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Tariferhöhungen für 2011: Der große Strompreisschock

Strom wird zum Jahreswechsel deutlich teurer. Mehr als 350 Versorger langen kräftig hin. Angeblich, weil die staatlichen Abgaben steigen. Aber plausibel ist das nicht.

Von Sönke Wiese

Das neue Jahr ist noch einige Wochen hin, doch bereits jetzt müssen sich Tag für Tag immer mehr Deutsche über schlechte Nachrichten für 2011 ärgern: Vom 1. Januar an erhöhen viele Stromversorger ihre Preise in großem Stil. Die Verteuerungswelle erfasst das ganze Land, Millionen Haushalte sind schon betroffen, täglich werden es mehr. Und die Preissteigerungen fallen vielerorts heftig aus. Den Rekord halten bislang die Stadtwerke Schwentinental in Schleswig-Holstein: Hier wird der Strom um 14,1 Prozent teurer. Für einen Durchschnittshaushalt mit vier Personen bedeutet das Mehrkosten von rund 133 Euro im Jahr.

Zu den Preistreibern gehören auch drei der vier großen Energieriesen: EnBW (plus 9,8 Prozent), Vattenfall und RWE, die nach einer Erhöhung um 7,5 Prozent im August jetzt abermals 3,7 Prozent draufschlagen. Dass auch Eon im nächsten Jahr nachzieht, gilt unter Experten als ausgemacht. Neben den Großkonzernen erhöhen rund 350 weitere Grundversorger die Strompreise zu Beginn des Jahres. Von 297 liegen bereits exakte Daten vor (alle Unternehmen in der stern.de-Übersicht).

"Das ist eine der größten Verteuerungswellen seit Jahren", sagt Daniel Dodt vom Vergleichsportal Toptarif.de. "Nur Ende 2008 gab es ähnlich viele Erhöhungen." Damals seien wegen der zuvor guten Konjunktur die Preise auf das hohe Niveau geklettert.

Stromversorger schieben EEG-Umlage vor

Doch warum kommt es diesmal zum Preisschock? Die meisten Stromversorger verweisen auf die gestiegene Umlage für die erneuerbaren Energien. Ab 2011 werden hierfür 3,53 Cent pro Kilowattstunde statt wie bisher 2,05 Cent fällig. "Tatsächlich bewegen sich die Erhöhungen von durchschnittlich knapp sieben Prozent der Gesamtpreise in etwa in dieser Größenordnung", sagt Dodt.

Höhere EEG-Umlage = höherer Strompreis: Diese Rechnung, mit der nun viele Stromversorger ihre saftigen Preiserhöhungen begründen, erscheint zunächst einleuchtend. Doch die simple Gleichung hat ein paar Haken. Branchenexperten sagen, der Umfang der Verteuerungen falle viel zu hoch aus. "Die EEG-Umlage vorzuschieben, ist unredlich", meint Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher.

Der Strompreis ergibt sich nämlich aus drei Bereichen: aus dem Netzentgelt, den Beschaffungskosten und dem staatlichen Anteil. Zwar sind die Staatsabgaben wegen Mehrwertsteuererhöhung und EEG-Umlage in den vergangenen Jahren gestiegen - doch gleichzeitig sind die Einkaufspreise für die Versorger stark gesunken. Das zeigen die Daten der Leipziger Strombörse, des größten europäischen Energie-Handelsplatzes.

Stark gesunkene Einkaufspreise

Im dritten Quartal 2008 kostete dort eine Megawattstunde Strom durchschnittlich 73 Euro, ein Jahr später nur noch 37 Euro und im dritten Quartal 2010 knapp 44 Euro - ein massiver Preisverfall, von dem die Unternehmen in jüngster Zeit profitiert haben. "Dagegen ist die Steigerung der staatlichen Abgaben verhältnismäßig lächerlich", sagte Peters stern.de.

Trotz EEG-Umlage hätte sich der Strompreis also schon längst auf einem viel niedrigeren Niveau einpendeln müssen. Warum das nicht geschehen ist, begründen die Grundversorger stets in ähnlicher Weise: Man kaufe den Strom lange im Voraus ein, zum Teil drei Jahre vorher. Die aktuell niedrigen Einkaufspreise seien nicht entscheidend, sondern die hohen aus dem Jahr 2008, heißt es immer wieder.

Das sehen Kritiker wie Peters als Ablenkungsmanöver. Zwar lassen sich die einzelnen Grundversorger bei der Einkaufspolitik nicht in die Karten schauen. Doch für die Branche insgesamt gibt es eine klare Tendenz. "Der größte Teil des Stroms wird genau ein Jahr im Voraus eingekauft", sagte eine Sprecherin der Leipziger Strombörse stern.de. Die Leipziger Daten belegen, dass sich die meisten Unternehmen für 2011 im Frühling dieses Jahres eingedeckt haben - zu relativ günstigen Preisen.

Angesichts des massiven Preisverfalls von 73 Euro pro Megawattstunde im Herbst 2008 auf 37 Euro im Folgejahr, hätte es also spätestens 2010 starke Nachlässe für die Kunden geben müssen. "Jetzt wäre eine Erhöhung allenfalls um zwei bis fünf Prozent in Ordnung - wenn die Versorger die niedrigeren Bezugskosten in den Vorjahren fairerweise weitergegeben hätten", sagt Peters vom Bund der Energieverbraucher.

Doch das haben die meisten nicht, der Endkundenpreis kennt im Branchenschnitt seit Jahren nur eine Richtung: nach oben. Kostete eine Kilowattstunde bei den Grundversorgern Mitte 2008 durchschnittlich noch 21,87 Cent, waren es ein Jahr später 23,58 Cent und 2010 schon 24,23 Cent. Zu Beginn des nächsten Jahres werden es nach Angaben von Toptarif mindestens 24,9 Cent sein.

Erneuerbare Energien dämpfen Preise

Als "Sündenbock" müsse nun die EEG-Umlage herhalten, meint Peters. Dabei hat die Förderung des Ökostroms einen preisdämpfenden Effekt. "Die zunehmende Menge an erneuerbarer Energie bewirkt sinkende Großhandelspreise, weil sukzessive teurere Kraftwerke aus dem Markt gedrängt werden", sagte Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur.

So macht sich auch der über die EEG-Umlage subventionierte Solarstrom bezahlt. Er ersetzt beispielsweise immer mehr den besonders teuren Spitzenlaststrom, der bei erhöhtem Mehrbedarf zum Einsatz kommt. Das ist gewöhnlich tagsüber der Fall - wenn auch die Sonne Energie spendet.

Die Kunden haben nur eine Wahl, um gegen die Preispolitik der Grundversorger zu protestieren. "Ich rufe die Verbraucher auf, die Angebote am Strommarkt genau zu prüfen und gegebenenfalls zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln", sagte Netzagenturchef Kurth.