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Erasmus wird 25 Europa in der Wohngemeinschaft


Europas Studentenaustauschprogramm Erasmus wird 25 Jahre. Die Stipendien haben schon knapp drei Millionen Menschen ins Ausland gebracht - und viele unter die Haube.

Ein "riesiges Partnervermittlungsprogramm" nennt Siegbert Wuttig das Studentenaustauschprogramm Erasmus. Wuttig ist Deutschlands oberster Erasmus-Beauftragter - und wenn er über die menschlichen Folgen des Austauschprogramms spricht, gerät der Direktor der Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) richtig ins Schwärmen: "Erasmus macht Europa in der Wohngemeinschaft erlebbar", sagt Wuttig. Dabei entstünden nicht nur Freundschaften, sondern auch Familien. "Es wird so viel vom Bau Europas geredet - das hier ist die eigentliche europäische Erfahrung!"

Eine Erfahrung, die Studenten derzeit in allen 27 EU-Ländern offensteht sowie in Kroatien, Island, Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und der Türkei. 30.000 junge Menschen aus Deutschland haben im Studienjahr 2010/11 dank Erasmus Zeit im Ausland verbracht, Stipendien für Praktika mit eingerechnet.

Der Prototyp des deutschen Erasmus-Teilnehmers studiert Wirtschaftswissenschaften und verbringt seine Austauschzeit in Spanien. "Da spielt sicher auch der Sunshine-Faktor eine Rolle", sagt Wuttig. Damit nicht alle deutschen Auslandsstudenten in Madrid landen, informiert der DAAD gezielt über Studienangebote in Mittel- und Osteuropa. Die Austauschplätze im sonnigen Süden sind ohnehin begrenzt: Jedes Land soll ungefähr so viele Studenten in ein anderes Land entsenden, wie es von dort empfängt.

Arbeiterkinder gehen seltener ins Ausland

Studiengebühren dürfen im Gastland nicht erhoben werden - woran sich gerade britische Unis oft nicht halten wollten, klagt Wuttig. Durchschnittlich 206 Euro pro Monat bezieht ein deutscher Erasmus-Student im Ausland, Praktikanten werden mit 352 Euro unterstützt. Das Geld kommt ausschließlich aus dem EU-Budget, der deutsche Staat schließt in den meisten Fällen noch Auslandsbafög zu.

Um die Zusatzkosten für den zeitweisen Umzug ins Ausland zu decken, reicht das nicht unbedingt. Kinder von Eltern mit geringem Einkommen oder ohne Uni-Karriere sind beim Erasmus-Programm noch unterrepräsentiert. "Das ist ein Punkt, an dem wirklich noch gearbeitet werden muss", sagt Christiane Biehl, Erasmusbeauftragte an der Uni Köln.

"Viele Studenten finanzieren sich ihr Studium selbst und haben Sorge, ihren Job aufzugeben, wenn sie länger weggehen", sagt Biehl. Sie hofft deshalb auf eine bessere Finanzierung des in Deutschland derzeit mit rund 58 Millionen für das akademische Jahr dotierten Programms.

Probleme mit der Anerkennung der Auslandsscheine

Während die Teilnehmerzahlen ständig steigen, verkürzt sich die Dauer des Aufenthaltes: "Seit der Einführung von Bachelor und Master schauen die Studenten mehr darauf, ob ein Auslandsaufenthalt ins Studium integrierbar ist", sagt Biehl. Der Freiraum, im Ausland auch einmal in andere Disziplinen hineinzuschnuppern, sei geschwunden. In der schwierigen Umstellungsphase auf Bachelor- und Masterstudiengänge sind die Teilnehmerzahlen sogar zeitweise eingebrochen.

Auch heute verläuft der Auslandsaufenthalt nicht immer ganz ohne Reibungsverluste. "Es gibt natürlich weiterhin Probleme mit der Anerkennung der Scheine im Ausland", sagt Lesley Wilson, Generalsekretärin des europäischen Uni-Dachverbandes EUA. Sie vermisst bei den Hochschulen manchmal die Einsicht, dass fremde Lerninhalte ebenso wichtig sein können wie der eigene Lehrplan. "Das läuft aber immer häufiger", sagt sie.

Doch bei allen Schwierigkeiten will sie nicht mehr auf Erasmus verzichten: "Es hat geholfen, dass Europa nicht so ein fernes Konzept bleibt. Das war und ist eines der wichtigsten Programme, die es jemals gegeben hat."

pen/DPA DPA

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