HOME

Fünf Jahre Euro: Im Portemonnaie - aber nicht im Herzen

Fünf Jahre nach der Euro-Bargeldeinführung zieht die EU eine positive Bilanz. Die Gemeinschaftswährung für über 300 Millionen Menschen vom Polarkreis bis zum Mittelmeer hat sich bewährt. Aber geliebt wird sie nicht.

Der Euro ist ein europäisches Erfolgsprojekt und sorgt als Gemeinschaftswährung für Stabilität. Die Inflation ist trotz hoher Öl- und Benzinpreise im Griff. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat international einen guten Ruf und bewahrte sich ihre Unabhängigkeit in der Geldpolitik. Aber so richtige Euphorie kommt zum Jubiläum am 1. Januar 2007 nicht auf. Da sind zunächst die Verbraucher. Sie hadern vielfach noch mit dem - gar nicht mehr so - neuen Geld. Eine aktuelle, repräsentative EU-Umfrage zeigt, dass viele Menschen in Deutschland immer noch der guten alten D-Mark hintertrauern.

Deutsche führen beim Angst-Sparen

So hat über ein Drittel der Befragten Schwierigkeiten, mit den Euro- und Cent-Münzen überhaupt umzugehen. Das ist ein europäischer Spitzenwert. Zwei Fünftel sparen im Vergleich zu früher - aus Angst, mit der neuen Währung zu viel vom Monatsbudget auszugeben. Auch beim Angst-Sparen führen die Deutschen - gemeinsam mit den Italienern.

Rechnen Sie immer noch im Kopf in D-Mark um?

Der Euro eroberte also die Portemonnaies, aber nicht die Herzen. Der Enthusiasmus schwindet: 2002 waren noch 59 Prozent aller Befragten in den 12 Ländern der Gemeinschaftswährung der Ansicht, die neue Währung sei unter dem Strich vorteilhaft für das eigene Land. Bis zum September des laufenden Jahres schrumpfte diese Zustimmung auf 48 Prozent. Vorteile des Euros werden gerne mitgenommen, wie das leichtere und kostengünstigere Reisen und einfachere Preisvergleiche über die Grenzen hinweg. Bei der Schattenseite sind sich so gut wie alle Verbraucher einig: Das neue Geld machte das Leben teurer.

Zu kleiner Euro-Raum

Ein weiterer Grund für die fehlende Euro-Euphorie in Europa ist die weit gehend blockierte Ausweitung des Währungsgebiets. Zum Jahreswechsel wird zwar Slowenien als ein wirtschaftlicher Musterschüler als 13. Mitglied in den Club aufgenommen. Doch danach haben auf absehbare Zeit nur die Mittelmeerinseln Malta und Zypern Chancen auf Beitritt.

In den meisten neuen EU-Ländern verhindern hingegen hohe Inflation und überhöhte Defizite einen Umtausch. Der Zug des Euro in Richtung Osten ist gestoppt. EU-Währungskommissar Joaquín Almunia räumte unlängst ein: "Der Weg zum Euro ist schwieriger, als einige vielleicht zunächst geglaubt haben." Die drei Währungs-Außenseiter der "alten" EU - Großbritannien, Dänemark und Schweden - machen nicht die geringsten Bewegungen in Richtung Euro. Ihr gutes wirtschaftliches Abschneiden sagt ihnen, dass es auch ohne Euro geht.

Euro-Gruppe hat kaum Macht

In der Brüsseler EU-Machtzentrale sind die Verantwortlichen für die Währung in der grauen Realität angekommen. Visionen sind verflogen. Die Eurogruppe, also der Club der 12 Euro-Finanzminister, schaffte es bisher nicht, sich zu einem offiziellen Gremium der EU aufzuschwingen. Ein Vorstoß ihres anerkannten Vorsitzenden Jean-Claude Juncker zu einem verstärkten Dialog mit der EZB scheiterte kläglich am Widerstand ihres Präsidenten Jean-Claude Trichet. Der Franzose nennt sich gerne "Mr. Euro" - weil seine Unterschrift auf den Euro-Banknoten prangt. In der Führung der Euro-Zone knirscht es also erheblich.

Zu wichtigen Fragen findet die Eurogruppe nicht zu einer klaren Sprache. Beispiel: Der hohe Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar. Frankreich ist beunruhigt und fordert "erhöhte Wachsamkeit". Luxemburgs Premier- und Finanzminister Juncker hingegen meint: "Wir sind Längen von einer kritischen Zone entfernt."

spi/AP/DPA/Reuters

Frankreich: Gewöhnung, nicht Liebe

Die Franzosen haben sich zwar an den Euro gewöhnt, aber sie mögen ihn nicht besonders. "Euro" steht für politisch unkontrollierte Macht unsozial denkender Bankiers im fernen deutschen Frankfurt. Und er steht für schwindende Wettbewerbskraft und für Exportbehinderung über unfaire Wechselkurse, die nicht durch Abwertung zu korrigieren sind. Auf den Kassenzetteln werden immer noch die Endbeträge in beiden Währungen ausgewiesen. Das erleichtert den Vergleich, aber auch das innerliche Festhalten am Franc. Und es bestärkt das weit verbreitete Gefühl, bei der Währungsumstellung betrogen worden zu sein.

Nach einer neuen Umfrage halten 52 Prozent den Euro für eine "schlechte Sache" für Frankreich. Sogar 57 Prozent sind der Ansicht, der Euro sei schlecht für sie persönlich. Und 94 Prozent machen den Euro für die Teuerung verantwortlich. 53 Prozent glauben, dass er die Beschäftigung drückt, ergab eine Umfrage des Instituts TNS Sofres für die Zeitschrift "Le Pèlerin". Nur 20 Prozent rechnen nie mehr in Franc um. Die offiziellen Preisstatistiken, die seit Jahren zu vernachlässigende Inflationsraten ausweisen, werden in der Öffentlichkeit und von den Gewerkschaften angezweifelt.

Italien: Probleme mit den Münzen

Geliebt wird der Euro von den allerwenigsten Italienern. Die meisten sehen ihn nach wie vor als "Teuro". Meint eine Römerin: "Früher kostete eine einfach Pizza 6000 Lire, das waren damals sechs Mark, heute mindestens sechs Euro". Außerdem sind die Italiener keine "wertvollen" Münzen gewöhnt: "Man neigt dazu, zu viel Trinkgeld zu geben", klagt ein älterer Römer. Auch fünf Jahr nach dem "Tag X" gibt es mitunter noch Geschäfte, die ihre Preise auch in der "guten alten Lira" angeben. Größere Probleme mit dem Einheitsgeld gibt es aber nicht - die allermeisten haben sich daran gewöhnt.

Griechenland: Schwierige Umrechnung, wertlose Münzen

Wegen des "komischen" Umtauschkurses (1 Euro = 340,75 Drachmen) fiel es zunächst fast allen Griechen schwer einzuschätzen, ob etwas "teuer" oder "billig" ist. So wurden die Verkaufspreise von Grundstücken, Wohnungen oder Häusern bis vor ein oder zwei Jahren in Drachmen angegeben, damit der Käufer den Preis "verstehen" kann. Mittlerweile sind die Drachmenpreise völlig verschwunden. Dagegen tun sich die Griechen immer noch schwer, den Wert der Münzen zu begreifen. Die Drachmenmünzen hatten zuletzt fast kaum Wert und wurden einfach als Trinkgeld zurückgelassen. Viele lassen daher nach dem Kaffeetrinken sogar zwei Euro-Münzen liegen, weil sie sich "schämen" in ihren Augen wertlose Münzen mitzunehmen.

Spanien: Nicht ohne Peseten

In Spanien beklagen sich viele Menschen, mit der Einführung des Euro sei alles teurer geworden. Was vorher 100 Peseten kostete, kostet nun 1 Euro (= 166,386 Peseten). Früher bekam man eine Tasse Kaffee in einem Lokal für höchstens 100 Peseten, nun muss man mindestens einen Euro berappen. Angesichts der komplizierten Umrechnung rechnen viele Menschen bei hohen Beträgen meist noch in Peseten, etwa beim Immobilien- oder Autokauf. In Zeitungsannoncen wird der Preis zuweilen sogar nur in Peseten angegeben. In vielen Supermärkten werden die Preise in beiden Währungen ausgezeichnet, dies gilt auch für die Kassenzettel.

Portugal: Euro ist angekommen

Auch in Portugal wird bei hohen Beträgen nach wie vor in Escudos gerechnet. Allerdings ist die Umrechnung dort einfacher (1 Euro = 200 Escudos). Die Marktschreier haben sich schnell an die Umstellung gewöhnt und priesen ihre Waren von anfang an lauthals in Euro an. Die Portugiesen waren auch stärker an den Umgang mit fremden Währungen gewöhnt, da die fünf Millionen Auswanderer seit jeher Geld in Franc, D-Mark oder Dollar an die Familien in der Heimat schickten.

Belgien: Immer schon Euro-Befürworter

Belgien gehört seit der Bargeldeinführung zu den ausdrücklichen Befürwortern der Euro-Währung. Dem belgischen Franc hat hier keiner richtig nachgetrauert, obwohl die meisten Menschen bei Großanschaffungen wie Häusern immer noch in der alten Währung rechnen. Die Zustimmung zur neuen Währung sank allerdings von 68 Prozent (2002) auf 58 Prozent (2006), liegt aber noch weiter über dem Schnitt der Euro-Zone (48 Prozent/2006).

Niederlande: Gewöhnung, aber Murren

Die Niederländer sind in ihrer Haltung zum Euro gespalten: Eine Umfrage im Sommer ergab, dass die Hälfte von ihnen den Gulden zurückwünscht. Das war etwas mehr als kurz nach der Euro-Einführung. Die meiste Kritik: Der Euro habe alles teurer gemacht. Entsprechend sehnen sich vor allem Menschen mit kleinen Einkommen nach dem Gulden zurück. Immerhin hat sich die große Mehrheit der Niederländer an den Euro gewöhnt, nur etwa ein Viertel rechnet die Preise noch in die alte Währung um. Dass in vielen Geschäften auf- und abgerundet wird, um den Umgang mit den 1- und 2-Cent Münzen zu vermeiden, wird längst ohne Murren akzeptiert.

Irland: Tatsächlich... Liebe

Ganz im Gegensatz zu den britischen Nachbarn waren die Iren gern bereit, sich vom Pfund zu trennen. Heute verbindet sich die Einführung des Euro-Bargelds in Irland fest mit dem erstaunlichen Wirtschaftsaufschwung auf der grünen Insel. Wenn Regierungschef Bertie Ahern darauf verweist und betont: "Wir Iren wollen total gute Europäer sein", dann findet er bei den weitaus meisten seiner Landsleute ungeteilte Zustimmung. Der "keltische Tiger" verdankt einer Kombination aus Beihilfen durch die Europäische Union und einer geschickten Finanzpolitik ein seit Jahren andauerndes Wachstum. Da die Erfolge auch mit der Einführung des Euro-Bargeldes verbunden werden, fragen sich viele Menschen in der benachbarten britischen Provinz Nordirland, ob nicht auch ihnen die Einführung der Gemeinschaftswährung gut tun würde.

Luxemburg: Geschäftsmäßiges Willkommen

In Luxemburg ist das Euro-Bargeld nach Angaben eines Sprechers der Luxemburger Bankenvereinigung weitgehend akzeptiert. Das zeigten Umfragen unter den Bürgern. Der Luxemburgische Franc sei im Ausland kaum bekannt gewesen. "Sobald man 30 Kilometer gefahren ist, musste man Geld wechseln", sagte er. Viele Luxemburger arbeiteten früher wie heute im europäischen Ausland. Zudem sei der Wechselkurs des Euro zum Luxemburgischen France (1:40) einfach zu merken gewesen. "Das trug dazu bei, dass der Euro positiv aufgenommen wurde", sagte er.

Finnland: Keine Probleme

Die Finnin Jaana Lepistö muss auf die Frage nach Problemen mit dem Euro lange nachdenken: "Es hat nie welche gegeben", lautet die Antwort auf einer Einkaufsstraße in Helsinki. Auch bei der Nationalbank fällt niemandem etwas ein. Sogar das zähe Gerücht von Preissteigerungen bei der Einführung sei inzwischen amtlich entkräftet, sagt Banksprecherin Heli-Kirsti Airisniemi: "Wir haben das untersucht. Bleibt nur, dass viele Finnen Preise nach wie vor im Kopf in die gute alte Finnmark umrechnen."