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Interview: Gebt den Katjes Zucker

Tobias Bachmüller, geschäftsführender Gesellschafter von Katjes Fassin, im stern-Interview über den teuren Rohstoff Zucker, die Konkurrenz und die erfolgreiche EU-Zuckerlobby.

Tobias Bachmüller, geschäftsführender Gesellschafter des Süßwarenherstellers Katjes Fassin GmbH & Co. KG, spricht anlässlich der WHO-Konferenz in Cancun im stern-Interview über den teuren Rohstoff Zucker, die Konkurrenz und die erfolgreiche EU-Zuckerlobby.

Herr Bachmüller, sind Ihre Katjes-Fruchtgummis und Lakritzkätzchen zu teuer?

Natürlich nicht. Die Qualität ist ja sehr hoch.

Sie sagen, ihre Süßwaren könnten billiger sein, wenn Sie Zucker zum Weltmarktpreis von 220 Euro pro Tonne einkaufen könnten, nicht zu 720 Euro, wie in der EU?

Natürlich. Für die 40.000 Tonnen Süßigkeiten, die wir produzieren, verbrauchen wir jedes Jahr etwa 15.000 Tonnen Zucker. Wir könnten wettbewerbsfähiger sein, wenn wir unseren wichtigsten Rohstoff günstiger einkaufen könnten. Heute zahlen die Verbraucher mit dem Zuckerpreis so etwas wie eine zusätzliche Steuer – eine Zuckersteuer.

Sie würden auch Zucker aus Brasilien oder Südafrika kaufen?

Natürlich. Warum nicht?

Die Qualität ist die gleiche?

Darauf würden wir schon achten. Auf jeden Fall können die das. Man soll da nicht so viel europäische Arroganz haben.

Warum kaufen Sie dann nicht einfach Rohrzucker auf dem Weltmarkt?

Das könnten wir, aber dann würde er so hoch mit Zoll belastet, dass es sich nicht mehr lohnt.

Mit um die 720 Euro pro Tonne zahlen sie auf dem europäischen Markt sogar noch 14 Prozent mehr als selbst der von der EU garantierte Preis. Wie kommt das?

Dazwischen ist ja noch jemand – zwischen Rübenbauer und Verbraucher.

Die großen Hersteller wie 'Südzucker', 'Nordzucker' oder 'Pfeifer&Langen' schlagen also noch ordentlich was oben drauf?

Das ist ein friedliches Oligopol von Anbietern. Die tun sich nicht weh.

Wie stark könnten Sie Ihre Preise denn senken, wenn Sie den Zucker frei auf dem Weltmarkt einkaufen könnten?

Die Tüte Fruchtgummi mit 200 Gramm könnte dann statt 79 Cent fast zehn Cent weniger kosten – zwischen 69 und 75 Cent, je nach Ladenkette.

Die Zuckerindustrie wirft Ihnen falsche Versprechungen vor. Würde Zucker billiger, würden Firmen wie Coca-Cola oder Katjes den Preisvorteil nicht weitergeben.

Da geht die Zuckerindustrie wohl sehr von sich selbst aus. Bei uns herrscht ja Wettbewerb. Katjes hat einen sehr starken Wettbewerber ...

Sie meinen den Marktführer Haribo. Der würde von niedrigeren Zuckerpreisen doch auch profitieren. Das brächte Ihnen keinen Vorteil.

Wir konkurrieren ja nicht nur untereinander, sondern auch gegen andere Angebote: Fruchtgummi konkurriert mit Chips, mit Äpfelchen. Im Winter konkurrieren wir mit Lebkuchen. Wir sind ganz normale Unternehmer und wollen einfach eine funktionierende Marktwirtschaft. Uns zahlt ja auch keiner Subventionen.

Wenn der Zuckerpreis sinkt, gibt Katjes das an die Verbraucher weiter – versprochen?

(lacht): Jetzt versuchen Sie mich festzunageln! Tendenziell stimmt es. Ob eins zu eins – das muss man sehen. Natürlich hängt das auch vom Verhalten unserer Wettbewerber ab.

Warum hat sich das EU-Zuckerregime denn überhaupt so lange gehalten?

Man muss der Zuckerlobby ein Kompliment machen – die sind einfach sehr gut. Die haben das so gut organisiert, dass niemand das System versteht.

Noch Gerhard Schröders ehemaliger Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke verteidigte das Zuckerregime vehement. Wie erklären sie sich das?

Wir befinden uns zwar im Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Aber viele glauben offenbar, wir seien noch halb im Agrarzeitalter.

Interview: Hans-Martin Tillack

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