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Studie aus Großbritannien: Gesundheitsgefahr Büro – so krank machen uns 20 Jahre am Schreibtisch

Dass Bürojobs nicht der Hit für den Rücken sind, ist bekannt. Doch wie schlimm uns die Arbeit am Schreibtisch zusetzt, zeigt nun die schaurige Puppe Emma. Dicke Beine, krummer Rücken, Ausschlag und gerötete Augen: Schreibtischjobs sind eine Katastrophe.

Schmerzender Rücken

Rückenschmerzen am Arbeitsplatz

Getty Images

Krampfadern ziehen sich die Beine hoch, der Bauch ist rund, Ekzeme haben sich an den Armen ausgebreitet: Die Puppe Emma ist wirklich keine Schönheit. Der Buckel auf dem Nacken, die geröteten Augen und die Nasenhaare machen es sicherlich nicht besser. Doch Emma hat einen Auftrag: Sie will schocken. Und das gelingt ihr ausgezeichnet.

Emma wurde von britischen Forscher konstruiert, die im Rahmen der Studie "Work Colleague of the Future" Interviews von 3000 Büromenschen aus Frankreich,Deutschland und England als Grundlage nahmen. In den Gesprächen berichteten die Angestellten von ihren körperlichen Beeinträchtigungen durch Büroarbeit. Das Ergebnis ist diese schaurige Lady. Sie verkörpert 20 Jahre Bürojob und ewiges Sitzen am Schreibtisch. Die Augen sind geschwollen und rot, eine Konsequenz vom Starren auf Monitore. Die Beine, durchzogen von Krampfadern und mit Wassereinlagerungen, zeugen von zu wenig Bewegung. Die zu langen Nasenhaare weisen auf miese Luft im Büro hin. In Auftrag gegeben hat die Untersuchung ein Büromöbelhersteller - und daher wird dann auch das Pro ergonomisch passender Stühle und Tische gelobt. Das mag man alles für clevere Werbung halten. Doch das Problem ist real: Der Schreibtisch kann krank machen. 

"Emma": Diese erschreckende Puppe zeigt, welche Auswirkungen Büroarbeit hat

Bürojob: Der Menschen ist nicht zum Sitzen gemacht

"Sitzen ist für den Arsch" titelte schon die Psychologin Vivien Suchert für ihren Bestseller. Ausgangspunkt ihres Buches: Wir sitzen zu viel. Dabei sei der Mensch eigentlich evolutionär zum Laufen gemacht. "Im 19. Jahrhundert ist ein Mensch noch etwa 13 Kilometer am Tag gelaufen – heute gehen wir nicht einmal mehr 500 Meter", sagte der Münchener OrthopädeMartin Marianowicz der "Bild". Dass langes Sitzen ein Killer ist, ist dabei keine neue Entdeckung. Schon in den 1950er Jahren fand man heraus, dass Busfahrer in London - die beruflich nun mal viel sitzen - ein doppelt so hohes Risiko für einen Herzinfarkt hatten als Schaffner. Auch andere Studie zeigen: Wer lange sitzt, wird schneller krank - und stirbt auch früher.

Das sind gar keine schönen Aussichten - und Emma führt das deutlich vor Augen. Das Problem: Die Zahl der Bürojobs wächst. Der Digitalverband Bitcom geht davon aus, dass heute schon jeder zweite Berufstätige vor dem Computer verbringt. Und das hat Folgen. Laut der Studie klagen in Deutschland 77 Prozent der Arbeitnehmer über direkte Folgen ihrer Schreibtischjobs. 26 Prozent leiden täglich unter Beschwerden, vor allem Rücken- und Nackenschmerzen führen die Topliste an. 57 Prozent der Befragten lassen sich mit Medikamenten behandeln, 41 Prozent machen nichts gegen die Schmerzen.

Für Firmen sind die Beeinträchtigungen eine Katastrophe - denn die Mitarbeiter lassen sich krankschreiben bei starken Schmerzen. Laut der Studie kostet das die deutsche Wirtschaft 14 Milliarden Euro. Früher waren es vor allem Menschen, die körperlich schwer gearbeitet haben, die ihren Körper ruinierten, berichtet Orthopäde Marianowicz. Doch inzwischen seien 60 Prozent seiner Patienten weiblich. Rund 6,5 Stunden pro Tag sitzen Büromenschen am PC. "Dabei ist vor allem die monotone Arbeit an der Tastatur und der Maus problematisch", so der Experte. Und: Die Rückenkranken werden immer jünger. Lag das Durchschnittsalter der Bürokranken vor 15 Jahren bei 50 Jahren, sind die Patienten inzwischen 35 Jahre alt.Firmen steuern inzwischen gegen, in dem sie auf ergonomische Stühle und höhenverstellbare Tische setzen. Tatsächlich sind solche Anschaffungen eine gute Idee. Doch Wundermittel sind sie nicht, denn sie können höchstens präventiv wirken. Wer schon unter Rückenschmerzen leidet, wird diese nicht mit einem neuen Tisch kurieren können. 

Behördenmitarbeiter am häufigsten krank: In diesen Branchen gibt es die meisten Krankschreibungen
In der Land- und Forstwirtschaft meldeten sich die Beschäftigten am seltensten krank - im Schnitt nur 0,72 Krankschreibungen im Jahr. Aber wenn es sie doch mal traf, dann richtig: 14,6 Fehltage je Krankheitsfall sind Rekord. Der Grund dürfte die erhöhte Gefahr von Arbeitsunfällen sein.

In der Land- und Forstwirtschaft meldeten sich die Beschäftigten am seltensten krank - im Schnitt nur 0,72 Krankschreibungen im Jahr. Aber wenn es sie doch mal traf, dann richtig: 14,6 Fehltage je Krankheitsfall sind Rekord. Der Grund dürfte die erhöhte Gefahr von Arbeitsunfällen sein.

Sitzen - im Büro und auch privat

Ein weiteres Problem: Wir sitzen nicht nur beruflich zu viel - sondern auch privat. Denn nach Feierabend  sitzen wir in der Bahn oder im Auto, um dann zu Hause auf dem Sofa  zu hocken. Im Durchschnitt kommt man so auf 9,3 Stunden reine Sitzzeit. Kommen noch Überstunden, Elternabende oder ein Essen mit Freunden dazu, summiert sich die Zeit schnell auf 15 Stunden oder mehr.

Was also tun, um nicht irgendwann als Emma aufzuwachen oder sich ab einem gewissen Lebensalter mit Dauerschmerzen abfinden zu müssen? Klar, Bewegung hilft. Aber leider braucht es mehr, als nur zur Arbeit zu radeln oder nach Feierabend ein halbes Stündchen Sport zu machen. Das alles ist zwar schön und gut und helfe auch Übergewicht zu vermeiden und eine gewisse Grundfitness zu erhalten. Aber um die dauerhaften Folgen des Bürositzens auszugleichen, reicht das nicht, fanden Forscher der Uni Queensland heraus. 

Um die Auswirkungen von Büroarbeit zumindest abzumildern, muss Bewegung in den Joballtag integriert werden - so Forscher der Brown University. Ihre Empfehlung: Auf jede halbe Stunde am Schreibtisch, sollte man sich drei Minuten lang bewegen. Durchs Büro schlendern, zum Drucker laufen, Kollegen in anderen Büros nicht anrufen, sondern besuchen. Laut den Experten gehe es nicht darum, wahnsinnig sportlich zu werden. Sondern einfach nicht zu sitzen.