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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Warum Bonner Bretter meiner Tochter die Welt bedeuten

Die ersten Stunden an den Arbeitstagen in der zweiten Herbstferienwoche saß Frank Behrendt jeweils im Schatten der alten Tapetenfabrik in Bonn am Laptop. Seine Jüngste nahm derweil jeweils an einem Schauspielworkshop vom Jungen Theater Bonn teil. Sie hatte Spaß, ihr Vater auch.

Frank Behrendts Tochter vertiefte in den Herbstferien ihre Leidenschaft fürs Schauspielern (Symbolbild)

Frank Behrendts Tochter vertiefte in den Herbstferien ihre Leidenschaft fürs Schauspielern (Symbolbild)

Getty Images

Mein Patenonkel wäre liebend gerne Schauspieler geworden. Er hatte viel Talent, liebte die Sprache und war auf der Bühne ein Ereignis. Aber mein Großvater hielt die künstlerische Ader seines Sohnes für eine Marotte, war strikt dagegen, dass er sich für eine "brotlose Kunst" ausbilden ließ. Also wurde er Betriebswirt. Erfolgreich wurde er auch da, aber tief in seinem Herzen trauert er heute noch einer Karriere auf den Brettern nach, die ihm damals die Welt bedeuteten.

Meine jüngste Tochter Holly antwortete schon im Kindergarten, ohne groß zu überlegen, auf die Frage, was sie denn einmal werden wollte: "Ich möchte auf einer Bühne die Menschen zum Lachen bringen." Carolin Kebekus kann also irgendwann beruhigt in Rente gehen, Holly übernimmt.

Da wir in den Herbstferien nicht auf Reisen waren, überlegten wir frühzeitig im Familienkreis, womit sich unser Nachwuchs sinnvoll die schulfreie Zeit vertreiben könnte. Forscher im Kölner Zoo, Judo- und Tennis-Camps standen auf dem Programm. Holly wollte in der zweiten Woche auf die Bühne.

Also fuhr ich sie jeden Morgen nach Bonn-Beuel zu einem Workshop der 6- bis 9-Jährigen. 16 Mädchen und Jungen wurden von der leidenschaftlichen Schauspielerin Kerstin eine Woche lang unterrichtet. Holly war Rapunzel, Pirat, die kleine Hexe und einmal sogar Hund - in der Rolle eines Golden Retrievers. Immer wenn ich meine Jüngste im Probenraum auf dem Gelände der alten Tapetenfabrik abholte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Während der Rückfahrt kam ich kaum zu Wort, was wirklich sehr selten vorkommt.

Meine Frau und ich gehören wahrlich nicht zu den Eltern, die ihre Kinder in eine bestimmte Richtung bugsieren wollen, schon gar nicht sollen sie irgendwelche Kinderstars werden. Aber wir möchten ihnen alle Möglichkeiten geben sich auszuprobieren, um dabei selbst zu entdecken, welche Talente und Leidenschaften in ihnen stecken. Unsere kleine Rampensau Holly, die oft und gerne nach dem Abendessen eigene kleine Shows zum Besten gibt, scheint an der darstellenden Kunst ausgesprochene Freude zu haben.

Der Schauspiel-Workshop hat sie offenbar zusätzlich motiviert. Als sie hörte, dass das feste professionelle Ensemble vom Jungen Theater Bonn in diesen Tagen die Premiere des Stücks "Der Räuber Hotzenplotz" feiert, bot sich Holly direkt als Ersatz für die Rolle der Großmutter an, falls die Erstbesetzung einmal ausfallen sollte. Um auf den Ernstfall optimal vorbereitet zu sein, hat sie sich - ganz Profi - von ihrer Oma schon mal die alte Kaffeemühle ausgeliehen.