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Infineon: Der Neue muss Farbe bekennen

Wichtiger als die anstehenden Quartalszahlen dürfte Infineon-Mitarbeitern und Anlegern die strategische Ausrichtung des Konzern sein. Dabei gilt Infineon-Chef Ziebart zwar als Raubein, aber teamfähig - anders als Vorgänger Schumacher.

Gut zwei Monate nach seinem Amtsantritt muss der neue Infineon-Chef Wolfgang Ziebart erstmals öffentlich Farbe bekennen. Auf der Bilanz-Pressekonferenz an diesem Dienstag (9.11.) muss der frühere Vize des Reifenherstellers Conti nicht nur die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vorlegen. Wichtiger für Mitarbeiter und Anleger ist, wie der neue Vorstandsvorsitzende die offenen strategischen Fragen lösen will, die ihm Vorgänger Ulrich Schumacher hinterlassen hat. Zumindest die Stimmung im Unternehmen hat sich in den vergangenen beiden Monaten unter der neuen Führung bereits gebessert.

Hoffnung auf Ende des Stellenabbaus

Selbst die IG Metall, die sich mit Schumacher jahrelang Gefechte lieferte, steht dem neuen Vorstandschef aufgeschlossen gegenüber. "Fachlich ist Ziebart höchst kompetent und er ist ein Team Player", zieht Aufsichtsrat Dieter Scheitor eine erste Bilanz. Allerdings bleibt die Gewerkschaft wachsam. Ziebart habe bei sozialen Themen bei Continental "recht raubeinig" agiert. Es sei klar, dass der Neue bei Infineon die Profitabilität nachhaltig steigern wolle. Die Arbeitnehmer hoffen aber, dass Ziebart dabei offen für sozialverträgliche Alternativen ist und anders als Schumacher nicht auf einen weiteren Stellenabbau und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland setzt.

Im Auftreten sind die Unterschiede zwischen dem egozentrischen Schumacher und Ziebart schon einmal groß. Während Schumacher als Rennwagenfahrer von sich Reden machte, meidet Ziebart bisher öffentliche Auftritte. Sein neues Arbeitsgebiet bezeichnet er unprätentiös als "Halbleiterei". In das Geschäft hat er sich nach Angaben aus dem Unternehmen schnell eingearbeitet. Bei technischen Themen liest sich Ziebart akribisch bis ins letzte Detail ein, auf Vorlagen will sich der Manager nicht verlassen. Als Folge leistet er derzeit eine Sieben-Tage-Woche in der für ihn teils neuen Branche.

Vorübergehender Sprung in die Gewinnzone

Handlungsbedarf gibt es bei Infineon nach Einschätzung der Beteiligten durchaus. Nach Milliardenverlusten in den vergangenen Jahren verdient Infineon momentan zu wenig Geld. "Das Unternehmen hat noch nicht die Gewinne gemacht, die man in einem Branchenaufschwung erwartet", sagte zum Beispiel Merck Finck-Analyst Theo Kitz. Nach drei tiefroten Verlustjahren hat der Halbleiterhersteller aber den Sprung in die schwarzen Zahlen geschafft. Im Geschäftsjahr 2004 verbuchte der Münchner Konzern einen Gewinn von 61 Millionen Euro, nach einem Verlust von 435 Millionen Euro im Jahr zuvor. Wie Infineon am Dienstag weiter mitteilte, betrug der Gewinn im Schlussquartal 44 Millionen Euro - weit weniger als vom Markt erwartet. Infineon-Chef Wolfgang Ziebart rechnete für 2005 mit deutlich weniger Wachstum in der Branche.

Mit dem Ergebnis sei er nicht zufrieden, sagte der neue Vorstandschef. In den nächsten Jahren müsse Infineon die Produktivität steigern und die Kosten weiter senken. Im ersten Quartal 2005, das am 1. Oktober begonnen hat, zeichnet sich laut Ziebart in mehreren Segmenten ein Marktrückgang ab. Der Vorstandsvorsitzende verwies auf Prognosen, wonach das Wachstum im weltweiten Halbleitermarkt von nahezu 30 Prozent auf ein einstelliges Wachstum im Jahr 2005 zurückgehen wird. Ziebart sagte: "Nun müssen wir uns auf einen abflauenden Markt einstellen."

Zunahme im Kerngeschäft

Im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2004 habe Infineon den Umsatz von Quartal zu Quartal gesteigert, führte Ziebart aus. Insgesamt kletterte der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro. Alle Segmenten außer der drahtgebundenen Kommunikation hätten von größerer Nachfrage und stabileren Preisen profitiert, sagte der Infineon-Chef. Im Kerngeschäft Speicherprodukte verbesserte sich das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) durch höheren Absatz und niedrigere Kosten von 31 auf 169 Millionen Euro. Die Sparte wurde durch einen Wettbewerbsstreit in den USA belastet, in dem Infineon nach einem Teilgeständnis eine Strafe von 160 Millionen Dollar zahlte. Da die Europäische Kommission derzeit ebenfalls wegen illegaler Preisabsprachen ermittelt, bildete Infineon zusätzliche Rückstellungen von 18 Millionen Euro. Insgesamt kosteten die Wettbewerbsstreitigkeiten den Konzern 209 Millionen Euro.

Die Sparte Automobil- und Industrieelektronik verbesserte das Ebit um fast ein Drittel. Das im letzten Geschäftsjahr noch defizitäre Segment Sichere Mobile Lösungen verbuchte ein positives Ebit. Weil sich das Wachstum im Handymarkt verlangsame, rechnet Infineon mit weniger Umsätzen in den kommenden Monaten. Die Sparte Drahtgebundene Kommunikation konnte den Verlust durch Kostensenkungen leicht verringern. Für die nächsten Monate erwartete Infineon kein Wachstum in diesem Marktsegment. Der Verlust werde erst durch den Verkauf des Geschäfts mit Glasfaserkomponenten reduziert.

Noch keine Einigung mit Schumacher

Auch wenn sich die Blicke schon auf das neue Geschäftsjahr richten, ist auch die Vergangenheit bei Infineon noch nicht aufgearbeitet. Denn der Konzern hat sich noch immer nicht mit Schumacher über eine Abfindung geeinigt. "Verdient hätte Schumacher eine hohe Abfindung mit Sicherheit nicht", sagt Aufsichtsrat Scheitor. Die Regelung der Angelegenheit sei aber Aufgabe des Aufsichtsratsvorsitzenden Max Dietrich Kley und des Präsidialausschusses. Auch sind die Hintergründe der Trennung von Schumacher noch immer unklar. (DPA/Reuters)