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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Das magische Gefühl, einen alten Schulfreund wiederzufinden

Alte Schulfreunde: Uli und Frank (rechts)
Alte Schulfreunde: Uli und Frank (rechts)
© privat
Ihr kennt das alle: Früher, gefühlt in einem anderen Leben, da wart ihr ganz eng mit bestimmten Schulfreund*innen. Verdammt lang her, aber nie ganz vergessen. Wenn plötzlich und unerwartet ein ehemaliger Klassenkamerad wieder in dein Leben tritt, hat das etwas Magisches. Mir ist es gerade passiert.

Ich saß zu Hause am Schreibtisch, unser Hund schlief friedlich zu meinen Füßen. Homeoffice-Idylle im Zeitalter von Corona. Ich surfte im Netz, um einen Vortrag über Belastungen von Kindern in einer High-Speed-Welt bei einem Bildungsträger vorzubereiten. Seit meinem Buch "Von Kindern lernen", das ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Psychologen Bertold Ulsamer geschrieben habe, werde ich diesbezüglich öfter angefragt.

Im Netz stieß ich auf ein Gespräch mit Dr. med. Ulrich Müller-Knapp, Leiter der Klinik Sonnenhof für Kinder- und Jugendpsychatrie im schweizerischen Ganterschwil. "Über sich hinauswachsen" war das Thema und ich hörte dem Mann interessiert zu, der da so vernünftig sprach. Es ging um Führung und die Klinik Sonnenhof zeichnet sich durch eine extrem hohe Mitarbeiterzufriedenheit aus. Eines meiner Lieblingsthemen.

Ich blickte auf das Bild des freundlichen Mittfünfzigers mit der angenehmen Stimme und plötzlich machte es Klick. Flashback. Ich landete im Jahr 1971, stolze 50 Jahre her. Der Typ, dem ich da zuhörte, war mit mir auf der Schule in Rio de Janeiro. Ich rief meine Mutter an, die sofort ins Familienarchiv abtauchte. Alle Puzzleteile unserer Kindheit wurden sorgsam in Fotoalben eingeklebt. Natürlich fand sie Bilder von Uli und mir, schwarz-weiß, vor einem Klettergerüst. Klare Blicke, die Zukunft vor uns, glückliche Buddies. 

Sein Vater war damals von der Lufthansa als Flugingenieur in die brasilianische Metropole entsandt worden, mein Dad als Lehrer an die dortige deutsche Schule. Da trafen wir uns, verstanden uns auf Anhieb und verbrachten fortan auch unsere Freizeit miteinander. Unsere Eltern feierten gemeinsam in der Deutschen Botschaft, das Leben hatte eine Leichtigkeit und gefühlt waren immer Ferien. Aber wie das so ist, bei auf Zeit ins Ausland geschickten Familien, sobald es zurück in die Heimat oder weiter in andere Länder geht, zerfasern Bindungen, Kontakte gehen verloren. 

Säulen fürs Leben

Dabei sind Freundschaften ein extrem kostbares Gut, das man in den Goldminen des Lebens schürfen kann. Kürzlich las ich einen Beitrag, in dem der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Dr. Wolfgang Krüger von seinen Untersuchungen berichtete. Er fand heraus, dass Menschen, die gute Freundschaften pflegen, seelisch ausgeglichener sind und eine deutlich höhere Lebenserwartung haben. "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt…", trällerten schon die Schauspieler Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweis in dem Film-Hit "Die drei von der Tankstelle". In seinem lesenswerten Buch "Freundschaft: beginnen, verbessern, gestalten" empfiehlt Autor Krüger mehr Zeit in seine Freundschaften zu investieren, ein Abend in der Woche sollte es mindestens sein. Das erste Kapitel leitet er mit einem Zitat des Schriftstellers Arthur Miller ein: "Ein Leben ohne Freunde ist kein Leben."

Frauen sind übrigens diesbezüglich deutlich engagierter, pflegen Freundschaften doppelt so gut wie Männer, ergaben Krügers Erhebungen. Die aktuelle Corona-Krise führt uns gerade eindringlich vor Augen, was wirklich zählt im Leben, wer uns wichtig ist, wer da ist, wenn die Stimmung tief im Keller ist. Freunde sind das stabile Fundament unseres Lebens, geben Erdung, sind Leuchttürme, Wegweiser und unerschütterliche Säulen zum Anlehnen. 

Zwei Freunde auf dem Gipfel des Mount Timpanogos

Eines der Lieblingslieder meiner ältesten Tochter Emily stammt von der Band "Revolverheld". "Das kann uns keiner nehmen" heißt es und ich habe den Song oft mit ihr gemeinsam im Auto gehört. Eine wahre Hymne auf das, was Menschen miteinander verbindet. Textzeilen wie Herzen, die verliebte Pärchen in alte Bäume geschnitzt haben. "Es ist fünf Uhr morgens und wir trinken aufs Leben." Dazu ein wunderbares Musikvideo mit einem in die Jahre gekommenen Duo, das die Lausbübigkeit von früher konserviert hat. Wie die beiden Oldies mit kindlicher Freude Klingelstreiche an Haustüren machen, Grafitti-Herzen an Mauern sprühen oder ein Stopp-Schild klauen – herrlich. Schaut euch den Clip bei YouTube an, es lohnt sich. Alle, für die Freundschaft mehr als ein Wort ist, werden sich darin mit Sicherheit wiederfinden.

Mein Sohn kennt seinen allerbesten Freund schon seit der Krabbelgruppe. Sie waren anschließend gemeinsam im Kindergarten, in der Grundschule und besuchen jetzt das Gymnasium. Sie zocken nachts FIFA21 auf der Playstation, quatschen über Mädchen und wollen später mal Millionen verdienen. Aber am Ende zählt was anderes, das hat mein Junior schon mit 13 gecheckt: "Tim möchte ich nie verlieren", sagt mein Junge und ich liebe ihn dafür.

Meinem wiederentdeckten Schulfreund Uli aus Rio habe ich direkt eine Email geschrieben. Er hat sofort voller Freude geantwortet. Ein halbes Jahrhundert später gehen wir jetzt nochmal auf die Reise zurück in eine glückliche gemeinsame Zeit. Meine Mutter, die mit seiner Mutter damals am Beckenrand im Freibad in der Nähe des Strandes "Leblon" saß, während wir im Wasser herumtollten, erinnert sich genau: "Ihr wart aus dem gleichen Holz geschnitzt, hattet euch immer was zu erzählen und wart ein tolles Team."  

Und weil Sympathie nicht altert, war der Kontakt auch direkt wieder herzlich. Ich hörte nochmal Revolverheld und es fühlte sich verdammt gut an:

"Alte Freunde wiedertreffen

Nach all den Jahr'n

Wir hab'n alle viel erlebt

Und sind immer noch da."


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