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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Spielend entspannen – das starke Comeback der Puzzles

Ich gebe es zu: Ich liebe positive Nachrichten, schlechte machen schließlich täglich genug Schlagzeilen. Gerade schloss die Spielwarenmesse in Nürnberg ihre Pforten und diverse Mitspieler der Branche blicken positiv in die Zukunft: Denn sie machen Rekordumsätze – vor allem mit analogen Spielen und Puzzles.

Puzzlespaß bei den Behrendts

Puzzlespaß bei den Behrendts

Im Jahr 1884 setzte ein Mann im beschaulichen Ravensburg eine Idee in die Tat um: Er brachte in seinem Otto Maier Verlag sein erstes Spiel auf den Markt: "Reise um die Erde" hieß es. Inspiriert von Jules Verne und seinem Bestseller "In 80 Tagen um die Welt". Das Brettspiel bestach durch zahlreiche Details: kaschierter Spielplan, bemalte Zinnfiguren, eine hochwertige Schachtel. Für die damalige Zeit war das außergewöhnlich aufwendig, der moderne Spieleklassiker Monopoly wurde schließlich erst Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden.

136 Jahre später leitet der Urenkel des Unternehmensgründers, Clemens Maier, die Geschicke des inzwischen weltweit tätigen Unternehmens Ravensburger. Pünktlich zur Nürnberger Spielwarenmesse konnte der Volkswirt ein Rekordergebnis präsentieren: Der Jahresumsatz durchbrach erstmals die 500 Millionen-Euro-Schwelle. Das Erstaunliche dabei: Ravensburger wuchs nicht etwa, weil sie ihr Produktportfolio gnadenlos auf Digitalisierung umgestellt haben, sie steigerten ihre Erlöse vor allem durch analoge Spiele - zum Beispiel Puzzles. Um 20 Prozent legte die Produktgattung zu, über 21 Millionen Puzzles mit dem berühmten blauen Dreieck wurden im letzten Jahr verkauft.

Ich habe gerade auch wieder eines erworben: Meine Frau bekam das 1000-Teile-Puzzle mit dem Cast ihrer Lieblingsserie "Downton Abbey" zum Geburtstag. Vorstandschef Maier freut sich über den Erfolg und sagt: "Offensichtlich treffen wir mit unseren Angeboten den Zeitgeist: Als Ausgleich zum eng getakteten Alltag suchen Menschen gemeinsame Erlebnisse und Entspannung beim Spielen."

Puzzles boomen

Dass Puzzles boomen merkt man auch in der Hauptstadt: Im August letzten Jahres eröffnete in der Pappelallee das "Puzzlegeschäft.Berlin". Dort gibt es eine riesige Auswahl verschiedener Hersteller aus aller Welt. Einen Schwerpunkt bilden Puzzles mit 1000 Teilen, aber auch 3-D-Puzzles, Kinderpuzzles und XL-Puzzles mit extra großen Teilen warten auf die wachsende Fangemeinde. Der Laden ist übrigens der zweite von Josef Anders: Seit 2014 betreibt er bereits erfolgreich das "Brettspielgeschäft.Berlin". Dort präsentiert er auf rund 150 Quadratmetern über 3000 Gesellschaftsspiele auf Deutsch und weitere rund 1000 auf Englisch.

Weil Puzzles wieder hoch im Kurs stehen, gönnte er ihnen schließlich einen eigenen Laden mit fachkundigen Beraterinnen und Beratern. Besonders gefragt sind derzeit "Exit-Puzzles". Bei denen werden nicht nur gemeinsam Teilchen zusammengesetzt, sondern auch noch Rätsel gelöst. Ein herrlicher Spaß, der vom oft hektischen Alltag ablenkt.

Die vierjährige Josie zieht mit ihrer "Frozen"-Angel einen Riesenfisch aus dem Wasser.

 

Analoger Spaß stat High-Tech

Auch der Chef der traditionsreichen Berliner Firma "Schmidt Spiele" freut sich über steigende Puzzle-Absatzzahlen. Geschäftsführer Axel Kaldenhoven spricht von einer "fast meditativen Beschäftigungsform", die immer mehr Kunden begeistert. Neben Puzzles entdecken viele Menschen auch andere analoge Spielzeuge neu. Zum Beispiel die altehrwürdige Kugelbahn, die in moderner Form den Spielzeugmarkt unter dem Namen "Gravitrax" erobert hat. Unglaubliche 3,8 Millionen Sets wurden bislang weltweit davon verkauft, ein Ende der Erfolgsgeschichte ist nicht in Sicht. Auch hier: Analoger Spaß statt digitaler High-Technologie. Ich habe kürzlich einen ganzen Nachmittag mit meinem Patenkind damit gespielt und war fasziniert. Wie die Entwickler von spektakulären Rides im Phantasialand haben wir einen actionreichen Parcours gebaut, auf dem die Kugeln mit Hilfe von Magnetismus, Kinetik und Gravitation ins Ziel rollen. So hätte ich mir damals Praxis-Physikunterricht gewünscht, dann hätte ich sicher deutlich mehr verstanden.

Das Thema analoge Zerstreuung gewinnt im Zeitalter der Digitalisierung stetig weiter an Bedeutung: "Immer öfter bleibt das Mobiltelefon in der Tasche und es werden Spiele auf den Tisch gebracht", erklärt der Branchenverband Spielverlage e.V. Ich kann das bestätigen. Mindestens einmal in der Woche steigt bei uns ein Spielenachmittag. Aktueller Favorit: "Die Siedler von Catan" aus dem Kosmos-Verlag. Derzeit spielen wir die Erweiterung "Entdecker & Piraten". Erdacht hat sich dieses brillante Strategiespiel Klaus Teuber, einer der bekanntesten Spieleautoren Deutschlands.

Auch mit Freunden haben wir Gesellschaftsspiele anstatt reiner Abendessen wiederentdeckt - zur kindlichen Freude der Erwachsenen. Kürzlich spielten wir bis in die frühen Morgenstunden. Alle hatten soviel Spaß, dass niemand auf die Uhr schaute, aufs Handy schon gar nicht. Ich persönlich freue mich auch aus einem ganz anderen Grund über die Renaissance der analogen Spiele und der beruhigenden Puzzles: Schließlich möchte ich mir in ein paar Jahren einen langgehegten Traum erfüllen und in Köln ein Spielzeuggeschäft übernehmen.