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Immobilien-Irrsinn: Zwölf Jahre – dann kam das Haus nebenan auf den Müll

Ex- und hopp! Zwölf Jahre stand das Haus auf dem Nachbargrundstück, dann musste es weg. Dabei war es sehr solide gebaut und in gutem Zustand. Doch nun sind nur noch Brocken übrig.

Das, was von einem Haus übrig bleibt.

Das, was von einem Haus übrig bleibt.

stern

Vor zwölf Jahren wurde auf dem Nachbargrundstück ein neues Haus gebaut. Eine Etage, darauf ein ausgebautes Dachgeschoss – das Ganze mit einem bewohnbaren Keller versehen. Meinen Geschmack traf das Haus nicht. Weder mochte ich die Verblendung mit weißen Reliefsteinen, noch die blau glasierten Dachziegel. Wirklich fürchterlich fand ich die Betonsäulen vor dem Eingang und den Balkon nach hinten heraus, der so massiv aus Beton gegossen wurde, dass er mich an einen Bunker erinnerte.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Zwölf Jahre später turnte eine Gruppe Osteuropäer auf dem Haus mit Tränen in den Augen. Denn sie waren dabei, die Ziegel von diesem "Traumhaus, wunderschön!" herunterzureißen, nachdem sie zuvor schon die Leichtbauwände im Dach mit brutaler Gewalt entfernt hatten.

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1a Bausubstanz hat nichts genützt

Das Haus nebenan wurde abgerissen. Nach zwölf Jahren hatte es ausgedient. Probleme hatte es nicht gemacht. Auch der Leiter der Abrissfirma war schockiert. "Sehr solide gebaut. 1a Substanz", bescheinigte er dem Gebäude. Retten konnte er dennoch nichts. Mit einer riesigen Beißzange knabberten seine Männer die massiven Steinwände zu kleinen Brocken.

Das Einzige, was überleben durfte, war die Einbauküche. Sie wurde am Wochenende vor dem Abriss von zwei Handwerkern demontiert und im Transporter fortgebracht. Dazu kamen noch zwei Dachfenster – sie haben die Dachakrobaten mit in die Heimat genommen.

Ob Türen, Heizung, der vor drei Jahren neu verlegte ökologische Holzfußboden – alles wurde zu handlichen Brocken geschreddert und wanderte dann in einen Müllcontainer oder in Dutzende weißer Schwerlast-Bags.

Streng nach Vorschrift

Warum also musste das Haus weg? Es gab keine Schadstoffe. Es handelte sich auch nicht um einen Schwarzbau. Im Gegenteil – das Haus nebenan wurde streng nach Vorschrift gebaut. Aber genau das wurde ihm zum Verhängnis. Denn die Vorschriften hatten sich zwischenzeitlich geändert.

Vor zwölf Jahren war dem Bezirk und dem Senat nur ein Häuschen recht. Eine Etage, Spitzdach, Ziegel und keine weiteren Diskussionen! Schon das Erteilen dieser Genehmigung gestaltete sich für die Bauherren damals als staatlicher Gnadenakt. Herausgekommen war ein Häuschen mit etwa 130 Quadratmeter Wohnfläche plus dem als Büro ausgebautem Kellergeschoss.

Die Besitzer leben inzwischen in Spanien und verkauften das Grundstück. Danach musste dieses Häuschen Platz machen für einen stattlichen Nachfolger: Zwei Etagen plus Spitzdach statt einer - und zusätzlich darf es vorn und hinten etwas länger werden. Ich würde schätzen, die genehmigte Wohnfläche ist zwölf Jahre später mehr als doppelt so groß. Und das war das Todesurteil für das "alte" Haus. Das ist kein Einzelfall. Hamburg, die wachsende Staat, braucht mehr Wohnraum. Also werden restriktive durch großzügige Regeln ersetzt. Überall in Hamburg und nicht nur bei uns in der Nachbarschaft, werden heute größere Gebäude auf die gleiche Fläche gestellt.

Der rationale Irrsinn bei Immobilien

Das Haus nebenan wäre nicht nur für die Handwerker aus dem Osten ein Traum gewesen. Viele Familien wären glücklich, in ihm wohnen zu können. Es besaß den schon erwähnten super-ökologischen Holzfußboden, ein großes Wohn- und Speisezimmer - direkt verbunden mit der Küche. Zum Abschied bin ich über das Trümmerfeld gegangen. Von dem Heim waren nur noch Brocken übrig.

Den Beteiligten kann ich keinen Vorwurf machen, sie handeln streng rational. Doch mich hat es verstört, welche Werte diese Rationalität bedenkenlos zerstörte. Und auch, wie unökologisch ein Abriss ist, der die Lebensdauer des Gebäudes von 100 auf zwölf Jahre senkte.

Übrigens wollte auch eine Familie das Haus kaufen und dort einziehen. Doch jemand anders hat etwas mehr bezahlt und den Zuschlag erhalten. Rational eben. Dem Haus nebenan hätte ich die neuen Bewohner mit ihren Kindern gegönnt – auch wenn ich die Säulen nicht mochte.

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