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Die Folgen der Schlecker-Insolvenz: Zorn und Transfergesellschaften

11.000 Beschäftigte der insolventen Drogeriekette Schlecker mussten entscheiden, ob sie in Transfergesellschaften wechseln wollen. Aber wie funktioniert das genau? Und vor allem: Was bringt das? Ein Interview mit einem, der sich auskennt.

Herr Habel-Kill, wann haben Sie zum ersten Mal das Wort Transfergesellschaft gehört?
Ich weiß noch sehr genau, wie mir am 15.1.2007 von meinem Chef gesagt wurde: Hast du es eben in den Nachrichten gehört, unser Nokia-Werk wird im Herbst geschlossen. Wenige Tage später fiel zum ersten Mal das Wort Transfergesellschaft. Allerdings hatte ich davon einige Jahr zuvor mal gehört, als es schon mal einen großen Stellenabbau bei uns gab und viele Leute in einer Transfergesellschaft gelandet sind.

Was haben Sie sich darunter vorgestellt?
Ich habe es als eine Qualifizierungsmöglichkeit gesehen. Eine Institution, bei der man beschäftigt wird, um sich für die Zeit nach Nokia vorzubereiten.

War denn der Begriff für Sie eher negativ oder positiv besetzt?
Für mich positiv. Natürlich wäre es besser gewesen, sofort eine richtige Stelle zu finden. Aber ich habe gedacht: Diese Zeit bei der Transfergesellschaft wird dir die Gelegenheit geben, das Ende von Nokia richtig zu verarbeiten und dich neu zu orientieren. Es gibt dir die Möglichkeit, dass du nicht sofort überhastet in einen neuen Job flüchten muss.

Das klingt alles sehr gut.
Natürlich gab es da auch eine ganze Menge Zorn. Ich war rund dreizehn Jahre bei Nokia und dann diese komplette Werkschließung. Ich fühlte mich von Nokia einfach so abgeschoben.

Wie lief der Übergang in die Transfergesellschaft ab?
Man musste ihr nicht beitreten. Aber fast alle Kollegen haben es gemacht. Denn die Chance, einen richtigen Job zu bekommen, war damals im Ruhrgebiet nicht besonders hoch. Wir wurden dann auf verschiedene Büros der Transfergesellschaft aufgeteilt, ich kam nach Gelsenkirchen.

Und was macht man bei einer solchen Transfergesellschaft?
Ich habe mich noch vor dem Ende bei Nokia selber umgeschaut, in welchem Bereich ich mich weiterbilden will. Ich habe dann einen Träger gefunden im Bereich Qualitätsmanagement. Die Weiterbildung sollte fünf Monate dauern. Ich habe das mit meinem Betreuer bei der Transfergesellschaft besprochen, und er hat sein O.K. gegeben.

Die Transfergesellschaft ist also nur ein Vermittler?
Ja. Die Transfergesellschaft erstellt Profile von den Mitarbeitern und berät jeden, welche Weiterbildung am sinnvollsten wäre. Die Maßnahme an sich wird dann von Fortbildungsträger umgesetzt.

Hätten Sie den auch Bankkaufmann oder Koch werden können?
Ich wollte keine Umschulung machen, und ich glaube auch nicht, das es gegangen wäre. Denn so etwas dauert ja meistens viel zu lange, unsere Transfergesellschaft war für ein Jahr angelegt.

Wie habe Sie die Betreuung bei der Transfergesellschaft empfunden?
Ich habe sehr intensive Gespräche mit meinem Betreuer geführt und habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Denn ich hatte das Gefühl, dass man sich um meine Zukunft kümmert.

Und wie war es finanziell?
Ich habe rund 80 Prozent von meinem Nokia-Lohn bekommen. Das war mehr als das Arbeitslosengeld, also schon o.k. Außerdem wurde ja die Weiterbildung bezahlt.

Und was haben Sie nach dem Ende der Weiterbildung gemacht?
Ich habe mich in dieser Zeit überhaupt nicht um einen neuen Job gekümmert. Ich bin kein Tausendsassa und wollte mich auf eine Sache konzentrieren. Nach den fünf Monaten gab es bei der Transfergesellschaft Bewerbungstrainings, Infoveranstaltungen zu Selbständigkeit oder zu Jobs im Ausland. Ich habe mich auch viel beworben, aber nichts bekommen. Ich wurde dann erst mal arbeitslos.

Trotz der Weiterbildung in der Transfergesellschaft?
Ja. Aber was ich dort gelernt habe, hat mir geholfen, als ich mich selbständig gemacht habe als Prozessmanagementberater. Und dann habe ich mich nach Süden gewendet und im Dezember 2001 in Nürnberg einen Job bekommen.

Sie waren arbeitslos, haben also einen direkten Vergleich zwischen der Betreuung durch die Arbeitsagentur und bei der Transfergesellschaft. Was ist der Unterschied?
Bei der Arbeitsagentur ist man ein Fall in einer großen Behörde. Man ist dort Leistungsempfänger und ich hatte den Eindruck, die wollen einen nur so schnell wie möglich in irgendeinen Job vermitteln, egal welchen.

Und bei der Transfergesellschaft?
Ich denke, dass die Kompetenz und das Verständnis für meine Situation und die Branche dort viel größer waren. Man war dort die Person, um die es ging. Aus meiner Sicht hat mir die Zeit bei der Transfergesellschaft geholfen, um beruflich weiter zu kommen, aber auch, um mal durchatmen und alles verarbeiten zu können.Aber insbesondere vor dem Hintergrund der Schlecker- "Insolvenz" möchte ich noch sagen, dass eine Transfergesellschaft die persönliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeit einer solchen Freisetzung natürlich nicht ausgleichen kann.

Malte Arnsperger