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Finanzkrise: Soll ich jetzt kaufen?

Milliardenschwere Verluste bei der Deutschen Bank und der Schweizer UBS sind nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die US-Finanzkrise vor unserer Haustür angelangt ist. stern.de hat Finanzexperten gefragt, was Kleinanleger jetzt tun sollten - und was besser nicht.

Wie ernst die US-Finanzkrise wirklich ist, zeigte ein Krisentreffen am späten Montagabend: Da trafen sich US-Präsident George W. Bush, Notenbankpräsident Ben Bernanke, Finanzminister Henry Paulson und der New Yorker Börsenchef Christopher Cox in Washington, um gemeinsam über die angespannte Lage zu beraten. Nach dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns an JP Morgan Chase wächst in den USA die Sorge vor weiteren Bankenzusammenbrüchen. Alles ganz weit weg? Keine Auswirkungen auf deutsche Kleinanleger? Das sicher nicht. Denn in Zeiten der Globalisierung sind vor allem die Finanzmärkte vernetzt. Dennoch gibt es keinen Grund zur Panik. stern.de hat Anlageprofis befragt, was Kleinanleger jetzt tun sollten - und was besser nicht.

Karin Spitra mit AP

Ist mein Sparguthaben noch sicher?

Eindeutig ja! Seit 1998 sind alle Kreditinstitute in der EU Mitglied in der gesetzlichen Entschädigungseinrichtung und müssen Beiträge in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Im Pleitefall erhalten die Kunden daraus 90 Prozent ihrer Einlagen zurück, maximal 20.000 Euro. Deshalb sind in Deutschland alle Spareinlagen bis 20.000 Euro durch die Einlagensicherung gestützt. Bei den deutschen Privatbanken gibt es zusätzlich den Einlagensicherungsfonds. Der Einlagensicherungsfonds schützt alle "Nichtbankeneinlagen", also die Guthaben von Privatpersonen, Wirtschaftsunternehmen und öffentlichen Stellen bei den privaten Banken. Geschützt werden die Sicht-, Termin- und Spareinlagen einschließlich auf den Namen lautender Sparbriefe. Verbindlichkeiten, über die eine Bank Inhaberpapiere ausgestellt hat, wie z.B. Inhaberschuldverschreibungen, werden hingegen nicht gesichert.

Die Sparkassen sowie Genossenschaftsbanken haben ihre eigenen Sicherungseinrichtungen und stehen zudem in Krisenfällen füreinander ein. Sprecher Andre Gruner erläutert das am Beispiel der Hamburger Sparkasse (Haspa): "Bei den Sparkassen sind Kundeneinlagen unbegrenzt gesichert. Die Gesamtheit der deutschen Sparkassen schützt den Bestand eines jeden Instituts. Das bedeutet: Selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass einmal eine Sparkasse in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sollte, stehen über 440 andere Sparkassen unbegrenzt ein, um die Einlagen der Kunden zu sichern."

Die Finanzkrise ist sogar für eine positive Auswirkung gut: Laut Bankenverband gibt es derzeit durchaus lukrative Angebote für kurzfristige Einlagen. Der Grund ist, dass es für die Banken zum Teil günstiger ist, sich Geld über diesen Weg zu besorgen. So können Verbraucher etwa von günstigen Tagesgeld-Konditionen profitieren.

Werden die Indizes - wie der Dax - weiter abstürzen?

Der Tiefpunkt an den Aktienmärkten sei noch lange nicht erreicht, glaubt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): "Der Markt ist extrem nervös." Zwar werde es in nächster Zeit immer wieder Gegenbewegungen und Kursgewinne geben. "Aber sobald es schlechte Nachrichten aus dem Investmentbereich gibt oder sogar der ein oder andere Hedge Fonds ins Straucheln gerät, geht es wieder abwärts."

Vorsichtig optimistisch bewertet Hans-Werner Martin, Sprecher der Union Investment, die künftige Entwicklung: "Wir sehen auf Sicht von 12 Monaten an den internationalen Börsen Potenzial für steigende Kurse. Kurzfristig sind die Finanzmärkte weiterhin durch die Bankenkrise und Rezessionsängste verunsichert. Längerfristig sollten sich allerdings verstärkt fundamentale Faktoren wie die Bewertung und eine attraktive Dividendenrendite durchsetzen."

Soll ich meine Aktien jetzt verkaufen?

"Wenn man längerfristig orientiert ist, lohnt es sich nicht, jetzt zu verkaufen - es sei denn, man kann irgendwo noch Gewinne mitnehmen", sagt Jürgen Kurz von der DSW.

Den Inhabern von Indexzertifikaten raten die Analysten der Fondsgesellschaft Union Investmet zu Geduld - und keinem überstürzten Verkauf: "Ein Verkauf hängt primär von der Risikobereitschaft und dem Zeithorizont des Anlegers ab. Nur der sehr sicherheitsorientierte Anleger sollte vorübergehend aufgrund der Kreditkrise seine Anlagen risikoarm parken."

Gibt es Anlagechancen trotz der Krise?

"Wir gehen davon aus, dass die Märkte unsicher bleiben und uns kein einfaches Aktienjahr bevorsteht", sagt Markus Temme von der Union Investment. "Wir erwarten aber, dass die Märkte zum Jahresende wieder nach oben zeigen. Insofern sollten Verbraucher die aktuellen Kursrückschläge nutzen und kaufen - auch, um sich auf die Einführung der Abgeltungssteuer vorzubereiten." Allerdings sollten Anleger nicht gleich die ganze zur Verfügung stehende Summe investieren.

Oder soll ich antizyklisch denken und jetzt in den Aktienmarkt einsteigen?

Eine prima Idee, findet Jürgen Kurz. Wer es sich leisten kann, sollte tatsächlich über einen Einstieg in den Aktienmarkt nachdenken, denn "jetzt sind auch Papiere großer Unternehmen billig zu haben, die selbst gar nicht in der Krise stecken."

Deutlich vorsichtiger urteilt das Annemarie Schlüter, Analystin der Hamburger Sparkasse: "Anleger sollten derzeit noch nicht auf breiter Front einsteigen. Wir gehen davon aus, dass die unübersichtliche Situation und damit die ausgeprägten Schwankungen an den Aktienmärkten zunächst anhalten werden." Vor diesem Hintergrund stellen laut Schlüter so genannte Discountzertifikate für risikofreudige Anleger eine Option dar, da sie aufgrund ihrer Konzeption von den momentan volatilen Kursen profitieren. "Sofern Investoren über einen längerfristigen Anlagehorizont verfügen, bieten themenbezogene Investments, zum Beispiel in Agrarrohstoffe oder Infrastruktur, derzeit eine gute Einstiegsgelegenheit", so die Analystin.

Auch Union-Investment-Sprecher Hans-Werner Martin bleibt vorsichtig: "Die Börsen werden weiterhin von Unsicherheit geprägt sein. Aber durch die Kursrückgänge in diesem Jahr sind Aktien wieder günstiger bewertet und damit für langfristige Investoren mit Blick auf eine Lösung der derzeitigen Liquiditätskrise attraktiv." Seiner Meinung nach würden die Maßnahmen der US-Zentralbank Fed allerdings Zeit benötigen, um die gewünschte Stabilisierung zu erzielen. "Daher sollten langfristig orientierte Anleger noch etwas abwarten, dann Kursrückschläge sukzessive nutzen, um Aktienpositionen auf- oder auszubauen - auch wenn dieses antizyklische Handeln psychologisch schwerfällt", so Martin.

Gibt es noch eine hohe Rendite bei niedrigem Risiko?

Wenn ja, wäre das die Lizenz zum Gelddrucken. "Immer noch gilt: Je höher die Rendite, desto höher das Risiko", sagt DSW-Experte Kurz. Er empfiehlt, jetzt dividendenstarke Werte zu kaufen: "Also etwa Papiere aus der Energie- oder Lebensmittelbranche. Die haben die letzten zehn, 15 Jahre gut funktioniert haben und sind gegen zyklische Entwicklungen relativ resistent." Andere Branchen wie etwa der Maschinenbau seien dagegen in hohem Maße von der Konjunktur abhängig: "Solche Unternehmen werden bei einem Abschwung als erste mitgerissen."

Sind deutsche Aktien sicherer als internationale Papiere?

Annemarie Schlüter, Analystin der Hamburger Sparkasse, sieht keinen Grund zur Sorge: "Bei den deutschen Unternehmenswerten haben wir - wenn man von Ausnahmen wie der Gewinnwarnung bei Siemens absieht - nach wie vor eine sehr gute Basis. Die Unternehmen sind gut positioniert und habe eine hohe Selbstfinanzierungskraft."

Dennoch werden bei globalen Finanzkrisen auch diese Papiere oft im Mitleidenschaft gezogen. "Wir sprechen von einem Lawinen- oder Domino-Effekt", erklärt Kurz. "Wenn Banken in Schwierigkeiten geraten und sich nur noch mit hohen Zinsen refinanzieren können, werden sie bei der Kreditvergabe restriktiv." Und dies treffe dann auch die Realwirtschaft: "Insofern kann man sagen, dass alle Unternehmen indirekt mit dem Finanzmarkt zu tun haben."

Hans-Werner Martin von der Fondsgesellschaft Union Investment ist gegen eine generelle Aussage: "Sowohl deutsche, wie internationale Unternehmen platzieren ihre Waren und Dienstleitungen am Weltmarkt und sind somit ähnlich von konjunkturellen Entwicklungen betroffen. Zusätzlich zu berücksichtigen ist die Wechselkursentwicklung." Laut Martin hätte die deutsche Wirtschaft aber bisher sowohl die Euro-Aufwertung, wie auch die Rezessionserwartungen in den USA vergleichsweise gut überstanden. "Letztlich muss jedoch der Einzelfall geprüft werden", so der Analyst.

Was soll ich als Investor in Geldmarktfonds tun?

"Geldmarktfonds werden in nächster Zeit wohl kaum gute Renditen abwerfen. Die Chance, dass man mit diesen Fonds richtig Geld macht, ist ziemlich gering", sagt Kurz. "Aus diesem Grund kann es sich lohnen, das Geld aus Geldmarktfonds rauszuholen."

Eine andere Strategie empfiehlt die Union Investment: "Es macht insbesondere für den risikoscheue Anleger Sinn, in den kommenden Wochen Anlagen in Geldmarktfonds kurzfristig zu parken, da die Kreditkriste eine Reihe von Unsicherheiten mit sich bringt. Die Renditen am Geldmarkt sind recht attraktiv", so Martin.

Steigen die Zinsen für Baukredite?

"Eine klare Antwort ist nicht möglich", sagt Stefan Speicher vom Baufinanzierer Schwäbisch-Hall. "Tendenziell beobachten wir natürlich ein leicht steigendes Zinsniveau."

Werden jetzt die Hürden für Baukredite höher?

Eine klare Prognose, ob es für Häuslebauer schwieriger wird, an Baugeld heran zu kommen, gibt es nicht: "Das ist im Moment nicht erkennbar", heißt es bei der Schwäbisch-Hall. Wer 25 bis 30 Prozent Eigenkapital mitbringe, habe keine Schwierigkeit, einen Baukredit zu bekommen.