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Immobilienkauf im Ausland Italien verscherbelt Häuser für einen Euro  – so hat sich das Leben in den Dörfern verändert

Italiens Dörfer verkaufen Häuser
Italiens Dörfer verkaufen Häuser
© Ekaterina Chizhevskaya / Getty Images
Italiens Dörfern gehen die Bewohner aus. Um das zu ändern, werden Häuser für Schnäppchenpreise verkauft. Doch mit einem Euro kommt man nicht weit. Denn die Städtchen brauchen Investitionen - und richtig gute Ideen, um überleben zu können.

Selbst in den USA hat sich die Werbe-Aktion einiger italienischer Dörfer schon rumgesprochen. Rubia Andrade aus dem US-Bundesstaat Kalifornien las 2019 einen Artikel über die Städtchen, die für einen Euro Häuser verscherbeln. Das kann nicht stimmen, war die erste Eingebung. Aber was wenn doch? "Ich musste es mir persönlich ansehen", sagt Andrade zur "Washington Post". Drei Tage später buchte sie einen Flug nach Italien.

Schnell musste die Amerikanerin feststellen, dass es einen Grund gibt, warum das sizilianische Städtchen Mussomeli zig Häuser in der Altstadt für den Preis eines Espressos verhökert: Die Häuser sind Ruinen, Dächer sind eingebrochen, Böden aufgerissen. Es liegen tote Tauben herum, Ungeziefer ist in die Gemäuer eingezogen. Kaufinteressenten, die sich nicht vorher informiert haben, sind von den Bedingungen überrascht, sagte Toti Nigrelli, stellvertretender Bürgermeister von Mussomeli, zu "Washington Post". "Wir sagen den Leuten, dass sie zuerst hierher kommen sollen, weil wir keine Überraschungen wollen. Wir möchten, dass sie wissen, worauf sie sich einlassen."

Die Idee ist inzwischen rund zehn Jahre alt: Italiens Dörfer brauchen neue Bewohner, denn genau diese fehlen. Die Alten versterben, die Jungen verlassen die dörflichen Strukturen und ziehen in die Städte. Zurück bleiben die Immobilien, die zunehmend zu Ruinen verkommen. Also begann man die Häuser für kleines Geld anzubieten. Dann gingen die Aufrufe viral. Rund 34 Gemeinden in Italien suchen derzeit so nach neuen Bewohnern. 

Rubia Andrade hat sich nicht abschrecken lassen. Sie kaufte eine der 1-Euro-Häuser. In den Sommermonaten fliegt sie nach Italien, inzwischen begleiten sie Freunde, Familie, sogar Facebook-Bekanntschaften, denen sie beim Kauf der Häuser hilft. Für Andrade ist dies eine günstige Möglichkeit, ein Ferienhaus zu finanzieren. In den USA hätten ihre finanziellen Mittel nicht ausgereicht.

Wie die neuen Haus-Besitzer das Dorfleben beleben

Doch inzwischen geht es Andrade nicht mehr nur um ein nettes Häuschen für die Sommerferien, sie hat eine neue Mission: Der Stadt wieder Leben einhauchen. Denn die durch die fehlenden Bewohner sind die Städte verödet, es fehlt an Geschäften, Cafés, an Geselligkeit. Drei Häuser haben Andrade und ihr Sohn inzwischen gekauft und umgebaut: Zu einem Wellness-Center, einer Kunstgalerie und eine Restaurant. Langfristig wollen sie auf Sizilien leben. 

Allein sind sie mit diesem Schritt nicht. Auch Danny McCubbin ist einer von rund einem Dutzend Ausländern, die sich in dem Städtchen niedergelassen haben. Der Australier arbeitete lange für Jamie Oliver, nun wollte er in dem Dorf eine Gemeinschaftsküche gründen, die für Bedürftige kocht. 30.000 Euro hat er dafür im März 2021 zur Verfügung gestellt. 

Seit dem Sommer ist McCubbin eine Art Botschafter für das 1-Euro-Programm geworden. Bei Farmen und Supermärkten holt er unverkaufte Lebensmittel ab, sonntags kocht er für die Alten im Dorf und einmal wöchentlich veranstaltet er ein gemeinsames Mittagessen für die neuen und alteigesessenen Bewohner des Dorfes. "Die Stadtbewohner dachten anfangs, ich eröffne ein Restaurant. Sie haben das Konzept nicht verstanden", sagte McCubbin.

Genau auf solche oder ähnliche Idee hoffen die italienischen Dörfer. Denn die Häuser zu sanieren und dann allein als Ferienimmobilie zu nutzen, hilft den Dorfgemeinschaften wenig. "Wir brauchen frische Leute, die hierher kommen und uns zeigen, wie sie leben, wie sie denken und was ihrer Meinung nach die Gemeinschaft sein könnte", sagt Martina Giracello, die in einem Nachbarstädtchen aufgewachsen ist. Sie hat die gemeinnützige Initiative "StreetTo" mitgegründet, die bei der Vermittlung von Häusern hilft. Die Organisation will Menschen anlocken, die langfristig nach Sizilien ziehen wollen und nicht nur nach einem Ferienhaus suchen.

So wie das Ehepaar Tonia Bauer und ihr Mann, die Kalifornien verlassen haben, um den veganen Lebensstil ins sizilianische Dorf zu bringen. Inzwischen bieten sie eine vegane Food-Tour für interessierte Touristen an. McCubbin allerdings warnt allzu eifrige 1-Euro-Haus-Käufer, sich zu stark auf Touristen zu konzentrieren. Denn die Dörfer im Hinterland sind bislang für Touristen eher uninteressant. 

Doch die virale Strahlkraft der 1-Euro-Dörfer ändert das. Verirrten sich früher nur wenige Touristen nach Mussomeli, sind es inzwischen mehrere Tausend Besucher pro Jahr. Das hat auch die Ausgaben für die öffentlichen Plätze erhöht: Die Straßenbeleuchtung wurde modernisiert, es gibt öffentliche Parkplätze und die Gehwege wurden repariert. Auch Events und Attraktionen werden geplant, um den Besuchern etwas zu bieten. 

Inzwischen gibt es einige Dörfer, die gar keine 1-Euro-Häuser mehr verkaufen, sondern "Premium"-Häuser. Diese sind deutlich besser in Schuss und Käufer müssen zwischen 8000 und 20.000 Euro einplanen, die sie bezahlen müssen. Doch auch die Schnäppchenhäuser ziehen weitere Kosten mit sich: Inklusive alle Abgaben und Gebühren werden bis zu 3500 Euro fällig, berichtet die "Washington Post".

Danach hätten die neuen Besitzer eine gewisse Frist, in der sie die Häuser sanieren müssen. Meist werden drei bis fünf Jahre veranschlagt und die Käufer müssen eine Kaution hinterlegen. So sollen Spekulanten abgehalten werden. Die Renovierungskosten belaufen sich auf 5000 bis 100.000 Euro. Durchschnittlich würde die Immobilienkäufer zwischen 20.000 und 40.000 Euro ausgeben, so der stellvertretende Bürgermeister von Mussomeli, Toti Nigrelli.

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