staatliche Hilfen auskam. Einige der wichtigsten Kriseninstrumente der Regierung gehen auf seine Ideen zurück. Und sein Institut schreibt wieder fette Gewinne: An diesem Donnerstag konnte Ackermann verkünden, dass die Deutsche Bank im vergangenen Jahr fünf Milliarden Euro verdiente. Für 2011 plant Ackermann sogar einen Vorsteuergewinn von zehn Milliarden Euro.

Zur Belohnung gibt es wieder satte Boni. Als ob keine Lehren aus der Krise gezogen wurden, heißt es in dem Geschäftsbericht: "Die variable Vergütung stieg infolge des verbesserten operativen Ergebnisses." Auch Ackermann selbst dürfte wieder prima verdient haben. Weil er 2008 auf seine Boni verzichtet hatte, nahm Ackermann vor zwei jahren nur" 1,4 Millionen Euro ein. Dass er auch 2009 verzichtet hat, davon ist nichts bekannt.