HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Warum wir lernen sollten, wieder Ferien statt Urlaub zu machen

"Mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmäßig wiederkehrende Arbeitspause" steht im Duden über "Ferien". Für die Kinder von Frank Behrendt haben gerade die Sommerferien begonnen und ihr Vater denkt derweil gerne an seine eigenen zurück.

Ferien

Ferien heißt, dass man auch mal ausgiebig Faulenzen darf.

Getty Images

Ein komplett wolkenloser Himmel, angenehme Wärme, das satteste Grün, das man sich vorstellen kann und ein idyllischer Bach, der in Schlangenlinien ins Tal plätschert. An diesem saßen mein Bruder und ich und sahen kleinen Papierschiffchen zu, die wir zu Wasser gelassen hatten. An einem Ast drehte sich ein Schaufelrad, das unser Vater aus einer Blechdose angefertigt hatte. Wenn die Dämmerung hereinbrach, hüpften Kröten über die Wiese und das Orchester der Grillen zirpte so laut, dass wir nicht einschlafen konnten. Dann saßen wir in Decken gehüllt noch lange draußen in der Dunkelheit und betrachteten fasziniert die Heerscharen von Glühwürmchen. 

Der junge Frank im Sommer 1970 vor dem himmelblauen Ferienhaus "Sitio del Riacho" in Brasilien

Der junge Frank im Sommer 1970 vor dem himmelblauen Ferienhaus "Sitio del Riacho" in Brasilien

Das "Sitio del Riacho", das Ferienhaus am Bach in den Bergen von Friburgo, weit weg von der schwülen Sommerhitze der Millionen-Metropole Rio de Janeiro, war Anfang der 70er Jahre unser Ferienparadies für die schönsten Wochen des Jahres. Als Junge habe ich dort vor dem himmelblau angestrichenen Häuschen meine Abenteuer aufgeschrieben und mich nach dem Wiederbeginn der Schule jeden Tag an diesen magischen Ort zurückgesehnt. 

Kürzlich las ich "Hotel Laguna", den Bestseller von Edelfeder Alexander Gorkow. Der renommierte Journalist der Süddeutschen Zeitung kehrte nach 30 Jahren an das Paradies seiner Kindheit zurück, die Bucht von Canyamel auf Mallorca. Sein Buch ist eine melancholische und wunderbare Liebeserklärung an Ferien mit der Familie. Er schreibt viele grandiose und kluge Sätze wie: "Zerstreuung ist die schönste Form der Trance. Wer sich zerstreut wie Sand, entlässt seine Teilchen aus dem genervten Ganzen." 

Viele haben verlernt, dass Ferien wichtig sind und etwas anderes bedeuten als Urlaub. Ferien sollen der Erholung dienen, steht schließlich schon im Duden. Wer gehetzt mit dem Smartphone in der Hand die organisierten Touren einer Pauschalreise abarbeitet und alles und jeden abfotografiert, wird Zerstreuung - ich liebe dieses Wort - eher selten erleben. "Ich könnte das nicht, einfach nur so am Meer liegen", erklärte mir kürzlich die Mutter einer Freundin meiner kleinen Tochter. "Ich muss immer was machen." 

Holly, meine Jüngste, hat dagegen den originären Sinn der Ferien auf ihre ganz eigene Art und Weise verinnerlicht. Am ersten freien Montag ihrer sechs Wochen langen Sommerferien lag sie gemeinsam mit unserer kleinen französischen Bulldogge in einem blauen Zelt auf der Wiese im Garten und schaute einfach in den Himmel. Aus ihrem kunterbunten CD-Player dudelte der legendäre Song von Astrid Lindgrens grandioser Kinderheldin Pippi Langstrumpf: "Faul sein ist wunderschön, denn die Arbeit hat doch Zeit. Wenn die Sonne scheint und die Blumen blühn ist die Welt so schön und weit."

PS: Weil ich mit meiner Familie richtig schöne Ferien mit maximaler Zerstreuung genießen möchte, mache ich in den  nächsten Wochen eine digitale Pause. Meine nächste stern-Stimme erscheint daher erst wieder am 17. August. Genießt den Sommer! 

Socken in Sandalen

Themen in diesem Artikel