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Gewerkschaften: IG Metall sitzt zwischen den Stühlen

Jahrelang schien ihre Arbeit nur aus der Forderung nach mehr Lohn und weniger Arbeitszeit zu bestehen. Jetzt werden die Gewerkschaften mit siechenden Branchen und beinharten Unternehmenssanierern konfrontiert - und reagieren defensiv.

Wieder einmal musste die IG Metall in der vergangenen Woche ihre ganzen rhetorischen Künste aufbieten, um schmerzhaften Zugeständnissen noch etwas Positives abzugewinnen. Bei Volkswagen verzichten die Beschäftigten 28 Monate lang auf Lohnerhöhungen und erhalten im Gegenzug eine Jobgarantie. Wie bereits bei Siemens und Mercedes-Benz zuvor mussten sich die Arbeitnehmervertreter tief bücken, um das übergeordnete Ziel der Erhaltung von Arbeitsplätzen zu erreichen. Als "Kompromiss mit Augenmaß" pflegt IG-Metall-Chef Jürgen Peters solche Abschlüsse zähneknirschend zu kommentieren. Der Weg aus der Defensive zurück in die Offensive scheint der Gewerkschaft nicht zu glücken.

Weniger Mitglieder heißt weniger Mittel

Der Mitgliederschwund kratzt am Selbstbewusstsein und reißt Löcher in die Streikkasse, sollte es in einem Arbeitskampf bis zum Äußersten kommen. Gegenmaßnahmen sollen den Trend stoppen: Im Juni startete die IG Metall ein "Arbeitnehmerbegehren als Ausdruck gesellschaftlichen Protestes gegen den Sozialabbau" der Bundesregierung. Doch nachdem die Demonstrationen gegen Hartz IV abgeebbt sind, ist auch von der Unterschriftenaktion nur noch wenig zu hören. Freunde und Feinde machte sich die IG Metall in den vergangenen Wochen mit dem - nicht ganz neuen - Thema Mitgliederbonus: Bei Sanierungen von Unternehmen sollen Gewerkschafter geringe Einbußen hinnehmen als andere Arbeitnehmer.

Einen Aufbruch in eine neue Zukunft können Beobachter in diesen Maßnahmen noch nicht erkennen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sieht die IG Metall sogar "am Scheideweg" und in einer "Identitätskrise". Zweifellos sitzt die Gewerkschaft zwischen vielen Stühlen: Ein aggressiver Konfrontationskurs gegen die Agenda 2010 der Bundesregierung ist aus Loyalität zur SPD nicht möglich. Bei den Verhandlungen in Großunternehmen steht die Gewerkschaft vor dem Problem, die Auswirkungen der Globalisierung und damit die Abwanderung von Jobs in Ausland gegen ihre hart umkämpfte Errungenschaft einer 35-Stunden-Woche in der Branche abwägen zu müssen.

Mehr Handlungsfreiheit auf Betriebsebene

Der hoch geputschte Gegensatz zwischen dem "Hardliner" Jürgen Peters und seinem Vize, dem "Reformer" Berthold Huber, fiel jedoch weitaus geringer aus als von den Gegnern der Gewerkschaft erhofft. Beim diesjährigen Tarifabschluss in Pforzheim wagte sich die IG Metall weit vor und gestand erstmals offiziell den Parteien auf Betriebsebene mehr Handlungsfreiheit zu. In rund 70 Unternehmen haben sich Management und Betriebsrat bisher auf ein eigenes Konzept für einen Ergänzungstarifvertrag geeinigt und es erst dann den Tarifpartnern vorgelegt - 70 weitere Fälle sind nach Angaben des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall derzeit in der Umsetzung.

Dies ist der Versuch, den Flächentarifvertrag um eine flexible Komponente zu erweitern. Gleichzeitig schrumpft dadurch die Macht der Gewerkschaft - und zwar nicht nur in den öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzungen bei den großen Konzernen, sondern langsam, aber sicher auch auf einer breiteren Basis im Mittelstand. Die IG Metall wird dadurch Schritt für Schritt von der kampfbewussten, politischen Gewerkschaft in die Rolle des Dienstleisters und Ratgebers gedrängt. Stärker in den Vordergrund rücken dadurch Betriebsräte wie der poluläre Klaus Franz bei Opel, der sich eher als "Co-Manager" denn als Ideologe versteht. Bei Opel ist die IG Metall im Gegensatz zu VW ohnehin an den Sanierungsgesprächen - auf dem Spiel stehen 10.000 Arbeitsplätze - nicht direkt beteiligt, weil keine Tarifthemen zur Debatte stehen.

Modell des zweistufigen Tarifverfahrens

Nach dem Tarifkompromiss beim Volkswagen-Konzern hat der Zweite Vorsitzende der IG-Metall, Berthold Huber, eine grundlegende Reform des Tarifsystems angeregt. Die IG Metall müsse berücksichtigen, dass sich "die wirtschaftliche Situation der Betriebe immer stärker unterscheidet", sagte Huber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Kritik von Unternehmern, aber auch von Gewerkschaftsseite gab es an der neuen Tarif-Bonus-Strategie der IG Metall. "Manche Betriebe machen satte Gewinne, andere stecken in Schwierigkeiten", sagte Huber. Die IG Metall werde deshalb prüfen, ob sie mit einem so genannten zweistufigen Tarifverfahren auf die veränderte ökonomische Lage reagieren solle. Dabei legen Arbeitgeber und Gewerkschaften die Höhe der jeweiligen Lohnrunde wie bisher in zentralen Verhandlungen für die gesamte Branche fest. "Ein Teil des Abschlusses könnte dann auf Betriebsebene ausgehandelt werden", erklärte Huber.

Derweil stößt die neue Strategie der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, in Tarifverträgen Sonderkonditionen für ihre Mitglieder auszuhandeln, auch in den Reihen der Gewerkschaft auf Kritik. Der Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg, Jörg Hofmann, sagte dem Nachrichtenmagazin "Focus", die IG Metall trete im Sinne des Allgemeinwohls auf. Das spreche gegen einen Bonus. "Genauso könnten die Arbeitgeber einen Bonus für Beschäftigte ausloben, die nicht IG-Metall-Mitglied sind", argumentierte Hofmann.

Kritik an Bonus-Strategie

Auch der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, übte heftige Kritik an der Bonus-Strategie. "Das ist eine Schnapsidee, die dazu führen wird, dass noch mehr Betriebe aus den Verbänden austreten und damit ihren eigenen Weg gehen werden. Damit schießen sich die Gewerkschaften ins eigene Knie", sagte Rogowski. Laut "Focus" ließ auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Sonderkonditionen für ihre Mitglieder in Tarifverträgen festschreiben. Die sei "in einer Hand voll Betriebe" vor allem in Ostdeutschland geschehen, bestätigte NGG-Vorsitzender Franz-Josef Möllenberg. (DPA)