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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Tief in mir drin träume ich vom Trecker

Kürzlich stand Frank Behrendt an einer Tankstelle, als ein wunderschöner alter Trecker vorfuhr. Der Besitzer war kein Landwirt, sondern ein großer Junge, der sich sein kleines Lieblingsspielzeug aus Kindertagen als Erwachsener in groß gegönnt hatte.

An der Tankstelle begegnete Frank Behrendt dieser wunderschöne Trecker

An der Tankstelle begegnete Frank Behrendt dieser wunderschöne Trecker

Es gibt Schwarz-Weiß-Fotos von mir im Fotoalbum meiner Mutter, die zeigen mich in Hänigsen bei Hannover als stolzen glücksverschmierten Besitzer eines kleinen Treckers mit Anhänger. "Bauer Lütt" war ich damals, täglich schwer beschäftigt mit dem Ein- und Ausladen von Sand. Meine eigenen Kinder lachen sich heute kaputt darüber.

Als meine Eltern mit uns Kindern 1967 die Koffer packten und wir nach Rio de Janeiro in Brasilien zogen, blieb der geliebte Traktor bei den Nachbarskindern zurück. Zum Trost für den Verlust bekam ich einen kleinen Hanomag-Trecker als Modellauto, den ich mit in die neue Heimat nahm. Wir spielten auch in den Tropen Bauernhof, obwohl die Millionenmetropole unterm Zuckerhut alles andere als eine ländliche Gegend war.

Als wir im Zuge der Rückkehr nach Deutschland wirklich aufs Land an die Nordsee zogen, fuhren dort gefühlt fast mehr Trecker als Limousinen durchs Dorf. Besonders großartig fand ich es damals, wenn wir in den Ferien einen Onkel in unserer großen Familie auf seinem Großbauernhof besuchten. Da durften wir nicht nur auf dem Heuboden herumtoben, sondern auch zur Feier des Tages mit einem riesigen John-Deere-Ungetüm mitfahren. Da fühlte ich mich auf dem hohen Fahrersitz auch als schlaksiger Hänfling direkt wie der mächtige Arnold Schwarzenegger himself.

Mancher Psychologe wird die Liebe zu Treckern sicher mit irgendeiner maskulinen archaischen Bestätigungsattitüde in Verbindung bringen. Ich kenne allerdings genug tolle Frauen, die ebenfalls Freude an starken Traktoren haben. Meine kleine Schwester hat auch einen und wenn ich bei ihr bin, stehe ich stets mit großen Kinderaugen davor. Als ich nun an der Kölner Tankstelle diesen herrlich restaurierten und polierten alten Trecker sah, erinnerte ich mich an meinen kleinen Spielzeugtrecker aus der Kindheit. Genau so sah er aus.

Ich sprach den Besitzer an, ein sportlicher Mitvierziger, der weder Landwirt noch Förster, sondern Architekt war. Er hat sich den alten Trecker vor ein paar Jahren auf einer Auktion gekauft und liebevoll restauriert. Aus Spaß, weil er wie ich seit Kindertagen Trecker mag. Bei schönem Wetter fährt er damit eine Runde und wenn in Köln Karneval ist, führt er mit seiner schönen Zugmaschine den Veedelszug eines Turnvereins an.

Nicht jeder kann den Spleen mit dem alten Gefährt nachvollziehen. Diverse Freunde, so erzählte er mir an der Zapfsäule, hätten ihn kopfschüttelnd gefragt, wieso er sich denn nicht lieber einen schicken alten Sportwagen zulegen würde. Denen hat er geantwortet, dass er treu zu seiner ersten Fahrzeugliebe steht und die war nun mal ein Trecker.

Ich malte mir auf dem Heimweg aus, was wohl meine Kinder machen werden, wenn sie sich später in romantischer Erinnerung das erste Gefährt ihrer Kindheit in die Garage stellen wollen. Bei meiner Tochter Holly wäre es ein Bobbycar - in schrillem Pink.

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